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17. Juni 2008

Der Flammenmann

Sein Bild ging um die Welt: Ernesto Alphabeto Nhamwavane aus Mosambik wurde zum Symbol der Menschenjagd in Südafrikas Slums

Ein Mann kniet auf dem Boden. Es sieht aus, als ob er beten würde. Er brennt. Die Flammen lodern auf seiner Brust, züngeln um seine Lippen und sein rechtes Ohr. Offensichtlich lebt der Mann noch. Seine Stirn ist blutig wie der Balken aus Beton, der vor ihm auf dem Boden liegt. Zwei brennende Holzscheite vervollständigen das Bild vom Scheiterhaufen. "Flames of hate" schreibt eine südafrikanische Zeitung über ihr Titelfoto. Das Bild wird zum Fanal des Fremdenhasses, der das Kap der Guten Hoffnung erfasst hat. Der brennende Mann wird Flammenmann genannt. Sein Name ist nicht bekannt. "Unknown black male" wird später auf der Akte des Krankenhauses stehen, der unbekannte schwarze Mann.

Ernesto Alphabeto Nhamwavane sei ein frommer Mensch gewesen, sagt sein Vetter Joseph, er habe seine Bibel geliebt, sei schon als Zehnjähriger regelmäßig in die Kirche gegangen. Seine Eltern lebten in der mosambikanischen Hafenstadt Inhambane, einem Paradies für Touristen aus Südafrika.

Simphiwe Nkwali war einer der Ersten, der den Mann brennen sah. Der Fotograf hielt sich am Sonntagnachmittag im Slum Ramaphosaville rund 30 Autominuten östlich von Johannesburg auf, wo die ausländerfeindlichen Übergriffe besonders schlimm tobten. Eine Frau rief ihm zu: "Dort unten verbrennen sie Menschen!"

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Nkwali glaubt ihr zunächst nicht. Doch als sich Polizisten in Bewegung setzen, rennt auch er. Schon von weitem seien die Flammen zu sehen gewesen, erinnert sich der Fotograf: "Sie waren riesig." Der Mann kniet am Rand eines unbebauten Areals, versucht aufzustehen, vergebens. "Er war vollkommen still", sagt Nkwali, "hat nicht einmal gestöhnt". Nkwalis Kamera hält die Uhrzeit fest, als er das erste Bild macht: 16:40:00.


Ernesto kam nach Südafrika, um seine Familie zu ernähren.

Wie die meisten seiner Altersgenossen hätte Ernesto Fischer werden können, meint sein Vetter Joseph. "Doch unter den Fischern von Inhambane ist die Konkurrenz riesengroß." Als 1992 seine Mutter und sechs Jahre später auch sein Vater starb, musste Ernesto für seine zwei Brüder und drei Schwestern sorgen. Seine Frau und er haben zu dieser Zeit bereits selbst zwei Kinder. Ernesto heuert in der 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Maputo als Nachtwächter an. Man sagt, dass sich die Leute dort Nachtwächter halten, weil das billiger kommt, als sich eine Alarmanlage zu kaufen. Ernestos Verdienst reicht hinten und vorne nicht aus.

Ntombentle Kunene hat, wie sie selbst sagt, eine Heidenangst vor Feuer. Trotzdem versucht die Polizistin als Erste die brennende Decke wegzureißen, die über den Schultern des unbekannten schwarzen Mannes hängt. Der Mann brennt trotzdem weiter. Erst als ihr Kollege mit einem Feuerlöscher aus dem gepanzerten Einsatzwagen kommt, werden die Flammen gelöscht. Es ist 16:40:59.

Der unbekannte schwarze Mann ist vom Löschpulver ganz weiß geworden. Kunene versucht mit ihm zu reden, doch der Mann antwortet nicht. "Die Szene verfolgt mich Nacht für Nacht im Schlaf", sagt Kunene, die Polizistin.

Zum ersten Mal kam Ernesto im Dezember 2006 nach Südafrika. Er ist einer von mehr als einer Million Mosambikanern, die im wohlhabenden Nachbarland ein wenig Geld verdienen wollen. Seit Jahrzehnten arbeiten Hunderttausende von Mosambikanern in den Goldminen Südafrikas: Sie haben geholfen, das Land reich zu machen.

Ernesto zieht mit seinem Schwager Francisco Kanzo in eine Blechhütte in Ramaphosaville. Der Slum ist nach Cyril Ramaphosa benannt. Der ehemalige Generalsekretär des regierenden ANC gehört inzwischen zu den reichsten Männern Südafrikas. Für ihre knapp zwölf Quadratmeter große Behausung zahlen die beiden Mosambikaner 120 Rand Miete im Monat. Sie finden bei Yannis Anstellung, einer Baufirma im nahen Germiston. Dort erhalten sie ein Monatsgehalt von 1200 Rand. Das sind umgerechnet 100 Euro.

