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12. Februar 2016

Theater

Das Projekt "Laut und Lyrik" in Freiburg

Das Freiburger Sprechtheater "Laut und Lyrik" präsentiert Dichtung der Moderne.

  1. Laut und Lyrik mit musikalischer Ausgestaltung Foto: Pro

In seinem neuen Programm "Aus meinem Schädel wachsen Blumen" setzt "Laut und Lyrik", das Sprechtheater am Deutschen Seminar der Universität Freiburg, eine Auswahl von rund 60 Gedichten aus dem frühen 20. Jahrhundert szenisch, musikalisch und mitunter auch dramatisch um.

In der Kunst, vor allem aber in der Literatur brachte das erste Drittel des 20. Jahrhunderts, speziell die Zeit um den Ersten Weltkrieg herum, ein wahres Feuerwerk an epochemachenden Stilen und Richtungen hervor. Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Dadaismus bildeten ein Spannungsfeld, das nicht nur Dichter und ihre Werke umfasste, sondern auch den Zeitgeist abbildete: jenes Neben- und Miteinander von Verzweiflung an der modernen Welt, von kritischem Geist und von Auflehnung, von moralischer Mahnung einerseits und einem schon zwanghaften Streben nach Genuss, nach Exzess, nach Vergessen.

Derzeit wird noch im Theatersaal der Alten Universität geprobt, die Aufführungen von "Aus meinem Schädel wachsen Blumen" werden im E-Werk und im Theater Freiburg zu hören (und zu sehen) sein. Geboten wird etwas, das die zwölf Darstellerinnen und Darsteller am ehesten als "lyrische Revue" bezeichnen. Ausgewählt wurden die sechs jungen Frauen und sechs Männer in mehreren Castings. Alle sind Studierende, jedoch nicht in allen Fällen solche der Germanistik. Debütanten ergänzen alte Hasen, die schon bei vergangenen Auftritten mit von der Partie waren.

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Eine besondere Herausforderung war es für den Regisseur und "Laut und Lyrik"-Begründer Wilfried Vogel einerseits, die so unterschiedlichen, ja oft konträren Tendenzen und Tonlagen der Gedichte zu einer schlüssigen Inszenierung zu verbinden. Andererseits liegt die Kunst der Aufführung aber auch in den Übergängen zwischen den einzelnen Texten. Dem Ensemble von "Laut und Lyrik" gelingt dies sowohl durch sprachliche Brückenschläge als auch durch die musikalische Ausgestaltung, in der mit Instrumenten und Gesang immer wieder Passagen begleitet werden.

Gesprochen wird einzeln, in Gruppen, chorisch. Wie im einleitenden Gedicht "Schöpfung" von Gerrit Engelke, bei dessen Rezitation die Darsteller nicht nur auf der Bühne, sondern auch in Hufeisenform davor stehen, ergibt sich ein Sprach- und Hörgeschehen in Dolby-Surround-Qualität.

Grob ist das Programm in zwei Teile gegliedert: "Am Anfang stehen ernste Stücke, in der zweiten Hälfte bilden die 1920er Jahre und Dada den Schwerpunkt", erläutert Wilfried Vogel. So kommt es dann, dass Jakob van Hoddis’ "Weltende" mit dem Klassiker "Lilli Marleen", Kurt Schwitters’ "Sie puppt mit Puppen" mit Erich Kästners "Sachlicher Romanze" kontrastieren – und zugleich ein kleines Gesamtpanorama zeichnen.

Brauchen Gedichte, diese "alten Hüte", heutzutage notwendigerweise Inszenierung, um im wahrsten Sinne des Wortes noch Gehör zu finden? "Lyrik will gesprochen und gehört werden", beschreiben die Darsteller von "Laut und Lyrik" die Basis für ihre Arbeit. Bei der "literarischen Revue" handelt es sich in diesem Sinne um eine Notwendigkeit, die in der Lyrik selbst angelegt ist.

Nach der Einschätzung von Wilfried Vogel kann bei der Truppe nicht vom bloßen "Studententheater" die Rede sein: "Die Frage ist, was Professionalität ausmacht", sagt der Logopäde, Musiker und Dozent für Sprecherziehung und Rhythmik an der Universität Freiburg. Die jungen Darsteller besäßen Liebe zur Sprache, sprachliche Präzision und die Bereitschaft, "sich voll reinzuknien". Durch die Konzentration auf den Sinn dessen, was gesprochen wird, seien nicht nur die Akteure gefordert, sondern auch das Publikum.

Bei der Erarbeitung des Programms sei es zuallererst um das sprachliche Potenzial gegangen, berichten die Darsteller am Rande der Proben: "Wir haben uns gefragt, was uns der Text gibt, was man sprecherisch daraus machen kann." Die theatralische Gestaltung sei erst danach relevant geworden. Die Musik verstärkt den Vortrag, ersetzt aber keine einzige Silbe.

Wer sich vor den in der zeitgenössischen Kunst allgegenwärtigen, bisweilen allzu selbstgenügsamen "Performances" scheut, darf solche Skrupel angesichts von "Aus meinem Schädel wachsen Blumen" getrost ignorieren – mehr tiefes und zugleich unterhaltsames Erleben von Lyrik geht kaum.

Termine: Freiburg, E-Werk, 18. bis 20. sowie 26. und 27. Feb., 20 Uhr;
Freiburg, Theater, 15. bis 17. März, 20 Uhr

Autor: Bettina Gröber