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05. September 2010 18:24 Uhr
Landgericht Mannheim
Der Kachelmann-Prozess beginnt
Was passiert in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar zwischen dem Wetteransager Jörg Kachelmann und seiner Freundin? Das ist die Kernfrage des Prozesses, der in Mannheim beginnt. Die Medien interessierte zuletzt freilich anderes.
Der Vorprozess in den Medien dreht sich mehr um die Frage, was für ein Mensch Kachelmann ist – egal, was er möglicherweise getan hat. Damit befasst sich von Montag an das Landgericht in Mannheim.
Einem der beiden muss die Sache wie ein Albtraum vorkommen. Entweder Jörg Kachelmann, der – möglicherweise nichts Böses ahnend – am 20. März von den Olympischen Winterspielen in Vancouver zurückkommt und am Flughafen verhaftet wird. Der aus allen Wolken fällt, als man ihn beschuldigt, seine ehemalige Geliebte bedroht und vergewaltigt zu haben. Der mehr als 130 Tage in Untersuchungshaft sitzt und ansehen muss, wie immer neue Details seines Intimlebens in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Oder aber dem mutmaßlichen Opfer, einer Frau Ende 30, in den Medien meist Sabine genannt, die seit 1998 ein Verhältnis mit Kachelmann hatte. Die zwölf Jahre lang auf ihn wartet und hofft. Und dann – wenn man ihr glaubt – von diesem Mann brutal missbraucht wird. Und, nachdem sie den Mut hat ihn anzuzeigen, öffentlich als Lügnerin beschimpft wird.
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Sabine soll Kachelmann Flugtickets gezeigt, die auf ihn und eine andere Frau lauteten, und ihn zur Rede gestellt haben. Was dann geschah, ist umstritten. Laut Anklage wollte sich Sabine von Kachelmann trennen. Daraufhin habe er sie mit einem Küchenmesser bedroht und zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Dabei habe er ihr das Messer gegen den Hals gedrückt. Während und nach der Tat soll er gedroht haben, sie umzubringen. Kachelmann hingegen bestreitet die Tat. Sie hätten sich getrennt, traurig, aber friedlich, dann sei er in ein Hotel gefahren.
Es dürfte schon so schwer genug sein, die Wahrheit über diese Nacht zu ermitteln – doch hinzu kommt, dass seit der Verhaftung des Moderators ein beispielloser Vorprozess in den Medien stattfindet. "Spiegel", "Focus"und "Die Zeit" berichteten ausführlich aus Ermittlungsakten und Gutachten. "Ich fand das mehr als erstaunlich, was die alles wussten", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Mannheim, Andreas Grossmann. Er betont: "Von uns hatten sie’s nicht." Vorwürfe, wonach die Staatsanwaltschaft Kachelmanns Persönlichkeitsrechte besser hätte schützen müssen, weist er zurück: "Es ist illusorisch anzunehmen, die Behörden könnten den Namen eines inhaftierten Prominenten über Monate geheim halten."
Es wird sich zeigen, wie die 5. Große Strafkammer des Landgerichts den öffentlichen Druck ausblenden kann. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nennt das Gericht keine Namen von Zeugen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte nur, dass "diverse weibliche Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten" geladen seien. Eine Zeugin hat vor ihrem Auftritt vor Gericht in der Zeitschrift "Bunte" ausgesagt. Auch das Magazin der "Süddeutschen" Zeitung druckte Aussagen verschiedener Freundinnen und Kolleginnen des Moderators. Der öffentliche Vorprozess, so scheint es, dreht sich inzwischen vor allem um die Frage, was für ein Mensch Kachelmann ist.
Es fällt auf, dass auch das Landgericht zunächst die Zeuginnen aus dem Umfeld Kachelmanns hören will – und erst gegen Schluss das mutmaßliche Opfer. Erfahrene Strafrechtler halten dies für ungewöhnlich. "Die Frauen können die Persönlichkeit des Angeklagten beleuchten – ob das, was ihm vorgeworfen wird, schlüssig ist im Vergleich zu anderen Verhaltensmustern", sagt der Strafverteidiger Ulrich Wehner. "Aber sie können naturgemäß zum Kerngeschehen nichts sagen." Allein auf dieses Kerngeschehen kommt es bei der strafrechtlichen Beurteilung an – auf das, was in der Nacht zum 9. Februar passiert ist. "Zu verhandeln ist nicht seine Persönlichkeit", sagt der Jurist Wehner. "Der Vorwurf lautet nicht: allgemeine Fehlbehandlung von Frauen."
Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wird den Prozess in der Bild-Zeitung kommentieren. In ihrem Blog schreibt sie, es sei ihr besonders wichtig, dass auch die Sicht des mutmaßlichen Opfers ernst genommen werde. "Andere Leitmedien der Republik" hätten sich klar auf die Seite Kachelmanns geschlagen. Dessen Rechtsanwalt Ralf Höcker reagierte erbost und kritisierte, von Schwarzer sei keine objektive Berichterstattung zu erwarten.
Autor: dpa