Als der Flammenmann schließlich gelöscht ist, nimmt Fotograf Nkwali knapp 20 Meter entfernt einen weiteren Körper wahr. Der Mann hat zwei lange Platzwunden quer über dem Schädel. Er sieht tot aus, doch als Nkwali näher kommt, hebt er die Hand. Polizistin Kunene ruft eine Ambulanz. Der Einsatzleiter ordnet an, dass ein Krankenwagen ausnahmsweise in den Slum fahren soll.

Nachdem selbst Feuerwehrmänner mit Steinen beworfen wurden, warten die Sanitäter an diesem Tag außerhalb Ramaphosaville darauf, dass ihnen die Polizei die Verletzten bringt. Gemeinsam werden der Mann mit den Platzwunden und der Verbrannte von der Ambulanz ins nahe Oliver-Tambo-Memorial-Hospital gebracht. Zuvor war der Flammenmann mit Morphium und einem Gel gegen die Verbrennungen behandelt worden. "Wir dachten, dass er es schaffen wird", sagt der Einsatzleiter.

Ernesto und Francisco seien zwei angenehme Nachbarn gewesen, meint Simon Sfiso, der mit einer Flasche Bier in der Hand vor seiner Hütte sitzt. Meist hätten sie frühmorgens den Slum verlassen und seien erst nach Dunkelheit von der Arbeit zurückgekehrt. Sie hätten zwar niemals zusammen getrunken, weil sich die beiden Mosambikaner aus Alkohol nichts machten. Aber wenn jemand Streichhölzer oder etwas Maismehl brauchte, habe man sich selbstverständlich ausgeholfen. Als sich die Atmosphäre in Ramaphosaville drastisch verschlechterte, sagte Simon zu den zwei Nachbarn: "Ich weiß, dass ihr gute Leute seid, aber ich kann nichts für euch tun. Also verschwindet lieber."


Der Mob zieht mit Macheten und Prügeln durch die Slums.

Es ist 17.40 Uhr, als die Ambulanz das Hospital erreicht. Unter der Nummer 1391986 wird "unknown black male" in das Aufnahmebuch der Klinik eingetragen: Puls 88, Blutdruck 122 zu 95 – eigentlich kein Grund zur Sorge. In Rot ist unter der Eintragung hinzugefügt: "Died in casualty", starb in der Notaufnahme. "Er muss noch wesentlich schlimmere Verletzungen als die Verbrennungen gehabt haben", sagt der Einsatzleiter.

Zum letzten Mal hätten sie zwei Tage zuvor telefoniert, sagt Vetter Joseph, der auf der anderen Seite Johannesburgs, in Westonaria, in einem Wohnheim für Bergarbeiter wohnt. Joseph habe vorgeschlagen, dass Ernesto und Francisco zur Sicherheit nach Westonaria kommen. Doch Ernesto habe die Lage nicht für so schlimm gehalten.

Francisco Kanzo sitzt zwei Stockwerke über der Notaufnahme auf seinem Bett in Station 3, Raum D, und schaut trübsinnig aus dem Fenster. Sein linker Arm ist vergipst, das riesige X auf seinem glattrasierten Schädel ist mit unzähligen Stichen zugenäht. Als Francisco zu erzählen beginnt, kommt eine Krankenschwester und schickt die Reporter zum Klinikdirektor. Avis Naidoo hält Rücksprache mit der Gesundheitsbehörde und sagt dann unwirsch: "Sie werden nicht mit dem Patienten sprechen. Die Sache hat zu viele Implikationen." Die Regierung macht sich offensichtlich Sorgen um das Ansehen des Landes und versucht die Berichterstattung über die Unruhen zu unterbinden. Man sagt, die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2010 am Kap stehe mal wieder auf dem Spiel.

Das Telefonieren kann man Francisco allerdings nicht verbieten. Von einem ins Krankenhaus geschmuggelten Mobiltelefon aus erzählt er, dass er an jenem Sonntag zu Hause geblieben sei, während Ernesto zur Arbeit ging. Den ganzen Tag über seien mit Stöcken und Macheten bewaffnete Männer durch den Slum gezogen, um Jagd auf Ausländer zu machen. Zahlreiche Hütten von Simbabwern oder Mosambikanern wurden angezündet. Nachmittags kommt Ernesto nach Hause und will, dass sie sicherheitshalber auf der Baustelle in Germiston übernachten. Sie packen ein paar warme Kleider und eine Decke ein.

