Eine Aufführung ohne Fehl und Tadel

Hildegard Karig

Von Hildegard Karig

Di, 23. Januar 2018

Denzlingen

Denzlinger Kulturkreis verbindet Musik, Literatur und Bilder zu einem Gesamtkunstwerk.

DENZLINGEN. Bei ihrer jüngsten Veranstaltung hat der Denzlinger Kulturkreis (DK) an eine Tradition angeknüpft, die im Zusammenführen von Musik, Bildender Kunst und Literatur besteht, und dem Austausch, der kongenialen Befruchtung und der Diskussion künstlerischer Wertigkeit dient. Wolfgang Newerla (Bariton), Matthias Alteheld (Klavier), Gabriele Kniesel (Rezitation) und Brigitte Liebel (Lichtbildschau) präsentierten im Kultur- und Bürgerhaus ein Gesamtkunstwerk, das sowohl in den einzelnen Darbietungen als auch als Ganzes überzeugte.

Schubert’s Liedzyklus "Winterreise", die Erzählung "Lenz" von Georg Büchner und "Lenz, eine Lichtbildschau" von Brigitte Liebel waren das programmatische Material. Das Gegenüberstellen der poetischen Verse von Wilhelm Müller und der überspannt-romantischen Sprache Georg Büchners ließ aufhorchen. Die Gegensätzlichkeit in der Sprache, die Übereinstimmung im Inhalt vermittelten sich in der Konfrontation umso mehr. Während in der Poesie von Müller, unterstrichen durch die Vertonung, immer wieder auch heitere Naturbilder auf schöne Erinnerungen hinweisen, wird die Sprache bei Büchner im Lauf der Erzählung immer radikaler, krankhafter. Leere und Trostlosigkeit halten sich in beiden Dichtungen zum Ende die Waage, unterschiedlich rigoros zum Ausdruck gebracht.

Brigitte Liebels bildhafte Ausschnitte einer Winterlandschaft im Rheintal, in Grau, Schwarz und Weiß gehalten, nahmen die perspektivlose Leere, die sich steigernde kranke Verzweiflung des jungen Lenz auf. Die Kälte, die ihn immer mehr heimsuchte, wurde in den Projektionen sichtbar. Der sich in hellem Rot auflösende, gestaltlose Hintergrund für den Liederzyklus bot eine willkommene Alternative zum sonst schwarzen Hintergrund der Bühne des großen Saales.

"Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses bei anderen Liedern der Fall war." Mit diesen Worten kündigte Schubert seinen Freunden die 24 Lieder an, die er gegen Ende seines Lebens komponierte. Angegriffen – dass Schubert dieses Wort wählte, um die Wirkung seiner Lieder zu beschreiben, erstaunt nicht. Sie handeln von unglücklicher Liebe, Todessehnsucht, sind unheimlich, verbinden extreme Gefühlslagen in der Kleinform des Liedes und stellen schönste Erinnerungen der Hoffnungslosigkeit gegenüber. Die Verse bieten in ihren genialen Vertonungen jedem Sänger ein großes Spektrum, Gefühle jeder Art und Intensität auszureizen und den Liederzyklus zur großen Oper werden zu lassen. Wolfgang Newerla hat dieser "Versuchung" widerstanden. Er hat mit stimmlicher Kompetenz vor allem in der Tiefe die Lieder für sich sprechen lassen; sie nicht überfrachtet, weder in theatralischem Gesang noch Gestik. Er setzte dramatische Akzente, deutete unheimlichen Irrsinn an, streute klanglich schöne Momente ein. Seine Textverständlichkeit war exzellent, lyrischer Schmelz blieb rar.

Pianist Matthias Alteheid vermochte es, die vielfältigen Facetten der Schubert’schen Musiksprache gerade in der kleinen Form des Liedes heraus zu spielen. Seine Herangehensweise in der Interpretation und pianistische Perfektion nutzten die ausdrucksstarke und lautmalende Vertonung Schuberts, er erspürte jedes Detail in der Vertonung. Matthias Altehelds Ausdruckskraft im Spiel fand ihre Erwiderung in der Rezitation von Gabriele Kniesel. Durch ihre lebendige Lesart verhalf sie dem Text zu der Emotionalität, die Büchner in seiner Erzählung ausreizt und fast rücksichtslos entlädt.

Und eine weitere Bemerkung zur "Winterreise": Die unzähligen Bearbeitungen und Interpretationen, die dieses Werk erfahren hat, mag man individuell unterschiedlich beurteilen. Dieser Abend reihte sich unbedingt ein in die Geschichte der "Winterreise" als eine Aufführung, die ohne Fehl und Tadel, ambitioniert und in höchstem Maße professionell in ein Gesamtkunstwerk eingefügt wurde. Vielleicht regte Schubert selbst einen erweiterten Umgang mit seinem Zyklus an, als er es bei einer unbestimmten Zuordnung beließ, in dem er dem Zyklus den Artikel im Titel verweigerte. Und so bleibt Schuberts Winterreise offen für jeden, ob Interpret, Arrangeur oder Zuhörer, jeder kann diese Reise als seine adaptieren. Vielleicht erklärt sich damit, dass nach Verklingen der letzten Töne eine gewichtige, lange Stille eintrat.