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20. März 2010

Wo Löwenzahn blüht

  1. Bio-Feinkostgeschäft Löwenzahn Foto: Thomas Kunz

  2. Freiburger Solarunternehmen: die SAG Foto: Thomas Kunz

  3. Sitzfertigung bei Johnson Controls Foto: Thomas Kunz

Wo Löwenzahn blüht

Wer auf der Bundesstraße 3 an Müllheim vorbei fährt, kann ihn nicht übersehen, den Biomarkt "Löwenzahn". Seit Januar 2009 verkaufen hier Angela und Ulrich Zimmermann Bio-Produkte, vor allem Lebensmittel. Integriert ist auch ein Naturkosmetikstudio.

Dass Ulrich Zimmermann in der Bio-Branche tätig ist, ist kein Zufall. Er kommt aus einer Müllerfamilie aus Heitersheim, die schon früh ökologische Landwirtschaft betrieb, aus der dann vor zwölf Jahren ein Bioland-Betrieb wurde. Der kleine Mühleladen mit Mehl und Haferflocken ließ in Ulrich Zimmermann die Idee keimen, einen Bioladen zu betreiben. Das Sortiment wurde ausgeweitet und vor acht Jahren kaufte er in der Müllheimer Innenstadt ein entsprechendes Geschäft. Das erwies sich bald als zu klein.

Aus den damals 75 Quadratmetern Verkaufsfläche sind 375 Quadratmeter geworden. Aus den damals sechs Beschäftigten sind 25 geworden, die sich etwa 16 ganze Stellen teilen. Weil viele der Frauen Kinder haben, ist familienfreundliche Teilzeitarbeit die Regel. Schon bei den Einstellungsgesprächen, so Zimmermann, werde besprochen, wie die Kinderbetreuung am besten organisiert werden kann. Weil die Zimmermanns selbst drei Kinder haben, wisse er, um was es dabei geht, versichert der gelernte Großhandelskaufmann und Agrarbetriebswirt.

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Und er weiß auch: Eine Belegschaft, die sich wohl fühlt bei der Arbeit, ist die Voraussetzung für zufriedene Kunden. Gerade in einem Bio-Markt, wo der Beratungsbedarf deutlich größer ist als beim Discounter oder im Supermarkt. Erhöhter Beratungsbedarf setzt aber auch informierte Beschäftigte voraus. Schulungen und Info-Veranstaltungen werden deshalb groß geschrieben bei Löwenzahn.

Dass da etwas wächst und gedeiht, hat sich herumgesprochen. Die Kunden kommen aus der Region von Freiburg bis Weil, aus Frankreich und der Schweiz. "Der klassische Ökokunde", komme zwar auch noch, sagt Zimmermann. Die Mehrheit seien inzwischen jedoch moderne, oft junge Leute, die sich etwas Gutes leisten wollen, das weder Gesundheit noch Natur belaste. "Im Grunde sind wir ein Bio-Feinkostgeschäft", stellt Zimmermann fest.

Das zeigt dann auch das Sortiment: Nicht nur die Käsetheke kann sich sehen lassen. Bio-Babynahrung kommt gut an und neben Ökowein – vor allem, aber nicht nur aus der Region – ist auch Biobier zu haben. Wer sich glutenfrei ernähren muss, findet ein ganzes Regal mit entsprechenden Lebensmitteln. Dass frisches Obst und Gemüse vor allem aus Bioland- und Demeter-Anbau in der Region kommen, ist schon fast normal. Ungewöhnlicher ist schon das Bio-Tierfutter. Es zeigt sich, dass nicht nur das Billig-Billig von Discountern ein Erfolgskonzept ist, sondern auch genügend Leute dazu bereit sind, für umweltgerecht produzierte Qualitätsprodukte etwas mehr zu bezahlen. Zimmermann erwartet in diesem Jahr eine Umsatzsteigerung auf zwei Millionen Euro – "wie geplant".

Die Finanzen sind der Engpass

"Wir werden weiter wachsen und am Firmensitz Freiburg neue Arbeitsplätze schaffen." Karl Kuhlmann, der Vorstandschef der Solarstrom AG (SAG), glaubt nicht, dass die geplanten Kürzungen bei der Einspeisevergütung für Strom aus Solarstromanlagen die Entwicklung der jungen Branche stoppen werden: "Die Solarbranche ist schon oft totgesagt worden. Es wird eine Delle geben, dann wächst der Markt weiter."

Auch Branchenbeobachter wie die Basler Bank Sarasin erwarten ein ungebremstes Wachstum der Solarbranche. Denn die Kosten der Stromerzeugung aus Solarzellen sinken mit wachsender Produktion. Die Strompreise hingegen steigen mit ziemlicher Sicherheit weiter. Kuhlmann rechnet damit, dass in Deutschland Solarstrom im Jahr 2015 ohne Förderung wettbewerbsfähig sein wird mit konventionell erzeugtem Strom. Das werde der Branche – und der SAG – einen weiteren Wachstumsschub versetzen.

Vorher muss der SAG-Chef allerdings zwei Hürden überwinden: Er muss Arbeitskräfte finden und Banken überzeugen. "Wir suchen händeringend gute Mitarbeiter", sagt Kuhlmann. 2009 wurden 39 Mitarbeiter neu eingestellt, zur Zeit sind schon wieder sechs Stellen zu besetzen. Bis Jahresende werde die Belegschaft wohl 180 Köpfe zählen, schätzt Kuhlmann. "Ingenieure, Elektrotechniker, wer reisen und anpacken will, kann bei uns loslegen", sagt Kuhlmann, der die SAG trotz ihrer Gründung im Jahr 1996 als Start-up bezeichnet, als neu gegründetes Unternehmen.

