Das unmögliche Nettchen

Martin Halter

Von Martin Halter

Sa, 22. September 2018

Literatur & Vorträge

Karen Duve erzählt von einer Liebeskatastrophe der jungen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff /.

Zuletzt machte Karen Duve ja eher mit Pamphleten gegen Fleischfresser, Politiker, Wirtschaftsbosse und andere männliche Psychopathen von sich reden. Sie erklärte, wie man "Anständig essen" kann und "Warum die Sache schief geht"; ihr Roman "Macht" (2016), in dem ein gewisser Basti Bastard seine intellektuell überlegene Frau in den Keller einsperrt, war ein fades feministisches Fritzl-Witzchen. Jetzt aber zeigt Duve, dass sie die Überlegenheit der von geistlosen Männern belächelten, aus- und weggesperrten Frau auch literarisch ehrgeiziger und historisch genauer beschreiben kann: am Beispiel von Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848).

Eigentlich ist ja ein erzkatholisches Freifräulein aus dem westfälischen Pumpernickelland nicht unbedingt nach Duves Geschmack. Schon gar nicht eine "Seherfrau" (Friedrich Gundolf), die, so die herrschende Lesart, Krankheit, Zurücksetzung, häusliche Pflichterfüllung und unerfüllte Liebe in schwermütige geistliche Lyrik und düstere Prosa verwandelte. Die Herbheit der Stoffe, lobt die Neue Deutsche Biographie, habe einen "ausgesprochen männlichen Zug", die "Zerfahrenheit der Komposition" verrate dagegen die weibliche Hand. Solches Professorengeschwätz macht Karen Duve wütend, und so hat sie die junge Droste jetzt gegen den Strich gebürstet: Als nicht gesellschaftsfähige "Zauberjungfrau" dringt Fräulein Nette keck in männliche Domänen vor.

Mediziner, Dichter, Priester, selbst Nettes dümmliche Onkel glauben zu wissen: Die edelste Aufgabe der Frau liegt nicht im Denken, Handeln oder gar Schreiben, sondern im Gebären, in "Demut und Geduld", Bescheidenheit und "anmutiger Schlichtheit". Nette jedoch aber begnügt sich, anders als ihre Kusinen und Tanten, nicht mit Sticken, Stricken und Schweigen: "Ihr Alt dröhnte ungefragt dazwischen, wenn eine Herrenrunde sich ungestört glaubte." Sie mischt sich vorlaut ein, wenn große Männer das große Wort führen, widerspricht, scherzt, erlaubt sich eigene Meinungen und unweibliche Empfindungen. Das "unmögliche Nettchen" geht allein mit dem Berghammer mineralisieren, flirtet mit mehreren Männern zugleich und wagt sogar (natürlich nur poetisch-religiös verklausuliert) über ihre heimlichen Sünden zu schreiben. So etwas führt 1820 auf dem Land zwischen Hinnenburg, Höxel und Bökerhof unweigerlich zum Skandal.

Duve schildert die Zeit mit sichtlichem Behagen. Sie hat, wie eine zwölfseitige Literaturliste belegt, viel gelesen über Mode, Sprache, Sitten und Bräuche in Herrenhäusern, Kneipen und Universitäten und versammelt eine lange Reihe von Figuren der Zeit- und Literaturgeschichte: Annettes weitläufige Verwandtschaft natürlich, Onkel August, Tante Dorly und all die anderen, aber auch frömmelnde Romantiker, angehende Minister, Bummelstudenten und Burschenschafter aus Göttingen, der junge Harry Heine und alle sechs Geschwister Grimm.

Eine kecke und vorlaute

"Zauberjungfrau"

Man trifft sich zu Duellen und Saufgelagen, poetischen Kränzchen, Diskussionsrunden und Märchenstunden, man lernt Wunderheilerinnen und den Driburger Badearzt Dr. Ficker kennen, die Männer rufen anerkennend "Ey Sapperment" und "Deibel ock!", die Damen seufzen leise. Das alles ist sehr hübsch erzählt, ironisch-altbacken und doch lebendig.

Immer mittendrin dabei: das unmögliche Nettchen, das sich weder das männliche Reden noch das weibliche Schwärmen verbieten lässt, weder das Komponieren noch den ziemlich schrillen Gesang. Die Droste ist kränklich, schüchtern, glubschäugig und ein bisschen gaga, aber die Männer finden Gefallen an ihr. Und sie umgekehrt auch. Heinrich Straube, der als Genie verehrte, allzeit fröhliche, aber leider auch hässliche und riechende arme Poet aus dem Göttinger Dichterhain wird, auch weil er ihre Gedichte lobt ("Sie schreiben wie ein Mann") ihr "Herzensfreund". Arnswaldt, ein fescher Jüngling aus altem Adel, hat noch andere Reize. Konfessions- und Standesunterschiede, Stirnrunzeln im Familienkreis und schließlich eine infame Männer-Intrige zerstören die zarte Liebe. Arnswaldt spielt seine gescheiterten Annäherungsversuche dreist als Liebestest herunter, Straube wendet sich schweren Herzens ab. Annette kommt nie ganz über seinen Verrat hinweg. Die ältere Droste-Forschung verbucht den Skandal diskret als "Jugendkatastrophe".

Duve hält sich eng an die Fakten, aber sie nimmt sich auch die Freiheit heraus, das eher blasse Bild der Droste farbig aufzupolieren und auf die Gegenwart hin zu retuschieren. Männer und Frauen sprechen, natürlich durch die blauen Blumen der Romantik hindurch, über Ausländerhass, Nationalismus, die verderbliche Schnellpost, Frauenemanzipation und zeitlose Me-Too-Erfahrungen. Manchmal liest sich das wie der Liebesroman einer westfälischen Jane Austen, manchmal wie Alice Schwarzer im Biedermeierkostüm und manchmal auch eindeutig heutig: "Hätte, hätte, Epaulette".

Allerdings ist der "Kurze Sommer" mit fast sechshundert Seiten doch etwas zu lang geraten; einige Onkel, "Herzensfränzchen" und historischen Erklärungen weniger hätten es auch getan. Aber alles in allem nimmt man gerne Karen Duves Einladung an, die vermeintliche Jugendsünde eines widerspenstigen, nervtötenden und doch liebenswürdigen Freifräuleins aus ganz neuen Perspektiven kennen zu lernen. "Der Droste würde ich gerne Wasser reichen", schrieb Sarah Kirsch einmal. Duve kann und tut es: Eine denkende, liebende, leidende Frau hat genug von Geduld und anmutiger Einfachheit und versucht sich mit spitzer Zunge, Feder und Hammer einen Weg ins Freie zu bahnen.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2018. 592 Seiten, 25 Euro.

Lesung: Die Autorin liest im Rahmen des 32. Freiburger Literaturgesprächs am

10. November um 16 Uhr im Literaturhaus.