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13. Dezember 2014

Mit dem Glimmstängel in den Krieg

Währung, Bestechung, Selbstdarstellung: Dirk Schindelbeck aus Denzlingen erforscht die Geschichte der Zigarette.

  1. Der erste Band zur Kulturgeschichte der Zigarette, an der der Denzlinger Germanist und Kulturwissenschaftler Dirk Schindelbeck mitarbeitet, behandelt die Bedeutung des Glimmstengels rund um den 1. Weltkrieg Foto: Markus Zimmermann               

  2. Bildpostkarte "Zu zweien vereint / Ran an den Feind!", gelaufen 24.11.1916, Archiv Historische Bildpostkarten, Universität Osnabrück, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesebrecht Foto: Sammlung Giesebrecht

DENZLINGEN. Ein ganzes Buch über die Rolle der Zigarette im Ersten Weltkrieg? Das scheint d in Zeiten, in denen der Glimmstängel politisch nicht mehr korrekt ist, als verwegen. Für den in Denzlingen lebenden Dirk Schindelbeck jedoch ist das Forschen rund um die Zigarette höchst spannend. Mit der "Sprache der Zigarette im 20. und 21. Jahrhundert" befasst sich der Germanist und Kulturwissenschaftler seit einem Jahr mit Kollegen aus Jena, Hamburg, Göttingen, Magdeburg und Wien in einem Forschungsverbund. Jetzt ist der erste von drei Bänden erschienen.

"Die Zigarette steht markentechnisch für die hohe Kunst, ein Produkt unters Volk zu bringen", betont Schindelbeck, der sich seit Jahren immer wieder mit Werbung befasst hat. Im Vergleich zu anderen Produkten sei die Zigarette eher eine Luftnummer, für die es öffentliches Vertrauen zu gewinnen gelte. Das scheint seit der Wende zum 20. Jahrhundert gut gelungen zu sein. Die Zigarette hatte sich gegenüber Pfeife und Zigarre etabliert, war gesellschaftsfähig geworden, was nicht zuletzt den damit verbundenen Werbebotschaften zu verdanken war.

Werbung


Die ersten Zigarettenfabrikanten und Händler kamen aus dem Orient. So lag es nahe, mit Orientmotiven, Bildern von Haremsdamen und Moscheen sowie Namen wie Sulima zu werben. Daneben wurde das Flair des Adeligen, der Hautevolee und des Internationalen genutzt. "1913 gab es 1013 Zigarettenhersteller im Deutschen Reich, darunter rund die Hälfte Familien- und Kleinstbetriebe, die den lokalen Markt bedienten", so Schindelbeck. 1906 war die Banderolensteuer eingeführt worden, der Staat verdiente fortan mit und das nicht schlecht. 1910 war die Zigarette Kultprodukt, galt als leicht und nicht gefährlich.

Als die Soldaten in den Krieg zogen, war die Zigarette wie auch der Stumpen "als Feldkost" dabei. Anfangs je zwei, später im Verhältnis von eins zu vier zugunsten der Zigarette, und die Produzenten wurden verpflichtet, massenweise für das Heer zu liefern. Klar geregelt war auch, für wen. 75 Prozent gingen an die Mannschaftsgrade, 20 Prozent an Unteroffiziere und fünf Prozent an Offiziere. Letztere mussten sich ab 1916 selbst versorgen. Die Qualität litt mit zunehmender Kriegsdauer und am Schluss bestand der Tabak zu 80 Prozent aus Buchenlaub.

Spannend ist bei alldem für Schindelbeck aber die Bedeutung der Zigarette für die Soldaten. "Sie diente als Währung und Bestechungsmittel und zur Selbstdarstellung", hat Schindelbeck in vielen Dokumenten, Fotos, Tagebüchern und Kriegsromanen, Beispiele für "die existenzielle Bedeutungsfracht der Zigarette gefunden". Verwundeten wurde sie zur Beruhigung gereicht, Sterbenden zum letzten Zug und vor dem Angriff konnten die Soldaten in einem gemeinsamen, gleichmachenden Rauchritual, nochmals davonträumen. "Zeitverkürzer, Stimmungsaufheller, Rückzugsmedium, Traumgenerator und Narkotikum", das alles konnte die Zigarette sein.

Zugleich bekam auch die Zigaretten die Trennung zwischen Freund und Feind zu spüren. Aus "Gibson Girl" wurde "Wimpel", aus "Dandy" die Sorte "Dalli" und statt "Gil d’Or" rauchten die guten Deutschen jetzt "General Goeben". "Es gab einen regelrechten Umbenennungswahn", so der 62-Jährige, der viele Tage im Fundus von Philipp Reemtsma im Hamburger Museum verbracht hatte. Andererseits diente die Zigarette der Verbrüderung. Gemeinsam rauchten Freund und Feind, gaben sich friedlich Feuer.

"Es ist eine spannende Arbeit und das kollektive Schreiben für mich zugleich eine ganz neue Erfahrung", erklärt Schindelbeck zum auf drei Jahre angelegten Projekt. Denn mit dem Abschluss des ersten Bandes ist das Thema noch längst nicht abgeschlossen. Das Kulturgut Zigarette könne bis heute noch viele interessante Geschichten erzählen, so auch vom Kampf gegen die Übernahme durch amerikanisches Kapital und zum Thema Globalisierung. Die nächsten Bücher – Zigaretten-Welten und Zigaretten-Krisen – sind schon vorgedacht. Das Rauchen selbst hat Dirk Schindelbeck übrigens in Folge einer Bronchitis schon früh wieder aufgegeben.

Buch: Zigaretten-Fronten – Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs, Dirk Schindelbeck, Christoph Alten, Gerulf Hirt, Stefan Knopf, Sandra Schürmann, Jonas Verlag für Kunst und Literatur, Marburg, ISBN: 978-3-89445-496-8

Autor: Markus Zimmermann