Das Ziel im Blick, den Moment genießen

Sarah Schädler

Von Sarah Schädler

Sa, 25. November 2017

Reise

GERNE WIEDER:Rivert – ein Bergdorf in den spanischen Pyrenäen .

ie unterschiedlich die Menschen doch ticken! Die einen sind immer auf der Suche nach dem Unbekannten, die anderen zieht es Jahr für Jahr an den gleichen Urlaubsort oder sie machen den gleichen Wochenendausflug. Und freuen sich immer wieder aufs Neue, Vertrautes neu zu entdecken. Autoren der BZ schreiben in unserer Serie "Gerne wieder", warum es sie immer wieder an den gleichen Ort zieht. Viel Vergnügen!

WWie lang dauert es noch, bis wir da sind? Ganz egal! Der Weg ist das Ziel. Bereits am frühen Morgen sind wir losgefahren. Im Dunkeln haben wir die letzten Urlaubsutensilien in das Auto gepackt: die Hörspielkassetten ins Handschuhfach, den Proviant hinter den Beifahrersitz. Die meisten Handbewegungen laufen automatisch ab. Das Navi darf auch mitreisen, obwohl uns klar ist, dass es wohl nicht benötigt wird. Wir kennen den Weg in- und auswendig, selbst die angefahrenen Rastplätze sind meist dieselben.

Es geht Richtung Süden über die deutsche Grenze nach Frankreich, vorbei an Lyon, Montpellier und Perpignan. Dort machen wir einen letzten Halt bei unserem Lieblingsbäcker: Frisches Baguette und cremiger Camembert, es ist ein kleiner Höhepunkt unserer Reise. Vier Stunden Fahrt sind es noch. Es ist der anstrengendste Streckenabschnitt und gleichzeitig auch der schönste. Wir fahren weg vom Meer. Bei Puigcerda geht es über die Grenze hinein in die katalanischen Pyrenäen.

Wir folgen den Serpentinen. Nichts für Menschen mit Reiseübelkeit. Wer dagegen immun ist, kann und sollte sich dem atemberaubenden Ausblick hingeben. Lesen oder Schlafen ist jetzt sowieso nicht mehr drin. Dafür ist die Landschaft zu beeindruckend, sind die Dörfer zu zeitlos, zu außergewöhnlich, um sie mit Nichtachtung abzutun. Es ist schon spät geworden. Die abnehmende Sonne wirft das Gesteinsmassiv der Pyrenäen in ein besonderes Licht, in den Felsen erkennen wir kleine Figuren, die von ihren zahlreichen Erlebnissen berichten und doch, versteinert, an diesem Ort gefangen sind. Für uns geht es weiter. Das Ziel im Blick, den Moment genießend.

Es herrscht kaum Gegenverkehr. Es scheint, als wolle niemand fort von dem Ort, der unser Ziel ist: Rivert, ein Bergdorf in den katalanischen Pyrenäen. Dort gibt es keinen Supermarkt, auch kein Krämerladen ist dort zu finden geschweige denn eine Bäckerei. 30 Einwohner zählt Rivert. Man grüßt sich, man kennt sich. Holà! Qué tal?

Auf den letzten Metern machen wir das Autoradio aus. Noch eine letzte Serpentine, dann sind wir angekommen. Der Duft von Rosmarin, Thymian und Salbei strömt uns durch die heruntergekurbelten Fenster in die Nase. Rivert liegt in der Luft. Wir parken auf dem großen Platz vor dem Ortseingang. Den Rest der Strecke müssen wir zu Fuß bewältigen, denn die kleinen labyrinthischen Wege des Dorfes sind nicht für Autos gemacht, sondern für Mulis und Menschen.

Rivert liegt auf einer gewaltigen Tuffsteinterrasse. Das poröse Gestein wird von den Einwohnern heute noch als Baumaterial verwendet, wodurch die Häuser des Dorfes mit der Natur zu verschmelzen scheinen. Die hohe Steilwand, die erhaben hinter den letzten Häusern des Dorfes emporragt, lässt uns klein fühlen angesichts der landschaftlichen Weite, der Gesteine und Felsen, der Gänsegeier, die als Wächter der Pyrenäen hoch über uns ihre Kreise ziehen.

Wir gehen die kleine Hauptstraße entlang, vorbei an Kirche und Friedhof. Terrassengärten schmiegen sich zwischen die Häuser. Wasser im Überfluss sprudelt aus der Grotte am Berg, im Dorfteich sammelt sich das Quellwasser und fällt über einen Wasserfall ins Tal.

Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert seit dem letzten Mal. Auch dieses Jahr begleiten uns die kleinen Kätzchen mit skeptischen Blicken zu unserer Unterkunft am Dorfplatz. Zwischen Kirche und Casa Mestre öffnet sich der Blick auf den Platz mit seinem Dorfteich. Wir sind angekommen. Schön!