9. November 1938

Der erschütternde Fotoband "Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 08. November 2018 um 19:28 Uhr

Literatur & Vorträge

Eine einmalige historische Dokumentation: Der erschütternde Bildband "Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge" des Berliner Fotografen Michael Ruetz.

Niemand wird danach noch behaupten können, er hätte nicht gewusst, was die Nationalsozialisten vorhatten. Mit dem Pogrom vom 9. November 1938, von den Machthabern schamlos "Reichskristallnacht" genannt, begann in aller Öffentlichkeit, überall im Deutschen Reich und in Österreich, die gewalttätige, mörderische Verfolgung, die Vernichtung der Juden: der bisher größte Genozid in der Geschichte der Menschheit, der sechs Millionen Menschen das Leben kostete.

"Niemand kommt zu Hilfe. Alle glotzen." Kürzer als mit den Worten von Janine Meerapfel, jüdische Filmemacherin und Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, die das Vorwort zu Michael Ruetz’ Fotoband "Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge" verfasst hat, kann man nicht formulieren, was die aus zahlreichen Archiven in Deutschland, Österreich, Großbritannien und den USA zusammengetragenen Zeugnisse dieses Tages offenbaren: eine geradezu obszöne, kaum erträgliche Schaulust der Bevölkerung, die sich damit zum Komplizen der brutalen Angriffe auf Synagogen, jüdische Geschäfte und Menschen macht.

Es muss dem 1940 geborenen Berliner Fotografen Michael Ruetz ein großes Anliegen gewesen sein, diese einmalige historische Dokumentation zu erstellen. Er sorgte für einen Verleger – den Robert-Walser-Entzifferer Bernhard Echte, der in Zürich den wunderbaren kleinen Nimbus Verlag führt, er sorgte für die Finanzierung und stellte ein Arbeits- und Rechercheteam zusammen.

"Niemand kommt zu Hilfe.

Alle glotzen."

Es verschlägt einem schier den Atem, wenn man der rassistischen Aggressivität der Deutschen in dieser Häufung begegnet: Da werden Menschen mit dem Schild "Ich bin ein Rasseschänder" durch die Straße getrieben, da gibt es "Prangermärsche" in der norddeutschen Provinz ("Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"), da wird in Baden-Baden eine Gruppe von Männern mit einem überdimensionierten Davidstern gedemütigt, und da stehen Menschen in der feinen Bäderstadt am Eingang zur Synagoge Spalier und machen aus dem Betreten des Gotteshauses einen Spießrutenlauf. Die Fotos, die ein Ausmaß von mitleidloser Kälte offenbaren, das man nicht für möglich gehalten hat, sind zutiefst abstoßend.

Der Fotograf hat jedes zeithistorische Zeugnis mit Berichten von Augenzeugen und sarkastischen Kommentaren versehen: Sie scheinen die einzige Waffe zu sein, die angesichts dieser menschlichen Rohheit noch möglich ist: "Alles steht zur freien Verfügung. Man kramt darin herum. Man läßt nichts verkommen", schreibt Ruetz zu einer Plünderungsszene. 80 Jahre sind vergangen. Doch muss man angesichts des bedrohlichen Anstiegs rassistischer Haltungen unter den Deutschen befürchten, dass die Vergangenheit nicht vorbei ist.

Michael Ruetz: Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge. Nimbus Verlag, Zürich 2018. 144 Seiten, 29,80 Euro.