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24. Februar 2010 19:37 Uhr
Leitlinien
Debatte um Missbrauch: Die katholische Kirche und die Transparenz
Politiker zweifeln am Aufklärungswillen der katholischen Kirche, andere Kritiker glauben gleich an Strafvereitelung durch den Vatikan. Wie steht es um den Umgang mit Missbrauch durch katholische Priester? Ein Überblick.
Norbert Leygraf gehört zu den renommiertesten psychiatrischen Gutachtern in Deutschland. Der 56-Jährige leitet das Institut für Forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen; seit 2003 arbeitet er auch für die katholische Kirche: Nachdem die Deutsche Bischofskonferenz als Reaktion auf eine Tagung in Rom Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch erlassen hatte, betraute sie Leygraf mit der Aufgabe, verdächtige Priester zu begutachten.
"Diese Leitlinien", sagt Leygraf am Dienstag in Freiburg vor Journalisten, "müssen offenbar funktionieren, denn unter den bekannt gewordenen Fällen ist keiner als Rückfall aufgetreten." Seit 2003 hat der Experte 19 Geistliche begutachtet, 17 Fälle fielen in den Bereich sexuellen Missbrauchs. Straffällig relevant waren zwölf, die übrigen wurden gemeldet, weil Saunabesuche mit Jugendlichen Misstrauen erregt hatten oder – in einem Fall – eine Psychotherapeutin den vagen Verdacht hatte, der Priester könne eine pädophile Neigung haben. "Der Umgang der Kirche mit diesen Fällen ist doch sehr sorgfältig und fast schon etwas übervorsichtig", sagt Leygraf. Vier Opfer wollten unbedingt nur die Kirche von ihrem Verdacht informieren. "Die Forderung nach einer generellen Anzeigepflicht bei der Staatsanwaltschaft ist daher auf jeden Fall falsch, weil sie die Hemmschwelle für die Opfer erhöht. Das sagen auch die Kinderschutzverbände. Nicht mal die Jugendämter haben eine solche Regelung."
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Bei den strafrechtlich relevanten Vorwürfen sei es sechsmal um den Besitz von Internetpornografie gegangen. Bei fünf Verdächtigungen habe es sich um tatsächliche Missbrauchshandlungen gehandelt, davon dreimal um Altfälle. In einem Fall ging es um Masturbation vor einem Kind. Schlussendlich hat Leygrafs Institut zehnmal von Tätigkeiten mit Kontakt zu Jugendlichen abgeraten. "In sieben Fällen konnten wir sagen, das ist problemlos."
In Deutschland gibt es zwei Lehrstühle zur forensischen Psychiatrie: Neben Norbert Leygraf arbeitet auch Hans-Ludwig Kröber für die Kirche. Kröber ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Außerdem prüfen Max Steller und Renate Volbert (beide FU Berlin) sowie Friedemann Pfäfflin vom Universitätsklinikum Ulm katholische Geistliche. Ausgewählt hat sie der Kölner Theologe und Psychiater Manfred Lütz. Er hat den bereits erwähnten Kongress im Vatikan zum Missbrauch durch katholische Geistliche organisiert und schon damals weltweit Experten eingeladen: "Die Kirchlichkeit der Fachleute darf keine Rolle spielen."
Wenn ein Gutachter zum Ergebnis komme, dass von einem Geistlichen keine Gefahr ausgehe, sei der Bischof damit noch nicht aus der Verantwortung entlassen, betont Lütz. "Der Bischof muss strenger sein als das Gutachten." Aber er sagt auch: "Das kommt nicht selten vor."
Schließlich schildert Direktor Dietfried Scherer von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg seine Sicht der Dinge. Die Stiftung ist Träger aller 28 kirchlichen Schulen im Bistum mit Ausnahme des Jesuitenkollegs in St. Blasien. Die Schatten lang zurückliegender Fälle holten die Institutionen derzeit zu Recht ein, sagt Scherer. Aber er bemerkt auch: "Die Schulen sind heute anders als vor 30 Jahren." Nicht erst auf der Stufe des Missbrauchs seien Schüler und Lehrer heute sensibilisiert, schon viel früher werde der Komplex der Grenzverletzung thematisiert. Es gebe Vertrauenslehrer und unabhängige sozialpädagogische Berater. Die Sexualerziehung ziele darauf ab, Bedürfnisse, Grenzen und Unbehagen auch verbalisieren zu können. Und ohne polizeiliches Führungszeugnis werde niemand im pädagogischen Bereich beschäftigt.
In den mehr als zehn Jahren seiner Tätigkeit hat Scherer nur einen Fall sexuellen Missbrauchs erlebt. "Niemand kann garantieren, dass nie etwas vorkommt. Aber wenn etwas vorkommt, muss professionell und sofort reagiert werden." Professionell, das bedeute aber auch: sorgsam. "Denn mit nichts können Sie einen Menschen so fertig machen wie mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs."
Inzwischen spürt Scherer eine Verunsicherung im Kollegium darüber, welche Formen des normalen pädagogischen Kontakts derzeit noch möglich sind, und der Trierer Bischof Stephan Ackermann pflichtet ihm bei. Scherer plädiert deshalb eindringlich für Sachlichkeit, gerade auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen: "Wir müssen keinen Sumpf trockenlegen. Die Quantitäten liegen in der Vergangenheit."
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Autor: Jens Schmitz
