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01. August 2009

BZ-Interview

Der alte und der neue Vorstand über das krisengebeutelte Evangelische Stift

Über das in die Krise geratene Evangelische Stift Freiburg, Betreiber von sieben Alteneinrichtungen, ist in den vergangenen Monaten viel geschrieben worden. Zeitweise war die Auszahlung der Gehälter nicht mehr gesichert. Die Hausbank, die Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, zog die Reißleine. Mit einem neuen geschäftsführenden Vorstand soll nun die Existenz langfristig gesichert werden.

  1. Der neue und der alte Vorstand des Evangelischen Stifts: Hartmut von Schöning (links) und Martin Beck Foto: thomas kunz

och sind die turbulenten Zeiten nicht vorbei, doch Hartmut von Schöning, ab August neuer Vorstand des in finanzielle Schieflage geratenen Evangelischen Stifts Freiburg, ist dessen von der Rettung und Sanierung überzeugt. Allerdings ist die hoch defizitäre Seniorenwohnanlage St. Urban im Stadtteil Herdern noch immer nicht verkauft. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Hartmut von Schöning und seinem Vorgänger, dem Unternehmensberater Martin Beck, 59, der seit Dezember 2008 als Interimsmanager fungierte.

NBZ: Herr Beck, Sie geben nach knapp acht Monaten den Vorstandsposten des Evangelischen Stifts wieder ab. Hinterlassen Sie nun eine Großbaustelle oder ein bestelltes Feld?
Martin Beck: Es ist ein schwieriger Auftrag, bei dem man nicht im schnellen Durchmarsch viele Siege einfahren kann. Einiges habe ich erledigt, einiges nicht. Und ich bin auf neue Themen gestoßen, die nun mein Nachfolger bearbeiten muss.

BZ: Was konnten Sie zum Beispiel nicht vollends klären?
Beck: Das Stift hatte eine schwierige Personalbesetzung auf verschiedenen Leitungsebenen. Da habe ich einiges verändert, sprich: Leute verabschiedet – mit möglichst großem Anstand natürlich. Wobei so etwas nicht über Nacht geht. Es stellt sich die Frage, ob man heutzutage für jedes Heim wirklich eine Heimleitung braucht.

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BZ: Und sonst?
Beck: Die Frage der Wirtschaftlichkeit des Stifts ist dadurch belastet, dass es immer noch St. Urban Huckepack trägt und Monat für Monat hohe laufende Kosten finanziert werden müssen – was eigentlich nicht geht angesichts der bestehenden Pflegesätze. Weil sich der Verkauf hinzieht, kommt also die Entlastung nicht wie gewünscht. Man kann also nicht mit dem großen Hammer, sondern nur mit der Pinzette Kosten- vorteile herausholen. Das ist ein sehr mühsames, detailorientiertes Geschäft. Da bin ich bei weitem nicht am Ende angelangt.
BZ: Herr von Schöning, die nächsten Monaten werden entscheidend für die Zukunft des Stifts. Es geht dabei auch darum, die Insolvenz abzuwenden.
Hartmut von Schöning: Eine leichte Aufgabe wird das unter keinen Umständen. Das Hauptthema ist wie gesagt der Verkauf von St. Urban, der längst hätte über die Bühne gehen sollen; damit steht und fällt die Existenz des Stifts. Wir werden die Sanierung natürlich parallel zum Verkauf angehen, aber ich werde mich jetzt auch in die Verkaufsbemühungen einklinken. Ich bin sehr guter Hoffnung, dass wir das innerhalb der nächsten Wochen über die Bühne kriegen.

Beck: Es geht hier alles in allem eben nicht um eine normale Sanierung, hier hängt ein Defizit dran, das man aus dem normalen Geschäft heraus nicht abschütteln kann. Da muss ein chirurgischer Schnitt her, der Entlastung bringt.

BZ: Was muss grundsätzlich anders werden, damit das Evangelische Stift langfristig weiterlebt?
Von Schöning: Wichtig ist, dass man ausreichend Liquidität hat und nicht permanent am Tropf der Bank hängt. Da bin ich sehr hoffnungsvoll, dass wir das durch den Verkauf von St. Urban hinbekommen. Wir müssen allerdings in den sauren Apfel beißen und den Bestand reduzieren – das heißt, Immobilien verkaufen.
BZ: Sie wollen das Stift verkleinern?
Von Schöning: Gegebenenfalls kann man Immobilien auch verkaufen und dann zurückmieten, ich bin da auch schon in Gesprächen mit einem Investor. Daneben muss auch die interne Organisationsstruktur auf den Prüfstand, da hilft gar nichts. Mein Ziel ist es, dass das Stift ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen mit effizienteren, schlankeren Personalstrukturen wird. Ich denke, beim Angebot ist das Stift mit dem Mix aus Pflege, verschiedenen Wohnformen und dem ambulanten Dienst gut aufgestellt. Da haben wir eine Chance: Der Trend geht meiner Meinung nach hin zur ambulanten Versorgung – die Menschen wollen nicht ins Pflegeheim. Es gibt allerdings einen Sanierungsstau im Bereich Wohnen, da müssen wir etwas tun in den nächsten Jahren. Was ich mir sehr gut vorstellen könnte, wären Wohngemeinschaften. In Stuttgart, bei meinem letzten Arbeitgeber [der Evangelischen Altenheimat, die Red.], habe ich das eingeführt. Wichtig ist, dass es offene Häuser sind, das Stift liegt ja großteils im Herzen von Freiburg. Da kann ich mir vorstellen, dass wir noch mehr Veranstaltungen anbieten, Bevölkerungsschichten anlocken, die sonst nichts mit dem Pflegeheim zu tun haben. Mir schwebt auch die Gründung eines Fördervereins vor – dass wir Freiburgerinnen und Freiburger dafür gewinnen, sich für das Stift zu engagieren, sei es finanziell oder durch ehrenamtliche Tätigkeiten.

