Frankreich

Der Protest der "Gelbwesten" geht auch im Elsass in die vierte Runde

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

So, 09. Dezember 2018 um 12:58 Uhr

Elsass

"Das hier ist nicht die Vorstadt, das ist das Volk": Der Protest der Gelbwesten in Frankreich geht weiter. Ein Besuch in Colmar und Straßburg.

Aus der Ferne sieht es fast so aus, als recke sie die Faust. Es gibt kaum einen Ort, der sich besser eignen könnte für den Protest der "Gilets jaunes", der Gelbwesten, als der Kreisverkehr mit der Freiheitsstatue an der Zufahrtsstraße nach Colmar. Vorbeifahrende Autofahrer hupen, als sie den Engpass aus Paletten passieren. Der Fahrer eines Touristenbusses schwenkt zum Zeichen seiner Solidarität eine gelbe Warnweste aus dem Fenster. Ein Bretterverschlag, aufgetürmte Autoreifen, von brennenden Paletten aufsteigender Rauch und eine dürre Tanne runden das Bild ab. Dieser Ort sieht wüst aus. Normalerweise würdigen Autofahrer die Lady kaum eines Blickes, die hier steht, weil der Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue ein Sohn der Stadt war, und eilen Richtung Zentrum.

"Das hier ist nicht die Vorstadt, die Banlieue. Das ist hier das Volk." Christian Hoppler

Mit der Protestbewegung der vergangenen Wochen gehören lange Rückstaus zum alltäglichen Spiel. Der Protest der Gelbwesten in Frankreich geht in die vierte Runde. Von "Akt vier" ist im offiziellen Sprech die Rede. Mit einem fundamentalen Unterschied zum Theater: Da weiß man, wohin es führt und vor allem:wann es endet. "Wir werden von Leuten regiert, die allein die Gier nach Geld antreibt"", sagt Christian Hoppler, einer von mehreren Dutzend Aktivisten an der Freiheitsstatue. "Die Finanzwelt und deren Lobby bestimmen unsere Welt", sagt der 60-Jährige, in seinem Berufsleben Bankangestellter. Man müsse die Gehälter nach oben begrenzen, fordert er. Eine Frau mischt sich ein. Sie sei Rentnerin und bekomme 850 Euro brutto im Monat. Sie habe Jahrzehnte dafür eingezahlt. "Ist das etwa gerecht?" Dass mit Emmanuel Macrons Wahl 2017 und seiner Bewegung En Marche etliche Politikneulinge in das französische Parlament eingezogen sind, ist in ihren Augen folgenlos geblieben. "Sie haben uns glauben lassen",sagt Hoppler, "dass sich etwas ändert."

Es geht den Gelbwesten ums große Ganze

Anfangs sind sie alle gegen Macrons Klimapolitik und eine geplante Erhöhung der Spritsteuer auf die Straße gegangen. Die hat die Regierung schnellzurückgenommen. Inzwischen ist diese Forderung fast vergessen. Sie war nur ein Auslöser, der Funke, der den Flächenbrand gezündet hat. Es geht ums große Ganze, um alles oder nichts. "Wir müssen die Pyramide der Macht umkehren", fordert einer der Männer. "Unsere Republik ist mit ihren Institutionen doch am Ende. Das ganze Systemmuss umgekrempelt und der Reichtum besser verteilt werden." Ob eine Volksbefragung, ein Referendum, wie sie es auf dem Banner vor der Lady fordern, ihre Wut besänftigt?

In Straßburg marschieren die Protestler unterdessen abseits des Weihnachtsmarktes, eskortiert von Polizisten. Eine Chance, weiter ins touristische Zentrum vorzudringen, auch wenn sie das gerne wollten, hätten sie ohnedies nicht. An den Brücken über die Ill sind in kleinen Gruppen Sondereinsatzkräfte postiert. Flexibel und schnell soll die Polizei an diesem Samstag sein. So will es das Innenministerium nach den schweren Ausschreitungen am Wochenende zuvor in Paris.

Messer und Elektroschocker in den Rucksäcken von drei Gelbwesten

Gleich zu Beginn der Straßburger "Bürgerversammlung" auf der Place de la Répulique kommt einer der Polizisten herüber und stellt klar: Sie werden die Gelbwesten unter keinen Umständen in die Stadt lassen, wo um 11 Uhr der Weihnachtsmarkt öffnet. Im Laufe des Tages findet die Straßburger Polizei dann in den Rucksäcken zweier Männer und einer Frau Messer, Elektroschocker, Schlagstock, Reizgas und mit Öl gefüllte Weihnachtskugeln. Ansonsten haben die Straßburger Demonstranten anders als jene in Paris, wo am Nachmittag auf der Avenue des Champs-Elysées wieder Steine in Schaufenster geworfen und Autos angezündet werden und die Polizei Tränengas einsetzt, keine Lust auf Konfrontationen.

Was sie eint, ist die Wut auf die Eliten

Aber sie diskutieren, eine Stunde, bevor sich der Zug in Bewegung setzt. Sie tauschen sich aus. Laut, mit Megafon. "Möglichst viele sollen sich äußern können", spricht Isabelle, eine Wortführerin, ins Mikro. "Alles, was die Regierung bisher gemacht hat, ist Kosmetik", sagt die Berufsschullehrerin um die 30. Ihren Nachnamen wolle sie lieber nicht nennen. Nach ihr greift Christian zum Mikrofon. Man müsste darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen solle. "Aber klar ist, dass die Regierung uns, die Bevölkerung, gegen das Kapitalverteidigen müsste." Jean-Jacques, 79, ein Rentner, stellt sich vor. "Wir sind dabei, die Welt von morgen zu erfinden", sagt er, "denn dieses System repräsentiert niemanden mehr von uns." Ein anderer, Clément, Arbeiter bei der Bahn, sagt, er habe weniger ein Problem mit den Steuern. "Was mich umtreibt, ist die Kaufkraft der Leute, wir brauchen höhere Löhne."

Was sie eint, ist die Wut auf die Eliten, auf Abgeordnete, die nicht die Höhe des Mindestlohns kennen. Auf Macron, nach dessen Abgang die Gelbwesten überall im Land rufen. "Das hier ist nicht die Vorstadt, die Banlieue", sagt Christian Hoppler in Colmar in Anspielung auffrühere Proteste in seinem Land. "Das ist hier das Volk."