Der Blick auf die Welt als Konstruktion

Wendelinus Wurth

Von Wendelinus Wurth

Di, 11. September 2018

Offenburg

Grimmelshausens Beschreibung der Ortenau vom Mooskopf aus im "Simplicissimus" ist keine realistische Landschaftsbeschreibung.

ORTENAU. Vergangene Woche ist im Willstätter Rathaus die Dauerausstellung über den Barockdichter Johann Michael Moscherosch (1601 bis 1669) eröffnet worden. Der berühmtestes Sohn der Gemeinde Willstätt war zu seiner Zeit hochberühmter Satiriker und soll mit seinem Werk den noch berühmteren Zeitgenossen Grimmelshausen (1621 bis 1676) beeinflusst haben. Wie Grimmelshausen, der seinerseits Lebensstationen in Offenburg, Oberkirch und Renchen aufzuweisen hat, seinerzeit die Ortenau vom Mooskopf aus beschrieben hat, ist mehr Kunst als Wirklichkeit, wie unser Autor beweist.

"Der Wahn betreugt", so schreibt Grimmelshausen im "Wunderbarlichen Vogelnest" – man hätte es also wissen können. Ich hatte "ein schönes Außsehen gegen Auffgang in das Oppenauer Thal und dessen Neben-Zincken; gegen Mittag in das Kintzinger Thal und die Grafschafft Geroltzeck, alwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat, wie der König in einem auffgesetzten Kegel-Spill; gegen Nidergang kondte ich das Ober und UnterElsaß übersehen, und gegen Mitternacht der Nidern Marggraffschafft Baaden zu, den Rheinstrom hinunter; in welcher Gegend die Statt Straßburg mit ihrem hohen Münster-Thurm gleichsamb wie das Hertz mitten mit einem Leib beschlossen hervor pranget; mit solchem Außsehen und Betrachtungen so schöner Lands-Gegend delectierte ich mich mehr als ich eyferig bettete; warzu mir mein Perspectiv dem ich noch nicht resignirt, treflich anfrischte". So beschreibt Grimmelshausen die Aussicht von der Moos im ersten Kapitel der Continuatio zum "Simplicissimus Teutsch".

Die Beschreibung ist verführerisch anschaulich: Bergspitzen wie Figuren eines Spiels, garniert mit Ortsnamen, die dem Ganzen Authentizität verleihen. Nicht wenige Literaturwissenschaftler hielten dies gar für die erste Landschaftsbeschreibung in der deutschen Literatur. Einer, der Grimmelshausens Erzähler nicht über den Weg traute, war Martin Ruch, dem die Angaben "Auffgang", "Mittag", "Nidergang" und "Mitternacht" merkwürdig vertraut vorkamen, kannte er sie doch von Landkarten, auf denen die Himmelsrichtungen derart nach dem Lauf der Sonne angegeben sind. Er wurde auch bald fündig und veröffentlichte seinen Fund (im Grimmelshausenjahrbuch "Simpliciana", XXV, 2003, S. 125-142).
Seit "Lothar" die Moos "geräumt" hat, kann man selbst überprüfen, ob Grimmelshausen tatsächlich auf der Moos war und eine realistische Landschaftsbeschreibung geliefert hat. Die ersten Zweifel kommen einem, wenn man unten am Turm steht und den Blick schweifen lässt. Von Kegeln keine Spur. Ab und zu geben die jungen Bäume und das Buschwerk etwas Fernsicht frei. Aber nichts, was man auf Anhieb identifizieren könnte.

Also die 875 Höhenmeter mit den 106 Stufen des Moosturms um 21 Meter erhöhen, bis hinauf zur Plattform. Aber auch hier kann man Grimmelshausen nicht nachvollziehen: Die Bergspitzen sehen eher abgerundet aus, wie von der Seite betrachtete Zitronen. Mit Fernglas (Grimmelshausens Einsiedler hatte ein Teleskop) kann man die Geroldseck gerade so ausmachen. Straßburg ist zu weit, um dort das Münster unterscheiden zu können. Auch gibt das Kinzigtal nur wenig Ansicht vom Elsass frei. Das Oppenauer Tal ist zwar als Einschnitt erkennbar, aber von der Stadt selbst keine Spur. Dazu ist die Ebene um die Moos zu flach und die Täler sind zu stark eingegraben.

Vergleicht man die Beschreibung noch einmal mit der Aussicht so fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Grimmelshausen hat uns auf den Arm genommen, getreu seinem Wahlspruch "Der Wahn betreugt". Denn im Satz von der eingangs zitierten Passage schreibt Grimmelshausen: Ich war "widerumb ein Einsiedler worden und wohnete auff einem hohen Gebürg die Moß genannt, so ein Stück vom Schwarzwald", heißt es da, aber weiter "und überal mit einem finstern Dannen-Wald überwachsen". So war es auch vor Lothar: Vom Turm oben aus konnte man viele Tannenwipfel sehen, aber keinen Horizont, von Bergspitzen, Bergen, Tälern und Burgen ganz zu schweigen. Und auf einen Tannenbaum zu klettern, ist ein schwieriges Unterfangen – von dort oben aus die Gegend rundum genau zu erfassen schier unmöglich.

Der Wahn betreugt.
P.S. :Vielleicht hat Grimmelshausen auch nur im Umkehrschluss vermutet, dass die Hohengeroldseck von der Moos aus zu sehen sein müsste. Es gibt eine ihm zugeschriebene Zeichnung der Burg von 1645, die er wohl aus eigener Anschauung gezeichnet hat. Von der Burg aus lässt sich heutzutage der Moosturm mit einem Fernglas ausmachen. Wäre also die Moos nicht so dicht mit Bäumen bewachsen gewesen, hätte man von dort aus wohl die Hohengeroldseck sehen können.