"Den hole ich mir"

Alfred Rogoll

Von Alfred Rogoll

Mi, 13. Juni 2018

Rock & Pop

Sein Lebenswerk war Colosseum: Zum Tod des britischen Schlagzeugers Jon Hiseman.

Unter dem Kürzel JCM hatte Schlagzeuger Jon Hiseman (73) gerade ein neues Album fertiggestellt und startete mit Gitarrist Clem Clempson und Bassist Mark Clarke vor kurzem eine Tour, die auch ins Jazzhaus Freiburg führen sollte. Da stoppte ihn die Diagnose eines Hirntumors, zwang zu sofortiger Operation.

Kurz zuvor hatte er noch ein Interview, auch zum neuen Album "Heroes", gegeben. Das präsentiert Coverversionen von verstorbenen ehemaligen Mitspielern wie Jack Bruce, Gary Moore und Dick Heckstall-Smith, während Jon Hiseman sich erstaunt und beeindruckt zeigte, wie viele seiner früheren Mitmusiker bereits gestorben sind: "Ich saß im vergangenen Jahr eines Nachts in meinem Studio bei London und war völlig überwältigt, nun schon ein Tribute-Album nur mit Musik von Freunden machen zu können...".

Seine musikalische Karriere begann in den 60er Jahren in einem Londoner Keller, wo zufällig der Jazz- und Bluesmusiker Graham Bond den Autodidakten im Vorübergehen trommeln hörte. "Den hole ich mir, wenn Ginger Baker bei uns mal aufhört", soll der zu einem Freund Hisemans bemerkt haben. Bald darauf war es soweit. John Mayall brachte ihn anschließend in seine Bluesbreakers, wo die Basis für Hisemans Lebenswerk Colosseum entstand. Eine Ausnahmeband zwischen britischer Rock- und Jazzszene, denn Jazz blieb selbst in boomenden Rock-Zeiten eine besondere Liebe des Engländers. Das umfängliche Repertoire, das mit seinen Blues-Nummern oder der Akkordfolge einer Bachkantate in "Beware The Ides Of March" Kritiker zu Vergleichen mit Duke Ellingtons subtilen Arrangements hinriss, machte Colosseum zu einer der spannendsten europäischen Bands. Mit einem, im Zenit seines Könnens stehenden Chris Farlowe als Sänger setzten sie 1971 mit der kraftvollen Doppel-LP "Colosseum live" Meilensteine. Hiseman pflegte danach auch das Spiel in kleineren Formationen wie Tempest, Colosseum II, spielte in Barbara Thompsons Paraphernalia, der Band seiner Frau, und wirkte immer wieder auch in Nebenprojekten wie dem von Wolfgang Dauner initiierten United Jazz + Rock-Ensemble. Mit Andrew Lloyd Webber gar arbeitete er bei Musicals wie "Starlight Express" zusammen.

Das Freiburger Zeltmusikfestival war 1994 für ein Comeback von Colosseum verantwortlich. Gründer Alexander Heisler hatte Jon Hiseman zur Reunion animiert. Die blieben noch über 20 Jahre aktiv. Im Gespräch kürzlich schwärmte ein tatendurstiger Bandleader von kommenden Möglichkeiten: "Es gibt gerade im Trio eine Menge Freiheiten fürs Spiel. Weil eine größere Band viel mehr Aufmerksamkeit erfordert – wer gerade was tut. Manche der erfolgreichsten Bands meines Genres waren übrigens Trios. Denken Sie an Jimi Hendrix, an Cream, an Led Zeppelin, wo je drei Instrumente wirken plus Gesang. So kam ich zum Schluss, ein klassisches Trio mit Gitarre würde nun das Beste sein." Dieses Kapitel aber wurde ein kurzes Finale: Seine Tochter, Sängerin Ana Gracey, gab am Dienstag im Netz seinen Tod bekannt: "My Dad passed away peacefully at 03:55 A. M.." Ein friedlicher Abschied.