Interview

Machtlos und sterbenslangweilig: Der Freiburger Gottfried Haufe zieht seine persönliche Jahresbilanz

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mo, 17. Dezember 2018 um 14:59 Uhr

Freiburg

2018 habe ihn das Gefühl der Machtlosigkeit verfolgt, sagt Gottfried Haufe. Der 28-Jährige blickt am Dienstagabend im Kulturaggregat in einem Soloprogramm auf das Jahr 2018 zurück. fudder verlost Karten.

Gottfried Haufe gibt mit der Gruppe Nachhall "Lesungskonzerte" und er schreibt eigene Texte. Nun präsentiert er einen "höchst persönlichen" Jahresausklang – zu sehen ist sein Soloprogramm "Besser Späti als nie" am Dienstag, 18. Dezember, im Kulturaggregat in der Hildastraße. Frank Zimmermann sprach mit dem 28-Jährigen über das zu Ende gehende Jahr 2018.

BZ: Was war 2018 für Sie für ein Jahr?
Haufe: Ach, ein Jahr wie jedes andere auch. Was bedeutet: Ich habe sowohl viele anstrengende persönliche und berufliche Tage durchlebt als auch richtig sterbenslangweilige Wochen.

BZ: "Sterbenslangweilig" macht noch kein Bühnenprogramm. Was war 2018 denn besonders, schön, einmalig?
Haufe: Gerade die Momente, die die Leute wahrscheinlich schon längst wieder vergessen haben. Zum Beispiel die totale Mondfinsternis!

BZ: Der "Blutmond"?
Haufe: Ja, genau. Ich habe den Mond allerdings nicht in Freiburg, sondern auf dem Tempelhofer Feld angesehen, das war rammelvoll. Ich werde das nie wieder erleben – das hat einem auch die Endlichkeit klar gemacht.

"Ich habe mich über den Trubel über die Hochzeit im englischen Königshaus zwischen Prinz Harry und Meghan Markle gefreut." Gottfried Haufe

BZ: Lassen Sie uns beim Schönen, Heiteren bleiben.
Haufe: Ich habe mich über den Trubel über die Hochzeit im englischen Königshaus zwischen Prinz Harry und Meghan Markle gefreut – wie wichtig es den Menschen ist.

BZ: Was um Himmels Willen begeistert die Menschen an Königshäusern?
Haufe: Die meisten Leute haben mehr Interesse für Geschichte und geschichtliche Überbleibsel, als sie selbst glauben. Das kommt dann bei so einem Ereignis raus. Wenn die mit der Kutsche zum Palast fahren, löst das ein Gefühl wie bei Jane-Austen-Verfilmungen oder Sissy aus.

BZ: Die Politik war 2018 eher eine frustrierende Angelegenheit, oder?
Haufe: 2018 war ein Jahr, in dem man hart kämpfen musste, nicht in Zynismus zu verfallen. Bei allem Witz, den jemand wie Trump darstellt, nimmt man solche Politiker nicht nur als Karikaturen, sondern auch als Politiker mit einer schweren Agenda wahr. Die Politik in diesem Jahr hat mir gezeigt: Es geht politisch weiter mit dem Wunsch hin zu starken Autoritäten. Ich glaube aber immer noch daran, dass die Politiker, egal ob Grüne, Linke, SPD oder CDU, die Kurve noch kriegen und sich anschauen, warum die Leute, die AfD wählen, so verbrämt sind.
Gottfried Haufe

Der 28-Jährige stammt aus Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern und wuchs in Rostock auf. An der Uni Freiburg studierte er Englisch und Geschichte. Er arbeitet in der Universitätsbibliothek in der Projektgruppe DEAL mit, die mit Großverlagen über nationale Lizenzverträge verhandelt und wie künftig wissenschaftliche Periodicals publiziert werden.

BZ: Sind Sie selbst politisch unterwegs?
Haufe: Nicht in einer Partei. Ich versuche, in meinem Umfeld bei Themen, die mich berühren, aktiv zu sein, zum Beispiel im Ehrenamt oder indem ich mein Demonstrationsrecht wahrnehme: Mit dem Trio "Nachhall" spenden wir 100 Prozent unserer Einnahmen einem gemeinnützigen Projekt in Freiburg, etwa der Obdachlosenzeitung "Freie Bürger", der Freiburger Tafel oder Frauenhorizonte. Am Dienstag bekommt das Flüchtlingsprojekt "Start with a friend" 50 Prozent der Einnahmen. Das ist mein Versuch, mich einzubringen.

