Den grauen Alltag erhellt

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

Di, 21. November 2017

Rock & Pop

Christoph Wagner erzählt, wie Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten.

In den späten 60er Jahren galt Berlin als "alternatives Eldorado" und "Insel der Seligen", während im Ländle "öde Städte, trostlose Dörfer und dumpfes Leben" herrschten. Aus diesem Gegensatz entwickelte sich im deutschen Südwesten eine Jugendkultur, die Pop möglich machte. Dies schildert Christoph Wagner in seinem Buch, das "Träume aus dem Untergrund" beschreibt, "als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten" (so der Untertitel).

Der 1956 in Balingen geborene, seit langem in England lebende Musikjournalist entwirft ein glänzend recherchiertes, informatives Bild des jungen Musiklebens im Lande, das seinen Ausgangspunkt Ende der 60er Jahre mit einer rasant sich verändernden Jugendkultur nahm. Beat, Soul, Blues, Pop, Rock und Folk blühten auf, wie Wagner in einem Dutzend Kapitel nachweist. Bands wie Black Sabbath, Pink Floyd oder die Rolling Stones werden eigens abgehandelt. Letztere verursachten 1970 in Stuttgarts Messe ein heilloses Chaos. Die großen Rock-Konzerte fanden fortan woanders statt. Doch zuvor schon hatte Jimi Hendrix in der Landeshauptstadt "die westdeutsche Pop-Szene wach geküsst".

In Esslingen, Tübingen oder Schorndorf, das später zum "Hotspot der Rockmusik" wurde, wurden zwar kleinere Brötchen gebacken, in "Mittelzentren" wie Karlsruhe oder Freiburg konnte schon mal die Post abgehen. Emerson, Lake and Palmer traten dort 1973 auf, und Ray Austin gründete den Folk- und Blues-Club. Schillernd sind zuweilen die Geschichten, die Wagner erzählt. Beat-Lokale schossen wie die Pilze aus dem Boden und "erhellten den grauen Alltag". 25 000 Beat-Kapellen entstanden in der Bundesrepublik, allein zwölf in Villingen, wundert sich der Autor, dessen Hauptaugenmerk eher auf die schwäbische Provinz gerichtet ist. Schwabenrocker wie Wolle Kriwanek und Schwoißfuaß werden gewürdigt, Initiativen in Reutlingen und Schorndorf vorgestellt. Das erste große Pop-Festival fand dann aber in Germersheim statt, "bis dahin das größte Pop-Festival in Deutschland".

Obwohl hierzulande "mehr Jazz-Lokale als in den meisten anderen Teilen der Bundesrepublik" entstanden, wie Wagner weiß, wird Jazz nur am Rande erwähnt. 1963 und 1964 fanden Konzerte der Größen Sonny Rollins und John Coltrane statt, in Freiburg gab es Waldi Heidepriem, in Lörrach seit 1956 einen Club. Die turbulenten Zeiten legten die Grundlage dafür, "was heute musikalisch und kulturell die Gegenwart in Südwestdeutschland bestimmt". Keine Frage, sie lebt, die populäre Musik in Baden-Württemberg.

Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten. Silberburg-Verlag 2017. 178 S., 24,90 Euro.