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20. Februar 2015

Dein Dieterich!

Die Freiburger Sprechtheatergruppe "Laut & Lyrik" mit "Doch alle Lust will Ewigkeit".

  1. Gedichte gesprochen und inszeniert: Laut & Lyrik Foto: promo

Wenn man frisch verliebt ist. Wenn man eine Liebe verloren hat. Wenn endlich Frühling wird. Wenn Weltschmerz anklopft. Wenn zu viel Alltag das Schöne, Besondere verdunkelt. Dann ist es an der Zeit, mal wieder ein Gedicht zu lesen. Oder vielleicht: ein Gedicht zu hören und zu sehen! Die Freiburger Sprechtheatergruppe "Laut & Lyrik" hat unter der Regie von Wilfried Vogel wieder eine neue musikalische Lyrikperformance auf die Beine gestellt. Das Ensemble aus sieben Frauen und fünf Männern spannt diesmal einen "poetischen Bogen vom Realismus der Mitte des 19. Jahrhunderts über den Naturalismus bis zum Fin de Siècle und dem beginnenden Jugendstil". Die ausverkaufte Premiere von "Doch alle Lust will Ewigkeit" am Mittwochabend im Kleinen Haus des Stadttheaters war umjubelt.

Das Konzept Vogels, Logopäde, Musiker und Dozent für Sprecherziehung und Rhythmik an der Universität Freiburg, ist alle Jahre dasselbe – und es hat sich bewährt: Die Gedichte – diesmal sind es 65 in zwei Stunden – werden einzeln, in Duetten, Quartetten oder auch chorisch gesprochen. Allein die Wirkung dieser – mal von weiblichen, mal von männlichen Stimmen dominierten, mal geflüsterten, mal gesprochenen, mal gerufenen – Interpretation ist bemerkenswert: Man hört überaus konzentriert zu. Die Gruppe inszeniert jedes einzelne Textstück theatralisch und/oder musikalisch. Kontrabass, Schlagzeug, Fagott, E-Bass und Gitarre unterstützen bisweilen den Sprechrhythmus und verstärken die Wortgewalt der (nicht immer) gereimten Zeilen.

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Der Abend beginnt sozialkritisch: Georg Weerth, Georg Büchner, Georg Herwegh und Heinrich Heine erklingen mit ihren markigen Kritiken an Ungerechtigkeit, Armut, Obrigkeit, Industrialisierung, Kriegstreiberei. "Denn der Lauf der Welt / Hängt ab vom Lauf der Flinten". Weiter geht es mit Liebeslyrik – die mal lustig ("An der Murmelrieselplauderplätscherquelle / Saß ich sehnsuchtststränentröpfeltrauerbang") mal superkomisch ("Darbey so kam mein Finger / oho!/ ihr an die beyde Dinger/ soso"), mal ironisch ("Nicht verliebt zu sein ist herrlich!") rüberkommt.

Nach der Pause ist der große Humorist Wilhelm Busch mit einem ganzen Gedichtpaket an der Reihe. Darunter ist das knappe Zitat: "Dummheit, die man bei andern sieht, / Wirkt meist erhebend aufs Gemüt" – aber auch das zweimal gesprochene "Ständchen". Darin erklärt sich Dieterich seinem Mädchen einmal als sanft-lockender Geliebter, ein zweites Mal aber bekommt sein Werben einen bedrohlich-besitzergreifenden Ton: "Dein Dieterich der umflattert dich!!"

Herz und Hirn des Publikums werden unentwegt angesprochen – etwa in Theodor Fontanes Ballade "Die Brück’ am Tay", die das Motiv der Hexen aus Shakespeares Drama "Macbeth" aufgreift und angesichts des geschilderten Brückenunglücks für Gänsehaut sorgt. Mit Friedrich Nietzsche endet ein überaus unterhaltsamer Lyrik-Abend: "Doch alle Lust will Ewigkeit –,/– will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
– Weitere Vorstellungen: 19.-21., 23., 24. März jeweils 19.30 Uhr, E-Werk Freiburg. BZ-Kartenservice Tel. 0761/496 8888.

Autor: Heidi Ossenberg