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08. Juni 2011 19:57 Uhr
Freiburger Hygiene-Papst
Daschner: Ehec-Hysterie befremdet mich
Der Freiburger Franz Daschner ist einer der bekanntesten Hygieneexperten in Deutschland. Warum er weiter badisches Gemüse isst und was er von der Arbeit der Ehec-Jäger hält, erklärt er im BZ-Interview.
Möglicherweise hat die Erkrankungswelle der Infektionskrankheit Ehec just in diesen Tagen schon ihren Höhepunkt überschritten. Ihr Auslöser wurde allerdings bislang nicht verlässlich entdeckt. Franz Daschner, der frühere Direktor des Freiburger Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Freiburger Uniklinik, hat sich ein Berufsleben lang mit Infektionskrankheiten, deren Ursachen und der Verhinderung ihrer Verbreitung beschäftigt. Julia Littmann sprach mit dem 71 Jahre alten emeritierten Professor über Keime und Kaufverhalten.
BZ: Was kauft eigentlich Deutschlands "Hygiene-Papst" in diesen Tagen ein?
Franz Daschner: Das sage ich Ihnen gerne! Gestern habe ich auf dem Markt heimische Vespergurken und sizilianische Tomaten gekauft. Ganz normal. Und die derzeitige Hysterie befremdet mich.
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BZ: Woran liegt das, dass immer wieder der Verdacht auf irgendein Lebensmittel fällt – der dann wieder revidiert wird? Sind das Pannen oder Mängel bei den Ermittlungen?
Daschner: Nein! Das sind supergute Leute, die sich da jetzt mit Ehec befassen. Die leisten hervorragende Arbeit! Und es ist einfach Unkenntnis, wenn nun im allgemeinen hysterischen Eifer deren Arbeit kritisiert wird. Man muss bedenken, dass bei 80 Prozent aller Ehec-Epidemien die Quelle nicht zu finden ist. Das liegt unter anderem daran, dass man nur eine extrem geringe Infektionsdosis braucht, um sich anzustecken. Außerdem verteilt sich der Keimbefall nicht gleichmäßig. Also selbst, wenn sich jemand tatsächlich – sagen wir mit einem Kartoffelsalat – angesteckt hat und genau dieser Kartoffelsalat würde untersucht, dann ist noch lange nicht gesagt, dass auch an der nun untersuchten Stelle ein Keimbefall nachweisbar ist.
BZ: Wie sind also die konkreten Produktwarnungen derzeit aus Ihrer Sicht einzuschätzen?
Daschner: Zunächst mal basieren die auf einer rein statistischen Annahme bei der Fallkontrollstudie: Von so und so viel befragten Patienten haben so und so viele Sprossen gegessen. Dem steht dann die sogenannte Untersuchungsevidenz gegenüber: Der unbezweifelbare Augenschein der Laboruntersuchungen, die keinen Ehec-Keim zum Beispiel in den Sprossen nachweisen. Insofern wissen wir bislang ganz einfach nichts. Und die Wahrscheinlichkeit liegt eben nur bei 20 Prozent, dass die Quelle noch gefunden wird. Vor was will man da warnen?
BZ: Gibt es so was wie "typische" Quellen für Ehec-Keime?
Daschner: Tatsächlich haben wir Ehec seit einigen Jahrzehnten im Blick. Eine typische Quelle – im übrigen auch für Epidemien hier in der Region – war die Rohmilch, also die unbehandelte Milch, die man ja heute eh kaum noch irgendwo kriegt. Zu der würde ich auch nicht raten. Aber das hat mit der aktuellen Epidemie nichts zu tun.
BZ: Die Reaktionen auf diese Epidemie kommen Ihnen übertrieben vor – warum eigentlich?
Daschner: Weil Emotionalität einfach immer ein ganz schlechter Berater bei Epidemien ist. Das war so bei der Vogelgrippe, auch bei der Schweinegrippe. Der Umgang damit war irgendwann nicht mehr rational begründbar. Und es ist auch jetzt nicht rational zu begründen, dass zum Beispiel die Bäuerin vom Kaiserstuhl auf ihren Erbsen und Erdbeeren sitzenbleibt, weil jeder glaubt, er kauft mit frischem Obst, Gemüse, Salat quasi auch das Risiko ein.
BZ: Würden Sie denn in diesen Tagen nach Hamburg fahren? Gar auch dort frische Lebensmittel einkaufen?
Daschner: Natürlich würde ich auch jetzt nach Hamburg fahren – und zwar ohne mich hier mit einem Vorrat an Lebensmitteln einzudecken. Und ich würde dort auch Gurkensalat essen, weil das Hygiene-Institut in Hamburg auch nach sorgfältiger Suche den Epidemieerreger nicht auf Gurken gefunden hat.
BZ: Welche Hoffnung haben Sie in Bezug auf diese Ehec-Epidemie?
Daschner: Seit zwei Tagen scheinen die Fallzahlen zu sinken, das heißt, die Quelle versiegt vermutlich, egal, welche Quelle es nun war. Und doch wünsche ich den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehr, dass sie die Quelle noch finden. Einfach, damit die Diskreditierung ihrer hervorragenden Arbeit ein Ende hat.
- Die Lage in Deutschland: 25 Tote durch Ehec
Autor: Julia Littmann
