Der forcierende Vogelfänger

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 10. Juli 2018

Klassik

Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" mit einer hochkarätigen Besetzung konzertant im Festspielhaus Baden-Baden.

Schon die allerersten Akkorde der Ouvertüre versprechen da Außergewöhnliches. Gleichsam kraftvoll und behutsam sind die Klänge, die dieser "Zauberflöte" den Raum öffnen und die Ohren spitzen lassen. Und wenn die schnelle Fuge der Ouvertüre beginnt, dann bringt Yannick Nézet-Séguin das Chamber Orchestra of Europe zum Sprechen, Flüstern, Seufzen und Jubeln. Der frankokanadische Dirigent drückt auch dieser Produktion, der mittlerweile sechsten für die Deutsche Grammophon aufgenommenen Mozart-Oper, seinen Stempel auf.

Da ist es fast schon tragisch, dass ausgerechnet Rolando Villazón, der dieses Mammutprojekt im Jahr 2011 initiiert hat und bei allen Produktionen mitwirkte, den Glanz dieser Baden-Baden-Gala im ausverkauften Festspielhaus trübt. Mit der Baritonpartie des Papageno hat sich der mexikanische Tenor jedenfalls keinen Gefallen getan. Schon bei der Auftrittsarie "Der Vogelfänger bin ich ja" muss Villazón forcieren, um Volumen zu entfalten. Nach wie vor prägt sein tenorales Timbre die Stimmgebung, so dass die natürliche Bodenhaftung der Figur fehlt. Für die komödiantische Seite der Rolle ist er natürlich prädestiniert, aber einen echten, kernigen Naturburschen macht er nicht aus dem Vogelfänger, sondern eher einen leicht tuntigen Mr.-Bean-Verschnitt. Der so wichtige Humor der "Zauberflöte", die in der Tradition des Wiener Kasperl- und Zaubertheaters steht, geht leider ganz flöten, weil die wichtigen Dialoge nicht zwischen den Figuren stattfinden, sondern im für den Abend neu erstellten Erzählertext von André Eisermann eingedampft sind.

Paminas reiches Seelenleben

Dafür ist dann der Rest dieser "Zauberflöte" ein echter Hochgenuss, was neben dem so präzise wie ausdrucksstarken Chamber Orchestra of Europe und dem transparenten, enorm fokussierten RIAS Kammerchor (Einstudierung: Justin Boyle) an den herausragenden Solisten liegt. Klaus Florian Vogt singt einen ganz präsenten, hellen, höhensicheren Tamino, der an den wenigen dramatischen Stellen noch zulegen kann. Mit Christiane Karg hat er eine tief schürfende Pamina an seiner Seite, deren reiches Seelenleben die lyrische Sopranistin mit vielen Farben und Schattierungen deutlich macht. Ihre g-Moll-Arie "Ach, ich fühl’s" wird sogar zum emotionalen Höhepunkt des Abends. Nur die drei betörenden Knaben der Aurelius Sängerknaben Calw (Luca Kuhn, Giuseppe Mantello, Lukas Finkbeiner) lassen mit ihren glockenhellen Stimmen diese verzweifelte, vor dem Selbstmord stehende Pamina wieder Hoffnung in ihrem Liebeskummer schöpfen.

Albina Shagimuratova ist eine koloraturensichere Königin der Nacht. Franz-Josef Selig singt mit unangestrengtem, substanzreichem Bass einen tiefenentspannten Sarastro. Dass diese Mozart’sche "Zauberflöte" am Ende viel mehr ist als die Summe von Einzelteilen, verdankt sie dem Dirigenten Yannick Nezét-Séguin und seinen fließenden, organischen Tempi, dem klaren Zugriff und seiner enormen Musikalität.

Weitere Aufführungen: 11. und 14. Juli, 19 Uhr.