Unentbehrliche Helfer

Der Jobboom in Südbaden hat einiges mit der Zuwanderung aus Osteuropa zu tun

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Di, 24. Januar 2017 um 10:26 Uhr

Wirtschaft

Wie die Arbeitnehmerfreizügigkeit für EU-Ausländer südbadischen Unternehmen hilft, ihren Bedarf an Fachkräften zu decken. Das wollen die BZ und ihre Partner beim Jobmotor ermitteln.

"Ohne sie wäre unser Wachstum gar nicht möglich gewesen", betont Steffen Auer, der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein. Gemeint sind ausländische Arbeitskräfte, insbesondere die aus den EU-Beitrittsstaaten in Osteuropa. In den Jahren 2014 und 2015 sind die letzten Einschränkungen der Freizügigkeit gefallen, seither dürfen auch Menschen aus Rumänien, Bulgarien und Kroatien frei entscheiden, in welchem EU-Land sie leben und arbeiten wollen – so wie Polen, Tschechen und andere schon früher.

Für sogenannte Drittstaaten außerhalb der EU gelten hingegen weiterhin zum Teil hohe Hürden, allerdings auch Programme für Ausnahmen. Chancen haben dort Qualifizierte und Bewerber mit guten Deutschkenntnissen.

"Wir machen sehr gute Erfahrungen mit ihnen, sie sind sehr motiviert" Steffen Auer
IHK-Präsident Auer hat in seinem Unternehmen Schwarzwaldeisen in Lahr und Freiburg 20 Beschäftigte aus Polen, Ungarn und Rumänien eingestellt. Das sind zehn Prozent der gesamten Belegschaft. "Wir machen sehr gute Erfahrungen mit ihnen, sie sind sehr motiviert", sagt Auer. Sie arbeiten als Lkw-Fahrer, in der betrieblichen Logistik und als Schweißer, viele hätten Qualifikationsnachweise vorlegen können. Was sie auf der Arbeit an Deutsch brauchen, hätten sie sich schnell und mit Hilfe der Kollegen angeeignet. Wenn es bei Behördenangelegenheiten nicht ausgereicht hat, sei der Betrieb eingesprungen, so Auer.
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Etliche haben nach ihrer Festanstellung bereits ihre Familien nachgeholt und ihre Kinder werden wohl den Weg gehen, den in Lahr bereits vor ihnen die Kinder von Spätaussiedlern aus Russland gegangen sind. "Wir haben auch aus diesem Personenkreis rund 40 Beschäftigte", sagt Auer, "die sind bereits gut ausgebildet und gelangen schon in verantwortliche Positionen."

Pole gibt den Anstoß

Auch der Autozulieferer SBS Feintechnik in Schonach arbeitet mit 20 osteuropäischen von fast 500 Beschäftigten. Vor einigen Jahren, als man im Schwarzwald partout keine Arbeitskräfte mehr fand, gab ein Pole den Anstoß, mal in seiner Heimat nachzufragen, ob es dort Interesse gebe. "Wir haben dann für die Neuankömmlinge extra eine Schwarzwald-Wohngemeinschaft in einer Pension gegründet", erinnert sich Silke Burger, Personalchefin und Ehefrau des Geschäftsführers.

Die Polen haben für eine Woche probegearbeitet, dann sah man, wer was konnte. "Wir haben weniger nach Zeugnissen geschaut, mehr auf die praktischen Fähigkeiten", erklärt die Personalchefin. Die meisten der polnischen, später auch tschechischen und ungarischen Mitarbeiter sind geblieben, einige gingen zurück. "Gegen Heimweh kann man nichts machen", zeigt Silke Burger Verständnis.

"Unsere Belegschaft hat zu gut 30 Prozent einen Migrationshintergrund" Thomas Plocher
Sobald Platz in den Werkswohnungen war, holten die ersten Zerspanungsmechaniker und Maschinenführer ihre Familien nach, nahmen die vom Betrieb bezahlten Sprachkurse wahr, gründeten eine Fußballmannschaft und beteiligten sich an den Festivitäten der Gemeinde.

"Unsere Belegschaft hat zu gut 30 Prozent einen Migrationshintergrund", sagt Thomas Plocher, kaufmännischer Leiter des Armaturen-, Mess- und Regeltechnikherstellers RMA aus Rheinau und Kehl. Unter den 360 Mitarbeitern sind zehn aus Osteuropa, andere stammen aus Frankreich, Tunesien oder Pakistan. Der multinationale Mix ergibt sich schon aus den geschäftlichen Aktivitäten in der Gasbranche überwiegend in Ost- und Westeuropa, den USA und im Mittleren Osten.

Qualifikation ist wichtig

"Bei Einstellungen zählt in erster Linie die Qualifikation", betont Pocher. Die Nationalität spiele insoweit eine Rolle, als es auf den unterschiedlichen Märkten wichtig ist, die Sprache und Kultur verstehen zu können. Demnächst werde man zum Beispiel einen rumänischen Ingenieur anstellen.

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU ermöglicht den hiesigen Unternehmen, neue Arbeitskräfte aus Osteuropa zu gewinnen. In Südbaden waren nach den neuesten verfügbaren Zahlen der Arbeitsagenturen von Offenburg bis Lörrach Ende Mai 2016 genau 19 312 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte aus den osteuropäischen EU-Staaten beschäftigt.

Arbeitsmigranten füllen Lücken

Diese Zahlen werden im Rahmen der statistischen Erhebung von Betrieben an die Agenturen gemeldet. Der Zuzug ist in Freiburg im Vergleich zum Vorjahresstichtag um knapp 15 Prozent, in der Ortenau um 30 Prozent und in Lörrach um knapp 19 Prozent gestiegen.

Die Arbeitsmigranten füllen Lücken, die der Fachkräftemangel offenlässt und die Betriebe unternehmen große Anstrengungen, sie zu integrieren und ihr Qualifikationsniveau zu heben. "Wir müssen sie fortbilden, dass sie nicht im Helferstatus hängenbleiben", mahnt IHK-Präsident Auer, langfristig zu denken.

"Die Unternehmen tun viel für die Integration", loben auch Gewerkschafter ausdrücklich die Arbeitgeber. "Der Einstieg ist wichtig, aber am Ende gewinnt nur, wer gut Deutsch spricht und sich qualifiziert", so Ahmed Karademir, türkischstämmiger Geschäftsführer der IG Metall in Offenburg. "In der Metall- und Elektroindustrie gibt es bei der Integration eine gute Zusammenarbeit", erklärt Marco Spengler, Geschäftsführer der IG Metall in Lörrach und Freiburg, "und sogar einen Tarifvertrag für ein Förderjahr für Ausländer im Betrieb mit Entgelt."

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