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04. Oktober 2016

Mit der Macht der Hände

Flüchtlinge bringen in Denzlingen eigene Situation zum Ausdruck.

  1. Mit offenen Armen empfangen - der Syrer Youssef Turkieh bastelt an einer ausdrucksstarken Bildkomposition, derweil andere Teilnehmer noch noch Motiven suchen Foto: Markus Zimmermann

DENZLINGEN. Wo die Sprache versagt, können oft Hände helfen, zu verstehen. Die Kommunikation ohne Worte hilft bei Reisen in fremde Länder, spielt aber auch im Kontakt mit den nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen eine wesentliche Rolle. In Händen liegt ein beachtliches Potenzial und so kommt es nicht von ungefähr, dass ein in Denzlingen Ende August gestartetes Projekt mit Flüchtlingen den Titel "power of hands" trägt.

Rund um die zum Ateliertisch umfunktionierte alte Tischtennisplatte in der Leichtbauhalle stehen die Flüchtlinge bei dem Projekt. Vor ihnen liegen stapelweise Magazine und Zeitschriften. Marlies Hartmann hat die Aufgabe erklärt und nun gilt es, aus all der Bilderflut diejenigen Fotos auszusuchen, mit denen die Flüchtlinge in einer Collage ihre persönliche Situation zum Ausdruck bringen können. Spürbar ist, dass das nicht allen gleich gelingt und nicht allen leicht fällt. "Sich in Kunst auszudrücken, ist für viele nicht Teil ihrer bisherigen Kultur", so die Bildungsreferentin.

Youssef Turkieh geht jedoch sehr beherzt ans Werk. Der 22-Jährige, allein aus Syrien geflohen, findet sehr schnell Fotos, die seine Situation beschreiben. Mit dem Cuttermesser löst er sie aus dem bisherigen Zusammenhang und arrangiert sie auf einem gerade einmal A 4 großen Karton neu. Im Zentrum die Rückansicht einer Person, die ihre Arme weit ausbreitet. Für Youssef aus Damaskus Ausdruck des herzlichen Willkommens. "So wie ich es hier erlebt habe", betont er und montiert Blüten in die Hände. Darüber hat er ein Foto mit der Flagge des syrischen Widerstandes geklebt, jetzt sucht er noch ein grimmiges Gesicht. Ausdruck für eine Welt, die er verlassen hat.

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Im Oktober sollen eigene Projekte erarbeitet werden

Saad Alnasrawi wählt die großen Motive. Auf seiner plakatgroßen Collage hat er links zweimal Fotos von Kanzlerin Merkel montiert. Die Hände in die Hüften gestemmt, den Blick geradeaus, drückt sie für den früheren Polizeioffizier etwas Starkes, Männliches aus. Den Blick zu Boden gerichtet, den Zeigefinger erhoben, kommt für ihn Ohnmacht zum Ausdruck. "So wie bei mir, denn ich bin schon sieben Monate da, ohne dass über die Aufenthaltsberechtigung entschieden ist", sagt der Iraker. Mit anderen Motiven will er an seine Heimat erinnern. Das Bild eines blühenden Gartens mit Kind steht für sein Zuhause, seine Familie, Kriegs- und Soldatenbilder stehen für Zerstörung, ein Uniformierter mit Gewehr aber auch für seinen Beruf. Ein Motiv aus einem Asterix-Comic symbolisiert die Zerstrittenheit in seiner Heimat. Saad hat Freude an der Arbeit, präsentiert sein Werk gern. Der 38-Jährige hat auch viele der Bilder gemalt, die an den Wänden hängen.

Noch sind die Teilnehmer dabei, künstlerische Ausdrucksformen kennenzulernen. Im Oktober sollen dann eigene Projekte erarbeitet werden. "Leitfaden", so Bildungsreferentin Marlies Hartmann, "sind dabei die Hände". Mit einbezogen sind auch die neuen Medien. Smartphone, Internet, das sind die Kommunikationswege der Flüchtlinge, die "Drähte", über die sie auch mit ihren Familien Kontakt halten. Einige der Teilnehmer sind emsig dabei, Hände zu fotografieren, Videoaufnahmen davon zu machen, wie geschnitten, geklebt, gemalt wird. Immer ganz dicht dran. Im Jugendzentrum wurde ein Raum eingerichtet, wo die Bilder dann bearbeitet werden können.

Kreativ sein und dabei Sprache finden ist das Ziel des Projekts "power of hands", bei dem auch mit der Qualifizierungsfirma 48 Grad Süd kooperiert wird. "Wenn Teilnehmer dort den Beschäftigten auf die Hände schauen, bekommen sie einen Eindruck von der hiesigen Arbeitswelt", so Hartmann. Gefördert wird das Projekt vom Innovationsfonds Kunst des Landes.

"Sonntagsmaler" war ein weiterer Programmpunkt. Der Künstler Meinolf Mandelartz lud in der Flüchtlingsunterkunft an der Waldkircher Straße ein, mit Pinsel, Farben und Papierbögen die "weniger gefüllten Stunden an Sonntagen kreativ zu nutzen". Zahlreiche Werke zeugen vom Ausdruckswillen der Teilnehmer. "Ich habe sie einfach malen lassen, was in ihnen drin ist", so Mandelartz.

Autor: Markus Zimmermann