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11. Februar 2011
"Der Betrieb sitzt mit am Tisch"
BZ-INTERVIEW mit Eva-Maria Schüle über das Gleichgewicht von Arbeit und Familienleben in landwirtschaftlichen Betrieben.
FREIBURG/LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. 2010 registrierte das Statische Landesamt in Baden-Württemberg noch 45 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 15 000 im Haupterwerb geführt werden. 12 000 davon gelten als zukunftsorientiert. Das heißt, sie investieren und wachsen. Dass dieser Prozess sorgfältig geplant und gestaltet werden muss, ist das Thema des Kreislandwirtschaftstags am heutigen Freitag im Tuniberghaus in Freiburg-Tiengen.
Über Chancen und Risiken des Wachstums und das wichtige Verhältnis zwischen Arbeit und Familienleben sprach BZ-Mitarbeiterin Silvia Faller mit Eva-Maria Schüle vom Beratungsdienst Familie und Betrieb der Erzdiözese Freiburg. Schüle spricht heute beim Landwirtschaftstag über das Thema "Wachstum – zu welchem Preis?".BZ: Frau Schüle, erstmals kommen beim Kreislandwirtschaftstag psychosoziale Aspekte zur Sprache. Da herrscht wohl nicht auf jedem Hof die heile Welt?
Schüle: Das ist in der Tat so. Denn die Arbeitsbelastung auf den Betrieben und auch der ökonomische Druck sind enorm. Und wir machen immer wieder die Erfahrung, dass dieser Druck die Beziehungen der Familienangehörigen untereinander beeinträchtigt und dass umgekehrt problembeladene Beziehungen den ökonomischen Erfolg des Betriebs schwächen, ja sogar die Existenz gefährden. Diese Wechselwirkung ist in der Landwirtschaft stärker als in anderen Branchen, weil der Betrieb fast immer auch der Wohnort der Familie ist. Der Betrieb sitzt sozusagen mit am Tisch.
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BZ: Aber war das nicht immer so in der Landwirtschaft?
Schüle: Ja, schon. Aber die Ansprüche an die Paarbeziehung haben sich verändert und ebenso die Ansprüche an die Beziehung zu den Kindern. Gerade die jungen Frauen sind häufig nicht mehr bereit so wie das Angehörige der vorherigen Generation waren, sich komplett den Anforderungen des Betriebs unterzuordnen. Andererseits bringen gerade die jungen Frauen häufig gute Ideen ein, wie die Betriebsabläufe umgestaltet werden könnten, um Zeit für die Familie zu gewinnen.
BZ: Und lösen damit möglicherweise Konflikte aus?
Schüle: Zweifelsohne schaffen es die meisten Paare, ein Gleichgewicht zu finden und auch zu halten. Wir haben gut 200 Beratungsfälle im Jahr und dabei ist der psychosoziale Aspekt nur einer von vielen. Und ich muss dazu sagen, wer diesen Schritt nach außen gemacht hat und eine Beratungsstelle aufsucht, ist schon ziemlich weit. Denn er hat sich bewusst gemacht, dass es so nicht weitergeht. Sich das einzugestehen, fällt allerdings oft nicht leicht. Es wird allgemein als Schwäche angesehen, erst recht in der Landwirtschaft.
BZ: Tatsächlich?
Schüle: Oh ja, mit dem Betrieb nicht zu Recht zu kommen und familiäre Probleme zu haben, ist sehr tabuisiert. Und dabei zeugt es von Stärke, wenn jemand Hilfe sucht, meine ich. Die, die zu uns kommen, sind auch wirklich willens, einen gemeinsamen Weg zu finden. Denn schließlich haben sie sich bewusst für ein Leben in der Landwirtschaft entschieden, das ja neben der vielen Arbeit auch große Vorteile bietet, etwa, dass man Berufstätigkeit und Kindererziehung gut miteinander vereinbaren kann. Aber gute familiäre Beziehungen sind nun mal kein Selbstläufer. Sie wollen gestaltet sein. Der Schlüssel ist gegenseitiger Respekt und dass unausgesprochene Erwartungen ausformuliert werden, so dass sich eine offene Gesprächsbeziehung entwickeln kann. In einer solchen Beziehung kommen dann auch Ideen auf und es entwickeln sich Lösungen für den Betrieb.
BZ: Und die könnten sein?
Schüle: Dass der Betrieb gar nicht weiter wachsen muss und dass es sinnvoll ist, dass die Frau in ihren erlernten Beruf zurückkehrt, was die Verantwortung für den Ehemann, der meist auch der Hofbesitzer ist, mildert. Er müsste dann allerdings bereit sein, sich der Kindererziehung und dem Haushalt zu widmen, und bestimmte Arbeitsgänge möglicherweise einem Lohnunternehmer zu überlassen, um Zeit zu gewinnen. Oder, dass es mit einem neuen Produktionszweig gelingen könnte, die Wertschöpfung und damit das Einkommenspotenzial zu steigern, wenn wirklich beide im Betrieb arbeiten wollen. Lösungen findet, wer ausgetretene Pfade verlässt.
LANDWIRTSCHAFTSTAG
Der Kreislandwirtschaftstag im Tuniberg-Haus in Freiburg-Tiengen ist die Mitgliederversammlung des Kreisverbandes Freiburg im Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband. Von 9.30 Uhr an informiert der Kreisvorsitzende Friedbert Schill über aktuelle Aktivitäten des Verbandes, Kreisgeschäftsführer Elmar Kasper erläutert den Geschäftsbericht für das voran gegangene Jahr. Von 1.30 Uhr an sprechen Volker Segger von der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume in Schwäbisch Gmünd zum Thema "Herausforderung Wachstum", Thomas Mittermaier, Leiter des Geschäftskundenzentrums der Volksbank Freiburg, zum Thema "Wachstum will finanziert sein – die sieben Erfolgsfaktoren im Umgang mit der Bank" und Eva-Maria Schüle zum Thema "Wachstum – um welchen Preis?". Anschließend diskutieren die Referenten, moderiert von Friedbert Schill, mit Kilian Schneider, Präsident des Badischen Weinbauverbandes, und Martin Linser, Junglandwirt und –winzer aus Opfingen.
Autor: sf
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