Das Sein hinter dem Schein entdecken

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 12. September 2018

Kirchzarten

Ausstellung mit Skulpturen von Hamid Ghodratmand beim Kunstverein Kirchzarten.

KIRCHZARTEN. Reine Skulpturenpräsentationen bilden die Ausnahmen in der regen Tätigkeit des Kirchzartener Kunstvereins in der Alten Evangelischen Kirche. Die aktuelle Ausstellung zeigt Werke des geborenen Iraners Hamid Ghodhratmand. Der Künstler lebt seit langem in Freiburg, hat hier von 1976 bis 1983 bei Peter Dreher Malerei studiert und sich seit Mitte der 90er Jahre überwiegend der skulpturalen Darstellung zugewandt.

Selten bietet sich die Gelegenheit, einen ausstellenden Künstler schon vor der Vernissage beim Stellen seiner Werke zu beobachten. Bei Ghodratmand erst recht eine besondere Erfahrung. Zunächst bleibt er wortkarg, fährt fort, mit behutsamer Sorgfalt Ausstellungsteile auszupacken und holt dann, um der Beantwortung weiterer Fragen zu entgehen, ein schmales Bändchen hervor, das eine frühere Ausstellung von ihm beschreibt und zeigt auf einen halbseitigen Abschnitt: "Da steht alles drin", sagt er und packt weiter aus. Bleibt also nur die Hinwendung zu den bereits positionierten Skulpturen.

Dominant in der Raummitte steht ein großes Metallregal, in dem eine ansehnliche Anzahl größengleicher, täuschend echt aussehender Torten – ja Torten – im appetitlichsten Zuckerbäckerstil aufgereiht sind. Der Blick schweift über naturbelassene Baumstammsockel in den Ecken, auf denen Alltagsgegenstände wie Kaffee- und Teekannen, Vasen, Schalen und ein filigraner Leuchter stehen.

An der Wand der Apsis hängen in Reihe in die Höhe ragend dicke Holzscheiben, in denen große Küchenmesser stecken. Na ja, denkt man beim ersten Eindruck, ganz schön, aber... ? Erste Antworten deuten sich bei näherem Augenschein auf die Torten an. Man liest auf deren mit verführerischem Sahne- und Creme-Dekor verzierten Deckeln konditorisch gespritzte Aufschriften wie "Auschwitz", "Euthanasie", "Sklaverei", "Apartheid", "Genozid" und weitere, die großen Verbrechen der Menschheit benennende Begriffe. An der Wand der Apsis lehnt auf einer schwarzen Platte ein großdimensioniertes, in gleicher Zuckerbäckertechnik hergestelltes Abbild der Umrisse einer Pistole, deren Inneres von unzähligen plastisch gespritzten Blumenblüten angefüllt ist. Die den Exponaten innewohnende Spannung, ja ihre Widersprüchlichkeit elektrisiert und Fragen an den Künstler drängen sich auf. Und siehe da, Ghodratmand taut auf, da er das nachhaltige Interesse spürt. "Alles, was ich zu sagen habe, steckt im Werk, im Material", sagt er, das künstlerische Ich sei nicht so wichtig. Deshalb versuche er, eine prononcierte persönliche Handschrift zu verdecken und seinen Werken eine Leichtigkeit zu geben. "Man soll nicht mich, sondern die Sache erkennen". Diese Haltung entspringe einer Philosophie der Selbstlosigkeit, einer Geisteshaltung, die er zu erreichen suche.

Gründe genug, nun etwas genauer zu schauen. Die Alltagsgegenstände auf den Stammholzsockeln sind nicht darauf gestellt, der Künstler hat sie aus dem Vollen des Stamms herausgearbeitet. Genauso die Messer, die vermeintlich als in die Holzscheiben gerammt erscheinen. Sockel und eigentliches Thema sind bei Ghodratmand eins, aus toter Materialität erwächst gleichzeitig die dargestellte Kunstskulptur, beides wird zum Gesamtkunstwerk.

In den Torten, ebenfalls aus Holzgrundkörpern, markiert die mit großer Meisterschaft praktizierte Spritztechnik von purer Ölfarbe Schönheit und Verbrechen zugleich. Ebenso bei den Pistolen und anderen automatischen Feuerwaffen, von denen auf der Empore noch weitere hängen. Allesamt sind sie in ihren Umrissen den in Kriegen unserer Tage eingesetzten Waffen von Heckler & Koch aus Oberndorf nachempfunden. In beiden Linien verschmelzen Bildhauerei und Malerei miteinander. Die technische Finesse ist durchweg exzellent.

Wenn man dann noch erfährt, dass Hamid Ghodratmand gänzlich ohne Maschinen und nur mit japanischen Sägen und Schnitzwerkzeugen arbeitet, ermisst man, dass er an der Herstellung einer Skulptur oft wochenlang arbeitet. Konsequent – gemäß seiner Philosophie – verweigert er ein Foto von sich am Ende des Besuchs voller Eindrücke.

Die Ausstellung ist bis zum 7. Oktober jeweils freitags, samstags und sonntags von 17 bis 19 Uhr in der Alten Evangelischen Kirche in Kirchzarten, Burgerstraße 8, zu besichtigen.