BZ: Ist der Bedarf an Alteneinrichtungen in Freiburg gedeckt?
Von Schöning: Wenn man die Bedarfszahlen anschaut, muss man sagen: Der Markt ist gesättigt. Von daher würde es keinen Sinn machen, in Freiburg zusätzliche Plätze zu schaffen. Da sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir haben, uns dem Wettbewerb stellen und den Standort attraktiver machen.

BZ: Sind Kooperationen mit anderen Trägern denkbar für den Fall, dass es finanziell zu eng wird, um alleine zu überleben?
Von Schöning: Die Frage ist, was man unter Kooperation versteht. Natürlich wollen wir mit anderen Trägern, primär den diakonischen, kooperieren. So etwas macht absolut Sinn.
Beck: Für mich ist Freiburg eine der Großstädte mit der höchsten Überbesetzung an Altenhilfeangeboten. Dadurch sind befreundete Einrichtungen immer auch Wettbewerber. Da muss man schauen, wo man mehr miteinander machen kann, ohne dass eine Einrichtung seine Freiheiten aufgeben muss.
Von Schöning: Wenn Sie aber Zusammenlegungen mit anderen Trägern meinen, dafür stehe ich nicht zur Verfügung, dafür habe ich meinen sicheren Job nicht aufgegeben. Ich sehe aber absolut eine Zukunft für das Stift, seine Substanz ist hervorragend.

BZ: Sehen Sie eine weitere Aufgabe auch darin, das angeschlagene Image des Evangelischen Stifts wieder aufzupolieren?
Von Schöning: Ich habe nicht wahrgenommen, dass das Image angekratzt ist. Das Stift hat sich seinen guten Ruf über 150 Jahre erarbeitet, der geht nicht in kurzer Zeit kaputt.
Beck: Man muss sicherlich daran arbeiten, von diesen Krisenthemen wieder hin zu für ältere Menschen attraktiven Themen zu kommen. Das ewige Krisengerede ermüdet die Leute und hat sicherlich Auswirkungen auf die eine oder andere Belegungsentscheidung. Eine 150-jährige Erfolgsgeschichte ist sicherlich leichter kaputt geredet als fortgeführt oder wieder aufgebaut.
Von Schöning: Eine große Aufgabe ist das Qualitätsmanagement, das steht bei mir ganz oben auf der Agenda.

BZ: Haben Sie eine Idee, wie Sie das Problem mit den vier verbliebenen, gekündigten Mieterinnen von St. Urban angehen?
Von Schöning: Ich denke, wir werden dieses Thema einvernehmlich lösen können, ich bin da sehr zuversichtlich. Wir werden etwas Attraktives anbieten. Wir wollen die vier Damen nicht stigmatisieren – wir sind schließlich für alte Menschen da. Aber natürlich haben wir hier einen Konflikt: Es ist definitiv so, dass wir St. Urban nicht verkaufen können, wenn die vier Damen nicht ausziehen, da brauchen wir nicht drumherum zu reden. Es gibt allen Gerüchten zum Trotz keinen Interessenten, der die Damen übernehmen möchte. Da sollten wir keine falschen Hoffnungen aufkeimen lassen.
Beck: Im Vordergrund steht eine respektvolle Lösung. Die Damen sind ja nicht aus eigener Schuld in diese schwierige Situation geraten, sondern aufgrund von Fehlentscheidungen des Stifts. Von Fehlern, die alle Verantwortlichen des Stifts – Managementfehler dieser Größenordnung macht nie einer alleine – in den vergangenen fünf, sechs Jahren gemacht haben.


Das Evangelische Stift

Das Evangelische Stift Freiburg wurde 1860 vom Unternehmer Carl Mez gegründet. Es betreibt sieben Alteneinrichtungen mit unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsformen in Freiburg und Gundelfingen. Rund 500 Seniorinnen und Senioren werden von 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut. Nach dem Abgang von Vorstand Klaus Eschenburg leitete seit Dezember 2008 der 59 Jahre alte Unternehmensberater und Hochschulprofessor Martin Beck interimistisch die Geschäfte. Ihm folgt nun der Diplomkaufmann Hartmut von Schöning, 49, nach, der zuletzt neun Jahre lang einer von zwei Vorständen der Evangelischen Altenheimat in Stuttgart war. Dem im Frühjahr personell erneuerten Stiftungsrat steht seit April der frühere Rektor der Evangelischen Fachhochschule (heute Evangelische Hochschule), Joachim Walter, vor

Autor: Frank Zimmermann