Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. November 2014 20:27 Uhr

Über die Schulter geschaut

Tätowierer Kai Fischer sticht Kunst, die ein Leben lang hält

Im Tattoostudio Farbflut in Denzlingen kann man sich Kunst mit Ewigkeitsfaktor in die Haut stechen lassen. Wir haben Tätowierer Kai Fischer zugeguckt, während er einer Kundin einen Schmetterling auf den Hals tätowiert hat.

  1. Kai Fischer ist Fachmann für Tätowierungen im japanischen Stil – und für Traditionals. Foto: Sophia Hesser

  2. Den Hals von Kai Fischers Kundin Seravina ziert jetzt ein großer Schmetterling. Foto: Sophia Hesser

  3. Eine bunte Reihe Tattoofarben bei Farbflut. Foto: Sophia Hesser

Wie das Kratzen mit einer Drahtbürste auf sonnenverbrannter Haut – so fühle es sich an. Tränen schießen in Seravinas Augen. Die Mundwinkel zucken. Das leise Surren der dafür verantwortlichen Maschine ist die Hintergrundmusik der Szenerie im Studio Farbflut in Denzlingen. Kai Fischer beugt sich über die junge Frau, er trägt eine Einwegschürze, Mundschutz und Einweglatexhandschuhe. Seravina lässt sich ein Tattoo stechen. Sie liegt auf der Liege, ihre Hände übereinander gefaltet. Ihren Kopf reckt sie nach hinten, sodass ihr Hals ganz gestreckt und frei ist.

Seravina kommt regelmäßig in Fischers Tattoo-Studio und lässt sich verschönern – wie sie es nennt. Hier ein Totenkopf, da ein Schriftzug. Mit Marilyn Monroes Porträt am linken Oberarm hat es vor drei Jahren angefangen. "Vorher hatte sie kein Tattoo – und einige Zeit später konnte sie nicht genug haben", erzählt Fischer. Der 35-Jährige ist seit neun Jahren Tätowierer. "Eigentlich habe ich eine Metzgerausbildung gemacht, heute bin ich Vegetarier und tätowiere", erzählt er lachend.

Werbung

Schon immer habe er gern gezeichnet. Als Kind malte er sich mit Filzstiften Tattoos auf die Haut. "2004 bin ich in die Nähe eines Tattoo-Studios gezogen. Das hat mich fasziniert", sagt er. In einem Freiburger Studio hat er gelernt und 2008 sein eigenes Studio in Freiburgs Klarastraße eröffnet. Vor eineinhalb Jahren ist er wegen Platzmangels in die Ferdinand-Porsche-Straße in Denzlingen gezogen.

Bei Kai Fischer ist jedes Tattoo ein Einzelstück

Habe ein Kunde einmal Vertrauen in den Tätowierer gefasst, bleibt er auch meist bei diesem. Deshalb liegt Seravina heute zum x-ten Mal unter Fischers Nadel. Das Schmetterlingsmotiv, das auf ihrem Hals prangt, wird heute nach einer gemeinsam erstellten Vorlage vollendet. "Die Kunden kommen mit Ideen zu mir, die nehme ich dann als Vorlage für meine eigene Zeichnung. Eine genaue Kopie von etwas bereits Bestehendem mache ich grundsätzlich nicht", sagt der Tätowierer. Die Vorlage wird als Abdruck auf die Haut gebracht. Die Linien werden dann nachgezogen.

Bei der letzten zweistündigen Sitzung tätowierte Fischer bereits die Umrisse des Schmetterlings. Heute ist der Feinschliff dran. Fischer desinfiziert seine Hände und Arme, zieht Einweglatexhandschuhe über und desinfiziert die Haut an Seravinas Hals großflächig, denn es muss steril gearbeitet werden. Dann zieht er mit der Tätowiermaschine schwarze Tätowierfarbe auf, wie es Ärzte mit einer Spritze tun. Er spannt mit der linken Hand die Haut der zu tätowierenden Stelle und setzt an.

Fünf kleine gebündelte Nadeln an der Spitze der Maschine stechen in kleinen, nur in ihrer Summe sichtbaren Punkten in die Haut und geben die Farbe in die tieferen Hautschichten. Später nutzt Fischer Grautöne für die Schattierungen. Je weiter er die Nadel Richtung Ohr bewegt, desto mehr zucken Seravinas Mundwinkel. "Da tut es richtig weh", murmelt sie. Eine Stunde später, als Fischer sein Werk vollendet hat, beschreibt sie es so: "Im Moment des Stechens tut es auf erträgliche Weise weh, doch danach hast du den Schmerz sofort vergessen."

Keine politischen Tattoos, keine zu kleinen Tattoos – und keine Tattoos im Gesicht

Fischer und seine Kundin sind zufrieden und glücklich – rückgängig machen können sie es sowieso nicht. Auf die Frage, ob ihn das nervös mache, antwortet Fischer, er wisse, was er könne und was nicht. "Ein guter Tätowierer schickt auch mal jemanden weg, wenn ihm eine Stilrichtung nicht liegt", erklärt er. Seine Spezialitäten seien japanische Muster wie Karpfen oder Drachen und amerikanische Motive, sogenannte Traditionals, etwa Anker und Pin-ups. Seine Partnerin im Studio, Antje Bischof, sei dagegen für geometrische und abstrakte sowie aquarellartige Motive zuständig. "Wünsche wie politische Motive, Tattoos im Gesicht oder zu kleine Motive, die nach kurzer Zeit verschwimmen würden, lehne ich ab", sagt er. Unsichere Kunden und Minderjährige schicke er sofort nach Hause. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst.

Seravina hat bereits den nächsten Termin im Tattoo-Studio Farbflut ausgemacht. Das Knie ist dran. Den Schmerz der heutigen Sitzung hat sie beim Anblick des Schmetterlings an ihrem Hals bereits vergessen.



Mehr dazu:

Autor: Sophia Hesser