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02. August 2012

Der andere Präsident

Autor, Schauspieler und mehr: Zum Tod von Gore Vidal.

Er war ein universal begabter Renaissancemensch, dekadent und größenwahnsinnig wie ein römischer Kaiser, geistreich, eitel und schwul wie Oscar Wilde. Er war Politiker, Showman und Schauspieler, Plaudertasche und brillanter Intellektueller, schrieb Drehbücher (etwa für "Ben Hur"), Theaterstücke, Krimis, Biografien, historische Romane und Hunderte von Essays. Wenn Gore Vidal, der jetzt mit 86 Jahren in Hollywood verstorben ist, über römische Kaiser, US-Präsidenten oder Jesus schrieb, meinte er immer auch sich selbst, den "ungekrönten Schattenpräsidenten" von Amerika.

1925 als Eugene Luther geboren, beschrieb Vidal in seinem Romandebüt "Williwaw" (1946) seine Zeit als Maat auf einem Kriegsschiff. Sein literarisches Coming out "The City and the Pillar" (1948) ging als erster Homosexuellenroman in die amerikanische Literaturgeschichte ein. "Myra Breckinridge" (1968) war ein noch größerer Skandalerfolg. Der Zwitter, der Hollywood erobert, Männer vergewaltigt und sich in einen konservativen Ehemann zurückverwandelt, war nicht nur eine Abrechnung mit der Traumfabrik, sondern auch ein Gegenentwurf zum "Terror der Heterosexualität".

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Vidal zog Hass und Häme auf sich, aber er konnte auch kräftig austeilen. Aus altem Politikeradel stammend, hatte Vidal politische Ambitionen: Er schrieb Reden für seinen weitläufigen Verwandten John F. Kennedy, kandidierte zweimal für den Kongress und war zeitweilig Vorsitzender der linksliberalen People’s Party. Vidal hatte zu allem eine ideologisch flexible, aber bestimmte Meinung: Washington war korrupt und verlogen, Amerika ein Polizei- und Einparteienstaat, die "Bush-Cheney-Junta" schlimmer als die Nazis. Der Schriftsteller Gore Vidal wird wohl bald vergessen sein, nicht aber der hellsichtige Provokateur.

Autor: Martin Halter


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