Premiere Stadttheater Freiburg

Dennis Kellys Ein-Frauen-Stück "Girls & Boys"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

So, 14. Oktober 2018 um 20:42 Uhr

Theater

Der britische Dramatiker Dennis Kelly hat sich an einem feministischen Monolog versucht. Das Theater Freiburg zeigt jetzt "Girls & Boys" mit einer überragenden Angela Falkenhan.

Kann ein Mann feministische Monologe schreiben? Dennis Kelly hat es versucht. Für sein Stück "Girls & Boys" – wohlgemerkt: in dieser Reihenfolge – hat er nach eigener Auskunft zwei Jahre gebraucht. Das war also lange vor der Me-Too-Debatte. Die am Ende mit dem, was der 1970 geborene englische Dramatiker hier verhandelt, auch nicht allzu viel zu tun hat. Statt um sexistische Übergriffe am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit handelt es sich hier um – euphemistisch gesprochen – Beziehungsprobleme im privaten Umfeld. Von familiärer Gewalt zu sprechen wäre nicht ganz falsch.

Im Februar kam "Girls & Boys" in London auf die Bühne, im März bereits präsentierte das Berliner Ensemble das Ein-Frauen-Drama vollmundig als "Stück der Stunde", nun zieht das Theater Freiburg nach. Das Kleine Haus (gespielt wird auch in der Kammerbühne) hat die Bühnen-und Kostümbildnerin Maylin Habig aus naheliegenden Gründen in den Farben Rosa und Hellblau gestaltet: Von der Hinterwand läuft auf der einen Seite ein rosafarbener Flokati bis zum Boden und als Teppich aus, auf der anderen echot ein raufaseriges Pendant in Hellblau. In der ausgesparten Mitte posiert ein runder Hocker – auch in der Mädchenfarbe, denn er ist die Spielfläche der – um es gleich zu sagen – fabelhaften Schauspielerin Angela Falkenhan, der angesichts von fast zwei Stunden Spieldauer einiges abverlangt wird. Inszeniert hat ein Boy: Eike Weinrich macht den Makel ein bisschen gut, indem er zum begeisterten Premierenapplaus im rosa Anzug erscheint.

Girls und Boys, Mädels und Jungs: Dass da einiges knirscht im Zweier-Getriebe, ist ja nichts Neues. Der Stücktitel ist insofern allerdings irreführend, als den Boys keine Gelegenheit gegeben wird, ihre Existenz irgendwie zu rechtfertigen. Allein sie kommt zu Wort: Ehefrau, Mutter zweier kleiner Kinder, erfolgreiche Dokumentarfilmproduzentin. Es ist ihre Geschichte, die erzählt wird – rückblickend und von Anfang an. Also von dem Moment an, als sie mit Mitte Zwanzig die Entscheidung trifft, dass in hemmungslosem Ficken und Saufen nicht der Sinn des Lebens liegen kann. Die ersten sechzig Minuten der Aufführung verstreichen mit ziemlich rotzigem, zur Freude des Publikums pointenseligem Geplänkel: Wie die Frau, die Kelly erschuf, in der Easyjet-Schlange in Neapel den Mann kennenlernt, der ihr zuerst unsympathisch, doch dann wie ein antiker Gott erscheint, nachdem er zwei – natürlich strunzdumme – Models in den Senkel gestellt hat. Und wie der Sex mit diesem Helden natürlich über alle Maßen gut war; wie sein supergroßes Macher-Ego auch auf sie abfärbt; wie sie das abgefahrenste Vorstellungsgespräch des Jahrhunderts hinlegt et cetera.

Bei all dem coolen Gehabe beschleicht eine das Gefühl: So spricht keine Frau, vor allem keine, der im Lauf der Ereignisse noch etwas widerfahren wird, das hier auf ausdrücklichen Wunsch des Theaters nicht näher benannt werden soll (nur so viel: Es handelt sich um eine Tragödie von antikem Ausmaß). Das liegt zuletzt an Angela Falkenhan, die ihrer Figur an Leben einhaucht, was an Leben geht. Die vor allem als Komödiantin eine glanzvolle One-Woman-Show abzieht, die nichts zu wünschen übrig lässt. Vor allem die Rollenspiele mit ihren unsichtbaren Kindern Benni und Lina, die nach den politisch korrekten Absichten des Autors allen Genderklischees entsprechen – der Bruder zerstört, was die Schwester schafft –, sind von fast bestürzender Lebendigkeit. Falkenhan kann allein mit ihrer beredten Mimik die ganzen kleinen Alltagsdramen einer vierköpfigen Familie erzählen.

Doch dann: weg mit der silberblonden Pagenperücke. Game over. Deutlicher hätte die Regie die Zäsur zwischen Soap und Abgrund nicht setzen können. Doch dieser bleibt kontaminiert durch die Alles-Easy-Sprechweise der Protagonistin und damit ein auf Effekt gebürstetes Oberflächenphänomen, von dem aus man nicht in die in allen voyeuristischen Details ausgemalten Tiefen des Unheils vordringen kann. Gern hätte man darüber nachgedacht, wie Girls and Boys am Anfang des 21. Jahrhunderts ihre Beziehung zueinander neu justieren können, wie aus dem Zugewinn an weiblichem Selbstbewusstsein und dem Verlust an männlicher Sicherheit ein gewalt- und repressionsfreierer Umgang erwachsen könnte. Gern hätte man das Stück danach befragt, ob nicht die weibliche Imago vom Mann als Macher, die in ihm herumgeistert, nicht allmählich ausgedient hat.

Doch wenn der Mann ein Monster ist, hören alle Fragen auf. Man verlässt das Theater ratlos – und mit einer tiefen Verbeugung vor der großartigen Angela Falkenhan.

Weitere Aufführungen: www. thea


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