Tatsächlich hat der Vorstandschef, der 2007 als Vertreter einer Investorengruppe frisches Kapital ins Unternehmen brachte, die SAG vor dem Ruin gerettet. "Damals ist man Geschäfte eingegangen, die mit Verlust verbunden waren", blickt Kuhlmann zurück. Mit einer neuen Mannschaft schaffte er die Wende und brachte die SAG auf Wachstumskurs. Seit 2008 schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und der Umsatz wächst rasant. Für 2010 sind 200 Millionen Euro angepeilt.

"Wenn die Banken mitspielen würden, könnten es sogar 300 Millionen Euro sein", sagt der SAG-Chef. Seit dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers im September 2008 sei es extrem schwierig geworden, Kredit zu bekommen. Die SAG betreibt Projektgeschäft. Sie plant – beispielsweise im tschechischen Stribro – ein Solarkraftwerk mit zehn Megawatt Kapazität. Sie bestellt – auf eigene Rechnung – Solarmodule, lässt sie montieren, sorgt für den Anschluss ans Stromnetz und verkauft das Kraftwerk am Ende an Investoren. Bis der Kaufpreis in die Kasse kommt, sind zweistellige Millionenbeträge vorzufinanzieren. "Das war vor der Krise kein Problem, aber heute laufen wir von Bank zu Bank", sagt Kuhlmann. "Am liebsten würden die Banken erst einsteigen, wenn das Kraftwerk ein halbes Jahr am Netz ist und bewiesen hat, dass es einwandfrei läuft", schildert er die Situation. "Die Finanzierung begrenzt unser Wachstum", lautet sein Fazit.

Ein seltenes Ereignis

"Das ist wie ein Sechser im Lotto", hatte Neuenburgs Bürgermeister Joachim Schuster vor mehr als zweieinhalb Jahren gesagt. Damals gab das Stadtoberhaupt bekannt, dass sich mit Johnson Controls ein global tätiger US-Autozulieferer im örtlichen Industriegebiet ansiedeln und gleich mehrere hundert Arbeitsplätze schaffen wolle. Ein Ereignis mit Seltenheitswert: Millioneninvestitionen von multinationalen Unternehmen sind in Deutschland rar geworden – insbesondere was das verarbeitende Gewerbe betrifft. In der Regel errichten die Konzerne neue Fertigungen in Osteuropa oder Asien, Sie rechnen dort in den nächsten Jahren mit hohem Wachstum.

Neuenburg hatte allerdings einen Trumpf: Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Auf der anderen Seite des Rheins baut der französische Konzern PSA (Peugeot, Citroën) schon seit Jahren Autos. Johnson Controls wollte dafür Sitze liefern und suchte einen Platz für ein Werk. Da die Autokonzerne ihre Zulieferer gerne vor der Haustür haben, stach die Markgräfler Karte. Inzwischen wird in Neuenburg schon fleißig gearbeitet. Rund 400 Arbeitnehmer inklusive Leiharbeiter produzieren Sitzsysteme, die wenig später in Sochaux in PSA-Modelle eingebaut werden. 900 solcher Sitzgarnituren verlassen pro Tag das Werk. Stündlich rollt ein Lkw vom Werksgelände nach Frankreich. Werkleiter Thierry Tran und Ralf Link, der bei Johnson Controls für das Geschäft mit dem französischen Automobilkunden PSA verantwortlich ist, wollen jedoch noch mehr Sitzreihen produzieren. Geplant ist, dass Johnson Controls Neuenburg auch für das PSA-Werk in Mulhouse zuliefert. So erwarten Tran und Link, dass noch weitere Jobs nach Neuenburg kommen. Vorausgesetzt die Autokonjunktur zieht mit. Diese hatte zuletzt die Pläne etwas durcheinandergebracht: Wegen der Krise stieg die Zahl der Jobs nicht so schnell wie geplant.

Hinter dem deutsch-französischen Duo liegt Pionierarbeit. Ein komplettes Werk musste in wenigen Monaten aus dem Boden gestampft werden. Nicht weniger anspruchsvoll war die Aufgabe, eine Mannschaft zu finden. Mit tatkräftiger Unterstützung der örtlichen Arbeitsagentur gelang das Vorhaben. Allein 2009 wurden 330 Leute eingestellt. Von den in der Produktion Beschäftigten in Neuenburg waren 90 Prozent zuvor als arbeitslos gemeldet, in der Belegschaft sind 40 Nationalitäten vertreten. "Wir sind, was die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden angeht, sehr zufrieden", sagen Tran und Link. Der örtliche IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Thomas Bittner hebt hervor, dass bei Johnson Controls nach Tarifvertrag bezahlt wird. Manko für ihn: Bislang gebe es nur für 49 Leute Festanstellungsverträge, das Gros der Arbeitsverhältnisse sei befristet. Er erwartet, dass sich dies bald ändern wird.

Die Befürchtung, dass Johnson Controls nur vorübergehend Station im Markgräflerland macht und bei der nächsten Krise wieder die Pforten schließt, haben Link und Tran nicht. Das Unternehmen hat bereits mehr als 20 Millionen Euro investiert. "Wenn alle mitspielen, kann dieses Werk zu einem Beispiel für gute deutsch-französische Zusammenarbeit werden."

Autor: Klaus Rütschlin