Ausstellung

Das Morat-Institut zeigt Malereien auf Papier und Installationen von Heidi Gerullis

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

So, 10. Februar 2019 um 20:15 Uhr

Kunst

Die Künstlerin: Heidi Gerullis. "tieni duro" (halte durch) – so heißt deren schöne Ausstellung, die jetzt im Freiburger Morat-Institut zu sehen ist.

Als Studentin der Kölner Kunsthochschule nahm Heidi Gerullis 1969 an der ersten Art Cologne teil; es war bekanntlich die erste internationale Kunstmesse überhaupt. Nach dem Studium folgten Auslandsaufenthalte in London, Mailand und Florenz, ehe sich die Malerin 1980 in Freiburg niederließ. Wo sie im Wechsel mit Castello di Montefioralle, einem Flecken in der Toskana, noch heute lebt.

Als Künstlerin gar nicht erfolglos, arbeitete Heidi Gerullis von Mitte der 90er Jahre an gleichzeitig als Schmuckdesignerin. Erst 2012 legte sie den Schwerpunkt wieder auf die Kunst. Reminiszenzen an ihre Designerphase möchte man in der Ausstellung im Morat-Institut in Freiburg in Bildern in Blattgold oder -silber erkennen. Weitere Arbeiten verwenden diese Materialien auch im Verbund mit anderen. So eine Wandinstallation mit lang gezogenen Vierkant-Eisenblechen. Schwarz bemalt und in vertikaler Ausrichtung an der Wand aneinandergereiht, laufen die Bleche oben in einen goldfarbenen Abschluss aus. Eine weitere Installation aus schwarz bemalten flachen Eisenblechen in der Form eines Viertelkreises nimmt Bezug auf die Shed-Dächer des Instituts. Von einigen Kleinskulpturen aus Metall abgesehen, sind alle übrigen Exponate Malereien auf Papier.

Wenn Linienbündel atmen und tanzen

"tieni duro" – halte durch, heißt die schöne Ausstellung, die sich von der mittleren und südlichen Halle auf das Foyer und das südliche Kabinett ausdehnt. Der Titel könnte sich lebensgeschichtlich, als Durchhalteparole und Aufforderung an sich selbst zu Ausdauer und Beständigkeit lesen lassen. Er könnte sich aber ebenso gut auf eine Reihe von Malereien beziehen. In ihnen ziehen sich trotz Hindernissen mehr oder weniger feine vertikale Linien vom oberen Ende des Blatts bis zum unteren. Vielleicht, dass die Arbeiten selbst biografische Bezüge haben.

Die vertikalen Linien aber sind Ritzungen. Heidi Gerullis’ Malerei bedient sich einer sehr speziellen und originellen Technik. Mit dem Spachtel trägt sie auf dem Papier Farbe auf, wobei waagrechte Linien oder Stege als Farbaufwürfe entstehen. Darüber legt sich eine zweite, andersfarbige Schicht. In sie ritzt sie durchgezogene Linien ein, so dass die Farbe der unteren Schicht zum Vorschein kommt. So entstehen Lineamente in der Farbe der unteren Farbschicht. Heidi Gerullis kommt von der konkreten Kunst her. In der südlichen Halle ist neben der Installation der in unregelmäßiger Folge am Boden an der Wand lehnenden Viertelkreisbögen aus Eisenblech eine Folge von konkret-konstruktiven Arbeiten zu sehen. Das Merkmal der Kompositionen ist, dass sich in ihnen geometrische Formen in verschiedenen Farben auf unterschiedlichen Ebenen überlagern – eine strukturelle Parallele zu den Ritzenbildern.

Letztere aber weichen von den konkreten Malereien nicht allein in der seriellen Reihung vertikaler Linien ab, die sich nicht zu geometrischen Körpern zusammenfügen. Vielmehr erscheinen sie wie von organischem Leben erfüllt. Grund sind Unregelmäßigkeiten, Abweichungen – die Aufweichung des Schemas der vertikalen Lineaturen. Denn stellenweise geraten die Linienbündel in Bewegung. Sie beginnen zu atmen und zu tanzen. Hat ein monochrom goldfarbenes Bild aus Blattgold in der wellenartig bewegten Bildoberfläche die Anmutung eines Vorhangs, so schimmert in Heidi Gerullis’ Ritzenbildern durch den Schleier der oberen Farbschicht lebendigstes Leben hindurch.

Morat-Institut, Lörracher Str. 31, Freiburg. Bis 20. März, Sa 11–18 Uhr.