"Wenn man Feuer mit Feuer bekämpft, macht man sich sehr angreifbar." Gottfried Haufe

BZ: Stichwort Demonstrationsrecht: Waren Sie 2018 in Freiburg auf der Straße?
Haufe: Bei der Anti-AfD-Demo Ende Oktober. Da ging es mir darum, auf der Straße präsent zu sein in einer Stadt, die sich nach wie vor sehr tolerant gibt und es in vielen Dingen auch ist. Wobei ich Parolen wie "Ganz Freiburg hasst die AfD" eher schwierig finde. Wenn man Feuer mit Feuer bekämpft, macht man sich sehr angreifbar. Und ich war bei der Demo gegen die Schließung des White Rabbit.

BZ: Was war da die Motivation?
Haufe: Ich bin auf die Straße gegangen, weil meiner Meinung nach das Clubsterben in Freiburg nicht als Status quo hingenommen werden sollte. Ich würde mir wünschen, dass von Seiten der Stadt genau hingeschaut würde, welche Investoren sich wo einkaufen. Wenn ich als Clubbetreiber spüren würde, dass die Stadt mich – und sei es nur mit einer Haltung – unterstützt, würde ich die Stadt um Rat fragen. Die Clubbetreiber sollen das Gefühl haben, von der Stadt willkommen zu sein – ich glaube nicht, dass sie das haben.

"Es ist doch die Stadt der Leute." Gottfried Haufe

BZ: Womit wir bei der Politik vor Ort sind.
Haufe: Ich glaube, in Freiburg wird alles so demokratisch wie möglich angegangen, nehmen wir nur den Dietenbach-Bürgerentscheid.

BZ: Also finden Sie es richtig, dass man über einen neuen Stadtteil erst nochmal abstimmt, obwohl die Wohnungsnot ja offensichtlich ist und der Gemeinderat das mehrheitlich will?
Haufe: Ich denke schon – es ist doch die Stadt der Leute. Zumindest sollten sie ein Mitspracherecht darüber haben, wie ein zukünftiger Stadtteil genutzt wird.

"Das Gefühl der Machtlosigkeit hat mich 2018 sehr verfolgt." Gottfried Haufe

BZ: Was erwartet die Leute am Dienstagabend im Kulturaggregat?
Haufe: Es soll gelacht werden, wobei es auch mal nachdenklich werden kann. Es gibt einen kleinen politischen Teil – ich will da noch nicht zu viel verraten –, in dem ich den Leuten zeigen möchte, dass man sich selbst engagieren muss. Denn das Gefühl der Machtlosigkeit hat mich 2018 sehr verfolgt: Ich kann kein Schiff steuern, also kann ich der Seebrücke im Mittelmeer nicht direkt helfen. Ich kann spenden, aber wenn die EU alle Häfen schließt? Wenn mit meiner Spende ein Brunnen im Jemen gebaut wird, sprengen ihn die Saudis gleich wieder weg. Deshalb: Im eigenen Umfeld anfangen!
"Besser Späti als nie": Kulturaggregat, Hildastraße 5, Dienstag, 18. Dezember, 20.01 Uhr. Abendkasse ab 19.30 Uhr.

Vorverkauf:
Pop-up-Store "Die Nische", Salzstraße 26; Tickets kosten: 4 Euro.

Verlosung

fudder verlost unter allen Mitgliedern im Club der Freunde zwei Tickets für die Lesung von Gottfried Haufe am Dienstag, 18. Dezember 2018 um 20.01 Uhr.

Mitglied in fudders Club der Freunde kannst Du hier werden.Um zu gewinnen, schicke eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "Haufe" an gewinnen@fudder.de.

Sollten keine Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Karten unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Dienstag, 18. Dezember, um 12 Uhr. Die Gewinner werden am selben Tag sofort per E-Mail benachrichtigt.

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