Eine Welt im Fluss

Hartmut Buchholz

Von Hartmut Buchholz

Mi, 06. Juni 2018

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Thomas Fischermann lässt in "Der letzte Herr des Waldes" einen jungen Krieger aus dem Amazonasgebiet erzählen.

"Ein klassisches Sachbuch über meine Erlebnisse im Regenwald", das hatte Thomas Fischermann, Reporter der Zeit, schreiben wollen. Das Buch, das er jetzt vorlegt, ist etwas anderes geworden, zum Glück. Eine Art "anthropologische Übersetzungsarbeit" nennt es der Autor. "Der letzte Herr des Waldes" – der Verlust des Unwiederbringlichen schwingt als melancholische Note im Titel mit, der detaillierte Untertitel bringt die Botschaft des ganzen Unternehmens mit schöner Selbstverständlichkeit auf den Begriff: "Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt von der Zerstörung seiner Heimat und den Geistern des Urwalds".

2013, als er im Amazonasbecken zu den eskalierenden Konflikten zwischen Holzfällerbanden und den indigenen Völkern der Region recherchierte, war Fischermann den Tenharim zum ersten Mal begegnet. Sie besiedeln heute ein von der brasilianischen "Indianerschutzbehörde" Funai verwaltetes Reservat etwa von der Größe Schleswig-Holsteins. Seit die Regierung in den 1970er Jahren die Autobahn Transamazonica bauen ließ, um das riesige Gelände Holzfällern, Goldschürfern und Kautschuksammlern zugänglich zu machen, ist der Lebensraum der Tenharim zerschnitten.

Der Erzähler ist echt und zugleich eine literarische Figur

Was Wunder, dass sie den "Weißen" seit dieser traumatischen Begegnung mit Misstrauen, wenn nicht mit offener Feindseligkeit begegnen. Als Fischermann seine Recherchen aufnahm, sahen sich fünf Anführer der Tenharim mit einer dubiosen, offenbar auf dürftigen Indizien aufbauenden Mordanklage konfrontiert – keine leichten Arbeitsbedingungen für den deutschen Reporter.

Mit dem jungen Krieger Madarejúwa – er war damals gerade mal 19 – lernte Fischermann auf einer seiner ersten Reisen einen selten begabten, klugen, reifen, kenntnisreichen, oft witzigen Mittler zwischen den Kulturen kennen: "Madarejúwa erschien mir auf eine faszinierende Weise zugleich wortkarg und ausdrucksstark", schreibt Fischermann. "Der letzte Herr des Waldes" ist weitgehend aus der Ich-Perspektive dieses Kronzeugen erzählt, dem Buch liegen "viele hundert Stunden Gespräche mit Madarejúwa zugrunde, aber auch mit seinen Häuptlingen und den alten Meistern der Kultur". Die Entscheidung, einen entschieden subjektiven Bericht aus der Ich-Perspektive zu verfassen, erweist sich hier als Glücksfall – so entsteht eine atmosphärisch dichte, empirisch gesättigte und nicht zuletzt menschlich zutiefst berührende Erzählung über die Bedrohung, womöglich schon über den Verlust einer Natur, die als größter Wasserspeicher des Planeten, als gigantischer Vernichter von Treibhausgasen gilt.

"Aus dieser Welt im Fluss", so skizziert Fischermann seine Methode, "habe ich einen Text gefischt, der sich, wo immer möglich, an die wörtliche Rede Madarejúwas hält. Er ist aber keine rohe Mitschrift von Sprechen und Schweigen, sondern eine Weitererzählung des Erzählten. Insofern ist Madarejúwa, der Erzähler, auch eine literarische Figur, aber keine Fiktion."

Dieser Erzähler nimmt Fischermann und den Leser mit auf Pirschgänge in den Dschungel oder auf Kanufahrten in die Seitenarme des Amazonas, er berichtet mit stupender Detailkenntnis über die Tier- und Pflanzenwelt, besonders die Heilpflanzen des Amazonasbeckens; er erläutert seine Philosophie der Jagd ("Wenn wir die Tiere töten, tragen wir dann nicht auch Verantwortung dafür, dass sie wiedergeboren werden?"), die Prinzipien von Ackerbau und Fischfang; er skizziert die Systeme von Heiratsregeln, die Feinheiten der Clanzugehörigkeit, die Bestattungsriten und Totenkulte, die Direktiven einer auf Konsens angelegten Führungskultur, Schöpfungsmythen und festliche Zeremonien.

Er vermittelt eine Ahnung von den Weisheiten schamanischer Spiritualität und von der andauernden Präsenz der Toten, die am Leben teilhaben, er weiß um die besondere Wahrheit der Träume, er vergegenwärtigt eine Geschichte, als die Tenharim Kannibalen waren, und er sieht, sowohl skeptisch wie unerschrocken, in die Zukunft.

"Der letzte Herr des Waldes" ist für westliche Leser in manchen Passagen ein Dokument des radikal Anderen, des existentiell Fremden. Aber gerade ein Kernelement innerhalb der Kultur der Tenharim – der Glaube an eine vielfältig beseelte Natur, das Wissen um ihre Bedrohung und der Wille zu ihrer Bewahrung – wirkt auf geradezu anrührende Art vertraut. "Ich glaube", sagt Madarejúwa, "die Natur braucht die Menschen, damit wir uns um sie kümmern. Sie belohnt uns dafür, wenn wir es tun. (...) Die Tenharim beschützen die Bäume, seit Beginn der Welt".

Nicht nur die Bäume sind durch Brandrodung und Abholzung, Staudamm- und Minenprojekte, Straßenbau und Siedlungen gefährdet. "Der letzte Herr des Waldes" ist das beeindruckende Porträt eines jungen Kriegers, der sich einer jahrtausendealten Kultur verpflichtet weiß, die sich in ihrem Überlebenskampf den Zumutungen der technischen Moderne stellen muss. "Ich habe keine Angst", meint der Krieger am Ende beschwörend. Ob das zum Überleben reichen wird, steht dahin.

Madarejúwa Tenharim, Thomas Fischermann: Der letzte Herr des Waldes. C. H. Beck Verlag, München 2018. 206 Seiten, 27 Abbildungen, 19,95 Euro.