Der Fenstersprung von Lahore

Willi Germund

Von Willi Germund

Fr, 13. April 2018

Ausland

Ein junger Christ wird in Pakistan der Blasphemie beschuldigt / Bei der Vernehmung springt er aus einem Verhörzimmer, weil Beamte ihn zum Oralsex zwingen wollten.

Die mehrfach gebrochenen Beine stecken im Gips. Der Kiefer und das Schambein sind gebrochen. Im Gesicht erinnern leuchtend rote Narben an die Fäden, mit denen Wunden geflickt wurden. Der 24-jährige Sajid Masih murmelt bei der Begrüßung kaum verständliche Worte. Es grenzt an ein Wunder, dass der junge Christ lebt und wieder gehen wird. Masih sprang im Februar aus dem Fenster eines Vernehmungsraums im vierten Stock des Polizeigebäudes der pakistanischen Stadt Lahore. Nun befindet er sich auf dem Weg der Besserung. Doch er lebt mit seiner Familie in ständiger Furcht vor der Polizei und fanatischen muslimischen Extremisten.

"Unser Leben ist vorbei", sagt Sajids Vater Inderias, "niemand, dem Blasphemie vorgeworfen wurde, ist jemals wieder sicher". Gemeinsam mit seinem 21-jährigen Vetter Patras Masih soll Sajid per Facebook das Foto eines Mannes verschickt haben, der angeblich auf dem Grab des Propheten Mohammed tanzt.

Als die Polizei in Lahore die beiden gegenüberstellt, ist es mit dem Verhör schnell vorbei. Denn der ermittelnde Polizeikommissar Khalid Saeed ist wohl so fest von der Schuld der beiden Straßenkehrer überzeugt, dass er – laut der Aussagen der beiden Verhafteten – auf eine besonders perfide Form der demütigenden Folter zurückgreifen wollte. Er ließ Patras von seinen Beamten die Hosen herunterziehen und versuchte, Vetter Sajid zum Oralsex mit seinem Verwandten zu zwingen. Der Straßenkehrer sprang lieber in den vermeintlichen Tod. Patras Masih bestätigte den Vorwurf gegenüber seinen Anwälten. Die Polizei streitet die Schilderung ab, kann aber auch nicht erklären, wieso Sajid aus dem Fenster springen konnte. Die Beamten stellten Anzeige wegen versuchten Suizids.

Seine Verwandten holten Sajid, der zu der etwa zehn Prozent umfassenden christlichen Minderheit in der 180 Millionen Einwohner zählenden Islamischen Republik Pakistan gehört, so schnell es ging aus dem Krankenhaus und wechseln seither ständig das Versteck. Mehr noch als die Polizei fürchten sie den langen Arm der fanatischen "Bewegung im Dienst der Heiligkeit des Propheten (TLYR). Die Anti-Blasphemie-Gruppe gründete sich in Erinnerung an den 2016 hingerichteten Mörder Mumtaz Qadri. Der Leibwächter des Gouverneurs der Provinz Punjab hatte 2011 seinen eigenen Boss umgebracht, weil der sich kritisch über Pakistans Blasphemie-Gesetze geäußert hatte. Diese fordern die Todesstrafe für Beleidigungen des Propheten Mohammed.

Die TLYR war ursprünglich mit der Polizei in Lahores Stadtteil Dhair aufgetaucht und hatte mit dem Verbrennen von Häusern gedroht. "Wer immer mangelnden Respekt für den Propheten zeigt", sagt Ejaz Ashrafi, Pressesprecher der Gruppe, "kann sich in seinem Haus nicht mehr sicher fühlen".

Laut dem katholischen Zentrum für Soziale Gerechtigkeit, einer pakistanischen Nichtregierungsorganisation, wurden während der vergangenen 30 Jahre 74 Prozent aller Blasphemie-Fälle des südasiatischen Landes in Punjab, der wohlhabendsten Provinz Pakistans, gemeldet. Allein in der Stadt Lahore, der Hauptstadt der Region nahe der Grenze zu Indien, gab es 173 Fälle. Von 75 Pakistanern, die nach dem Vorwurf der Blasphemie in Pakistan ermordet wurden, kamen 14 in Lahore ums Leben. Vier weitere starben in Zellen der Polizei. Wer einmal wegen des Vorwurfs der Blasphemie im Gefängnis gelandet ist, hat kaum wieder eine Chance auf Freiheit. Aasiya Noreen, die weltweit unter dem Namen Asia Bibi bekannt wurde, sitzt seit fast zehn Jahren hinter Gittern. Muslimische Arbeitskolleginnen lehnten einen Wasserbecher ab, den Bibi ihnen anbat. Bibi soll darauf hin gesagt habe, dass Jesus Christus für die Sünden der Menschen gestorben sei und gefragt haben, was Mohammed für die Menschen getan habe. Bibi bestreitet das. Sie wurde zum Tod durch den Galgen verurteilt und wartet seit Jahren vergeblich auf eine Berufungsverhandlung.

Paras Masih, dem weiter in Haft sitzenden Vetter von Sajid Masih, droht ein ähnliches Schicksal. "Solche Fälle werden systematisch verschleppt", sagt der Rechtsanwalt Asad Jamal. Er vertritt den Universitätsdozenten Junai Hafeez, der seit fünf Jahren hinter Gittern auf seinen Prozess wartet. Richter geben die Fälle an Kollegen weiter, weil sie von militanten Gruppen bedroht werden. Rechtsanwälte, die Blasphemie-Beschuldigte verteidigen, riskieren ihr Leben.

Der katholische Erzbischof Joseph Arshad in Lahore gründete wegen der zunehmenden Zahl der Fälle ein "Medien- und Internet-Entwicklungszentrum", dessen Leiter, der Priester Qaiser Feroz, vor allem eine Aufgabe hat: Er soll leichtsinnigen Umgang mit sozialen Medien verhindern.