Debüt, Wärme und Wegweiser

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Mi, 16. Mai 2018

Klassik

Freiburg: Holst-Quartett in der Stiftung für Konkrete Kunst.

Während draußen letzte Regentropfen fallen, setzen in dem idyllisch am Waldrand gelegenen Saal der Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps in Freiburg-Zähringen vier Musiker ihre Bögen zum Spiel an. Den Auftakt zu ihrem Debütkonzert als Holst-Quartett geben sie mit dunklen Akkorden in vollem Vibrato, ausgedehnt-expressiven Linien und schwerem Puls. Mit dem Titel "Denk es, o Seele" bewegen sie sich gemeinsam mit der norwegisch-englischen Sopranistin Siri Karoline Thornhill in der Klangwelt zwischen Romantik und Moderne. Diesen noch ganz im spätromantischen Duktus gehaltenen langsamen Satz schrieb kein Geringerer als der damals 22-jährige Anton Webern.

Dass Webern später dann als ein Wegweiser der Moderne verehrt werden sollte, deutet schon das nächste Stück an. Seine sechs Bagatellen aus dem Jahr 1913, Miniaturen in radikal expressionistischer Dichte, erklingen verzahnt mit Robert Schumanns Gesängen op. 107. Sie sind von Aribert Reimann arrangiert für Streichquartett und Singstimme. Virtuos bewegt sich das Quartett in stilistischer Vielfalt. Holst-Quartett: Das sind Sylvia Oelkrug und Cornelius Bauer (Violine), Filomena Felley (Viola) und Philipp Schiemenz (Cello).

Im Zentrum der zweiten Hälfte des Abends steht das Liedschaffen Hans Pfitzners, einem musikalischen Grenzgänger – aber nicht Übergänger: Den "letzten spätromantischen Komponisten" nennt ihn Klaus Simon, Leiter der Holst-Sinfonietta und Arrangeur von Pfitzners Liedern. Simons Fassung wird vom Holst-Quartett mit kammermusikalischem Feingefühl zur Uraufführung gebracht. Im letzten Stück überzeugt die Sopranistin mit klarer Melodieführung und sprachlichem Sensus für Goethes "Wandrers Nachtlied". Immer höher steigt die Melodie bei "Der du von dem Himmel bist" auf.

Das spannungsvolle Hin und Her zwischen expressionistischen und spätromantischen Klangwelten, das den Abend leitmotivisch durchzieht, lassen die Streicher mit warmen, flächigen Akkorden ausklingen. Aufmerksam lauschen die Zuhörer dem Stück "Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust". Nach kurzer besinnlicher Stille begeisterter Applaus. Das Programmkonzept zeigte sich als raffinierte Komposition. Mit großem Gespür haben es die Interpreten verstanden, sie zu gestalten.