Kranker schlägt immer wieder zu

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Mi, 21. Oktober 2015

Denzlingen

Landgericht Freiburg ordnet die Unterbringung eines 47-Jährigen an, der bei Psychosen in Denzlingen Angst verbreitete.

DENZLINGEN/FREIBURG. Mit der Anordnung der Unterbringung in die Psychiatrie endete am Montag ein sogenanntes Sicherungsverfahren gegen einen 47-jährigen Mann aus Denzlingen. Der aufgrund einer chronischen paranoiden Schizophrenie strafrechtlich schuldunfähige Mann hatte der Polizei und einigen Bürgerinnen und Bürgern in Denzlingen zwischen November 2014 und April 2015 das Leben schwer gemacht.

Nächtliche Ruhestörungen mit überlauter Musik hatten seine Nachbarn mehrfach um den Schlaf gebracht. Hinzu kamen, und nur deshalb musste er jetzt vor Gericht erscheinen, mehrere zerstochene Autoreifen, zwei tätliche Beleidigungen und vier vorsätzliche Körperverletzungen. In Denzlingen kennen den schmalen Mann mit dem von keinem einfachen Leben gezeichneten Gesicht viele Menschen vom Sehen. Er fiel auf, weil er unruhig die Straßen auf und ab lief und dabei laut vor sich hinredete, ohne mit einem Smartphone verbunden zu sein. Sein persönliches Schicksal dürften indessen nur wenige kennen. Schon vor mehr als 20 Jahren ist der 47-Jährige an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt, die nicht nur sein Erleben, sondern auch sein Leben schon früh aus dem Gleis geworfen hat. Seit dem Jahr 2000 bezieht er wegen Erwerbsunfähigkeit eine Rente. 21 Mal musste er in den vergangenen Jahren wegen akuter Psychosen in der Psychiatrie stationär aufgenommen werden. Seit der letzten Tat vom April 2014 ist er vorläufig untergebracht.

In Handschellen wird er von Begleitern aus dem Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen in den Gerichtssaal begleitet. Erst im Saal wird ihm die Fessel abgenommen und zu jeder Pause wieder angelegt. Den Prozess verfolgt er aufmerksam, seine Arme vor der Brust verschränkt. Für die Zeugen aus Denzlingen, denen er unvermittelt ins Gesicht schlug oder ans Bein trat, bei den beiden Frauen, denen er aus nächster Nähe ins Gesicht spuckte – was diese als ekelerregend und verunsichernd empfunden haben – hat er bislang nicht um Verzeihung gebeten. Das dürfte mit seiner Erkrankung zusammenhängen. Die Diagnose des psychiatrischen Sachverständigen hat weder bei den Richtern noch bei der Staatsanwältin und dem Verteidiger Zweifel aufkommen lassen. Zu oft ist beschrieben worden, wie der 47-Jährige in der Vergangenheit gehandelt hat. Schwer vorstellbar ist für einen Gesunden, welche Streiche und insbesondere welche Ängste die krankhafte Veränderung der Wahrnehmung der Realität bei Erkrankten auslösen kann. Es mag lustig klingen, wenn der 47-Jährige fest davon überzeugt war, dass er ein Sohn von Lothar Späth sei, dem früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Den anderen Vater habe er nur, weil er im Kinderwagen vertauscht worden sei. Angsteinflößend wurde es jedoch, als er davon ausging, dass die Eltern, bei denen er aufgewachsen ist, im Auftrag der Mafia gegen ihn spionierten und die eigene Mutter ihn umbringen lassen wollte.

Wie mag es einem ergehen, wenn man sich felsenfest von einer fremden Macht bestimmt fühlt? Wenn einem Stimmen seltsame Befehle erteilen und die in Wirklichkeit von einer Auseinandersetzung herrührenden Narben Beweise für eingepflanzte Mikrophone und Kameras sind? Die Menschen zwischen 20 und 84 Jahren, denen der 47-Jährige in seinem wahnhaften Erleben in Denzlingen Ohrfeigen oder einen Fußtritt gab, die er anspuckte und damit tätlich beleidigte, haben sich sehr erschrocken und nicht verstehen können, wie ihnen geschah.

Krankhafte Veränderung der Wahrnehmung

Es ist Teil dieser chronischen Erkrankung, dass die Betroffenen dazu neigen, die notwendigen Medikamente abzusetzen, die ihnen ein gesundes Erleben erlauben. Es fällt ihnen oft schwer zu akzeptieren, dass sie ohne Medikamente für sich und andere gefährlich werden können. Genau darin besteht das Problem des 47-Jährigen: Ist er mit Medikamenten gut eingestellt, können sie den Ausbruch von heftigen Psychosen verhindern. Geht es ihm eine Weile gut, glaubt er, auf die Medikamente verzichten zu können. Er setzt sie ab und die Symptome seiner Krankheit nehmen wieder zu. Der 47-Jährige r, der zurzeit mit Medikamenten gut eingestellt ist, hat die angeordnete Unterbringung in der Psychiatrie akzeptiert. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. Zur Bewährung ausgesetzt werden wird sie wohl erst, wenn er weitaus mehr Krankheitseinsicht gelernt haben wird.