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13. November 2008

Pfarrer Vogt: "Vernetzung öffnet den Horizont"

BZ-INTERVIEW mit Pfarrer Hermann Vogt, der seit fünf Jahren die damals gebildete "Seelsorgeeinheit an der Glotter" leitet.

  1. Pfarrer Hermann Vogt Foto: mzd

DENZLINGEN/GLOTTERTAL/REUTE. Mit einem Gottesdienst und anschließendem Empfang feiert die Seelsorgeeinheit an der Glotter am kommenden Samstag von 18.30 Uhr an in der St.-Jakobus-Kirche das fünfjährige Bestehen. Pfarrer Hermann Vogt ist von Beginn an dabei. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Markus Zimmermann-Dürkop.

BZ: Gibt es Grund zum Feiern für ein aus der Not geborenes Kind?

Vogt: Ich meine ja. Auch wenn sich sicher mit der Bildung der Seelsorgeeinheit für die mehr als 11 000 Katholiken in Denzlingen, Glottertal, Heuweiler, Reute und  Vörstetten nicht nur alles positiv verändert hat.  Vieles ist gut gelungen. Die Seelsorgeeinheit, sicher aus der Not geboren und auf Anordnung des Bischofs eingerichtet, hat heute nicht mehr den Charakter eines Provisoriums und bietet eine Reihe von Chancen.

BZ: Was hat sich am stärksten verändert?

Vogt: Früher hing alles an der Person des Pfarrers. Er hat überall mitgeredet, hatte das Sagen. Dieser Charakter des Alles-Verantwortens, das sich auf eine Person konzentrierte, wurde aufgebrochen. Heute liegt Verantwortung auf mehr Schultern, auf Schultern von Haupt- und Ehrenamtlichen. Als Pfarrer in einer Seelsorgeeinheit kann ich gar nicht mehr anders, als verstärkt auf die Eigenverantwortung der Gemeindemitglieder zu setzen. Das heißt, ich muss als Pfarrer auch das Delegieren lernen.     

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BZ: Mehr Gläubige heißt aber auch mehr Verwaltung. Wurden Sie durch die Seelsorgeeinheit nicht zunehmend zum Manager, bleibt noch Zeit für Seelsorge?

Vogt: Sicherlich hängt an mir letztlich viel Verwaltungsarbeit. Zumal ich bemüht bin, zu allen Gemeinden den Kontakt zu halten – und das heißt beispielsweise fünf Gemeinderäte statt zuvor nur einer. Zugleich hat unsere Seelsorgeeinheit das Glück, dass in ihr drei Seelsorger und zwei pensionierte Pfarrer tätig sind. Das sind auch fünf verschiedene Persönlichkeiten, und somit besteht Möglichkeit zu mehr Spezialisierung. Stärken und Schwächen gleichen sich so besser aus.  

BZ: Wo bleibt in der Einheit der Charakter der jeweiligen Gemeinde?

Vogt: Während in anderen Seelsorgeeinheiten ein gemeinsamer Pfarrgemeinderat gebildet wurde, gibt es in jeder der fünf Gemeinden unserer Einheit einen Pfarrgemeinderat. So wollen wir dafür sorgen, dass jede Gemeinde ihr Profil bewahrt und selbst gestalten kann. Das ist ganz wichtig und betrifft auch die finanziellen Aspekte. Die Dinge, die gemeinsam beraten und beschlossen werden, liegen in der Verantwortung eines gemeinsamen Ausschusses, in dem Vertreter aller Gemeinden sitzen. Dort wird über Gottesdienstzeiten beraten oder ein gemeinsames Firmalter diskutiert. Dabei habe ich durchaus den Eindruck, dass schneller Einigkeit erzielt wird, als es oft zum Beginn der Gespräche  den Anschein hat.

BZ: Wo sehen Sie die große Chance von Seelsorgeeinheiten?

Vogt: Die Vernetzung öffnet den Horizont. Von den Begegnungen mit anderen Gemeinden kann viel gelernt werden. Anregungen für die eigene Arbeit erwachsen daraus, aber manchmal werden auch die eigenen Schätze neu entdeckt. Es ist kein Geheimnis, dass die Zahl der engagierten Gemeindemitglieder zurückgeht und so bietet die Gemeinsamkeit auch die Möglichkeit, durch Zusammenschlüsse Angebote zu erhalten, die in der einzelnen Gemeinde nicht mehr lebensfähig wären. Außerdem ist das Reservoir der Kompetenzen größer. Die Chance ist ein größerer Reichtum, der auch differenziertere Angebote möglich macht.          

BZ: Eine Medaille hat zwei Seiten. Wo sind die Nachteile?

Vogt: Wir wollen nichts beschönigen, weshalb die Feier zum Jubiläum auch unter der Frage steht, ob der Krug halb voll oder halb leer ist. Das geforderte größere Engagement bedeutet natürlich auch, dass dort, wo die Menschen die Initiative nicht ergreifen, nichts läuft. Ich als Seelsorger sehe, dass der persönliche Bezug verloren geht. Ich kann nicht mehr 11 000 Gemeindemitglieder persönlich kennen. Das fängt schon bei den Kindern an, denn ich halte nur im Glottertal Religionsunterricht. Die Belastung insgesamt ist wesentlich größer geworden. Ich möchte aber auch betonen, dass ich gerne in der Seelsorgeeinheit Pfarrer bin. Nicht zuletzt, weil ich viele gute haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter habe.

BZ: Wie ist nach fünf Jahren Ihr Fazit?

Vogt: An der Seelsorgeeinheit gibt es nichts zu rütteln. Sie ist Fakt und es geht sicher nicht mehr rückwärts. Langfristig sehe ich eher noch größere Einheiten kommen. Die Chancen, die sich aus der Anordnung der Seelsorgeeinheit ergeben haben, wurden ergriffen. Wir haben es geschafft, das Wesentliche zu machen. Noch nicht gelungen ist es uns, das Unwesentliche zu lassen.

 

Autor: mzd