Das Schicksal des Schwowalades

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 20. Oktober 2018

Computer & Medien

HÖRSPIEL: Martin Graff erzählt in "1918 Abschied" die Geschichte einer deutsch-amerikanischen Familie in Straßburg.

Es beginnt mit Walzerklängen. Ein junger Mann fordert eine junge Frau zum Tanzen auf. Er ist Deutscher, stammt aus Lenzkirch. Sie ist Amerikanerin, lebt in der französischen Schweiz. Er besitzt in Straßburg am Gutenbergplatz ein alteingesessenes Haushaltswarengeschäft – den "Schwowalade". Noch heute ist er manchem Straßburger ein Begriff, wie Martin Graffs Mundarthörspiel "1918 Abschied" mit eingespielten O-Tönen belegt. Der elsässische Autor und Kabarettist ist prädestiniert für diesen Stoff. Niemand könnte die wahre Geschichte von Paul und May Siebler-Ferry besser erzählen als er. Er tut es in der SWR-Produktion nicht nur als Regisseur, sondern auch buchstäblich: Er ist die Erzählstimme, die diese in manchem unglaubliche, in anderem auch empörende Geschichte zusammenhält und die verschiedenen Episoden miteinander verknüpft.

Das Elsass ist seit dem deutsch-französischen Krieg von 1870 unter deutscher Herrschaft. Der Schwarzwälder Paul Siebler, der 1893 seine May heiratet und sich mit ihr in Straßburg in einer Wohnung mit Blick auf der Münster niederlässt, ist in der elsässischen Metropole ein angesehener Bürger. Die Leute kaufen gern im Schwobelade. Bis der Erste Weltkrieg ausbricht – und die Söhne Clinton und Arno als Soldaten an die Front ziehen. Während Arno in französische Gefangenschaft gerät, fällt Clinton kurz vor Kriegsende in Belgien.

Seine Mutter, die ihren Ältesten im letzten Gespräch vergeblich daran zu erinnern versucht hatte, dass er auch Amerikaner ist, setzt sich in den Kopf, den Leichnam nach Lenzkirch zu überführen. Wider alle Wahrscheinlichkeit und mit dem Geld des vermögenden Kaufmanns gelingt das verwegene Unterfangen. Es ist der dramatische Höhepunkt des Hörspiels, wenn der Sarg in einem zu kleinen Auto – dessen Fenster zerschlagen werden müssen – aus Brüssel herausgebracht wird und im Schwarzwald seine letzte Ruhestätte findet: Angesichts von Millionen anonym bestatteter Soldaten ist das ja fast so etwas wie ein Wunder. Clinton wird mit dem Geleit der Kirche als Kriegsheld unter die Erde gebracht.

Was dann folgt, ist die Vertreibung der Siebler-Ferrys aus dem Elsass. Auch wenn der von Volkmar Staub sehr überzeugend gesprochene Paul das lange nicht wahrhaben will ("Ich kenne meine Elsässer"), muss er doch den geänderten politischen Verhältnissen Rechnung tragen. Das Elsass gehört jetzt wieder zu Frankreich, in Straßburg herrscht für einige Tage der revolutionäre Ausnahmezustand – wie ihn der damalige Militärarzt Alfred Döblin in seinem Roman "November 1918" beeindruckend geschildert hat. Die 60 000 "Altdeutschen" , die in Straßburg leben, werden mit Schimpf und Schande ("Schwobe nüs!") aus dem Land gejagt. Paul Siebler-Ferry verliert sein gesamtes Vermögen und wird Leiter der Uhrenfabrik in Lenzkirch. Unter den Nationalsozialisten holt er sich sein Eigentum zurück – bis eine Bombe 1944 das Haus am Gutenbergplatz unter sich begräbt.

Seine Enkelin, 1924 geboren, lebt bis heute in Freiburg. Von ihr hat Graff alle Dokumente für sein Hörspiel. Am Ende lässt er die 93-Jährige mit fester Stimme zu Wort kommen. Herta Siebler-Ferry muss eine beeindruckende Frau sein – wie ihr Großvater, der sich den politischen Zeitläuften nicht beugen wollte. "1918 Abschied" ist ein lehrreiches Hörstück – und in der lebendigen Vielfalt seiner Stimmen ein Plädoyer für ein offenes Europa.

Ursendung: Sonntag, 21. Oktober,
21.03 Uhr, SWR 4.
Präsentation mit dem Regisseur:

21. Okt., 11 Uhr: Dreiländermuseum Lörrach;

8. Nov., 20 Uhr: Neutorbuchhandlung Breisach; 11. November, 11 Uhr: Kumedi Riegel