Die Lage sei eskaliert, als Ausländer in der Nacht zum Samstag einen Südafrikaner umgebracht und ihm die Augen aus dem Kopf gerissen hätten, erzählt Nachbar Simon Sfiso. Tatsächlich ist bei der Polizei für Samstagmorgen um zwei Uhr ein Mord registriert. Doch von herausgerissenen Augen wissen die Beamten nichts. Als Tatverdächtige wurden sechs Südafrikaner festgenommen.

Ernestos Vetter Joseph klagt, dass die Ausländer nicht nur für die hohe Kriminalität und Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht würden. "Inzwischen schieben sie uns sogar die Schuld für die steigenden Preise in die Schuhe." Dass die "Makwerekwere", wie Fremde ihrer unverständlichen Sprache wegen genannt werden, stehlen, Kinder vergewaltigen, die Löhne verderben und den heimischen Männern ihre Frauen wegnehmen, darüber ist man sich in Ramaphosaville einig. "Es musste etwas geschehen", sagt ein junger Mann, der sich ein neues Heim an der Stelle baut, wo bisher die Bretterhütte eines Mosambikaners stand. Am Samstag seien junge Südafrikaner von Haus zu Haus gezogen und hätten alle Männer aufgefordert, sich ihnen anzuschließen oder eine Strafe zu riskieren, erzählt ein Slumbewohner. Ziel war es, Ramaphosaville von allen Ausländern zu "säubern". Noch am selben Tag gingen die ersten Hütten in Flammen auf. Mindestens 65 Menschen wurden seitdem getötet.

Auf dem Weg zur Haltestation der Minibusse sahen sie sich plötzlich einer großen Ansammlung von Menschen gegenüber, erzählt Francisco. Als der Mob die beiden Shangan sprechenden Mosambikaner zu Gesicht bekam, hätten sie "Shangani, Shangani!" gerufen. Zum Wegrennen sei es zu spät gewesen. Mit Hämmern, Stöcken und Macheten hätten die Angreifer auf sie eingedroschen. Ernesto habe man mehrmals einen Betonbalken über den Kopf geschlagen. "Danach warfen sie die Kleider aus seiner Tüte samt der Decke über ihn und schoben brennende Holzscheite unter ihn." Francisco stellte sich tot – "sonst hätten sie mit mir dasselbe gemacht."


Von seiner wenigen Habe ist nichts übrig geblieben.

Tage später muss Joseph Nhamwavane im Leichenschauhaus von Germiston seinen Vetter identifizieren. Erst der vierte verkohlte Leichnam, der aus dem Kühlfach gezogen wird, kommt überhaupt als Ernesto in Frage. Dass er es tatsächlich ist, kann Joseph nur noch an den großen Zehen erkennen, die bei allen Nhamwavanes ungewöhnlich breit geraten sind.

Auch von Ernestos Besitz blieb nicht viel übrig: Sein Kühlschrank, der Fernseher und die Matratzen wurden aus der Bretterhütte gestohlen. Außer ein paar Kleiderbügeln und zwei weißen Frauenschuhen liegt nur noch ein zerfleddertes Buch auf dem Boden: Karroo Blüte von Maria Stuart Bertram. Der Leser war auf Seite 30 angelangt, die mit dem Satz beginnt: "Er fühlte sich schon ruhiger und konnte klarer denken."

"Sie können sich darauf verlassen, dass wir die Täter finden werden", sagt Polizeisprecherin Sasa Lengene bestimmt. "Irgendwann wird jemand reden." Allerdings muss sich die Inspektorin den Namen des Verbrannten vom ausländischen Reporter geben lassen. Ernesto war für sie immer noch der unbekannte Schwarze.

Am Tatort liegen immer noch Ernestos halbverkohlte Decke und seine Schuhe, die Blutflecken auf dem Betonbalken sind inzwischen schwarz geworden. Achtlos schlendern Menschen an dem erkalteten Scheiterhaufen vorbei. Vielleicht sei die Art und Weise, wie man sich des Problems entledigt habe, nicht ganz einwandfrei gewesen, räumt ein Passant ein. Doch irgendwie hätte es nun mal angepackt werden müssen. Francisco ist mit Ernestos Leichnam zur Beerdigung nach Inhambane gefahren. Er will nie mehr wiederkommen.

Und das Morden geht weiter. Am Wochenende wurde im Armenviertel Atteridgeville bei Pretoria wieder ein Mann aus Mosambik überfallen und bei lebendigem Leib angezündet. Die Täter wurden festgenommen.

Autor: Von unserem Korrespondenten Johannes Dieterich