Der Reiz des aufrechten Gangs

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 16. Januar 2019

Literatur & Vorträge

"Wintergäste reloaded" starteten in Riehen und Lörrach mit einer Version von Christa Wolfs Roman "Medea.Stimmen".

Lisa Stiegler liest (und spielt) ihre Medea auf dem langen Steg, der die Reithalle im Riehener Wenkenpark längs teilt, barfuß. Das hat Symbolcharakter. Schließlich waren Medeas schöne Füße einer der erotischen Reize, die Jason zeitweise an die Königstochter vom Schwarzen Meer fesselten. Das aufmerksam inszenierte Detail aber ist zum Zeitpunkt der Geschichte längst Vergangenheit – im antiken Mythos wie in Christa Wolfs Adaption in ihrem Roman "Medea.Stimmen". Das 1996 erschienene Werk eröffnete in einer Realisation von Marion Schmidt-Kumke am Sonntag die neue Ausgabe der "Wintergäste reloaded", die sich in einer pointillistischen Auswahl mit literarischen Spiegelungen ehemaliger Ostblock-Gesellschaften befassen. Und diese "Ostblock"-Medea sowie das, was das sechsköpfige Ensemble daraus macht, stimulieren allemal Neugier auf die Reize dieses west-östlichen Diwans.

Medea, die Verräterin und Flüchtige, die Verstoßene, Verfemte und Rächerin ist in dieser Version jedenfalls keine verzweifelt agierende Furie, die aus Wut und Ohnmacht ihre eigenen Kinder abschlachtet. Im Gegenteil. Selbstbewusst und mit scharfen Verstand durchschaut und analysiert sie die Verhältnisse und die Protagonisten. Da ist das Handeln des so triebgesteuerten wie karriereorientierten und notorisch gewissenlosen Jason (Vincent Glander). Da ist das abgekartete Taktieren ihres eigentlichen Gegenspielers Akamas (Christian Heller). Der erste Astronom des korinthischen Herrschers Kreon ist ein Strippenzieher und populistischer Stratege der Macht, wie sie in modernen Regierungs- und Parteiapparaten allenthalben anzutreffen sind. Und da ist das neidgeschwängerte Denunziantentum ihrer mal Assoziationen an die Stasi-Methoden in der DDR weckenden, mal an Mobbing erinnernden früheren Schülerin Agameda (Claudia Jahn).

Wolfs Medea, die Stiegler mit einer guten Dosis schauspielerischer Elemente anreichert, steht quer zu diesem Panoptikum selbstsüchtiger, korrumpierter und ebenfalls sehr lebendig vertonter Opportunisten. Sie ist keine, die sich der Vorteile wegen mit den Verhältnissen arrangiert. Sie pocht auf Unabhängigkeit und hinterfragt die Machenschaften der Herrschenden. "Ich bin nicht von Kolchis weg, um mich nachher ducken zu müssen", erklärt sie an einer Stelle. "Nicht lügen zu können, wird zur schweren Behinderung", betont sie auch. Am Ende insistiert sie als Verfechterin des aufrechten Gangs auch darauf, dass sie sich nicht klein machen lässt von der Macht der Verhältnisse. Dafür aber zahlt sie einen hohen Preis, wie auch ihr Geliebter und Verbündeter Leukon (Mario Fuchs) feststellt.

Dieses Setting und die von Marion Schmidt-Kumke erstellte, dialogisch, fast dramatisch konzipierte rund zweistündige Spielfassung bieten reihenweise sublime Anspielungen – vom zeitgenössischen Sozialverhalten bis zur deutschen Wiedervereinigung. So klingen einzelne Sätze im Ohr wie getarnte Kommentare derselben; so lassen sich aber auch die beiden Monarchien Kolchis und Korinth interpretieren – abgewirtschaftet und in den Klauen eines mit allen Mitteln an der Macht festhaltenden Regimes das eine, hochmütig und berauscht vom Glanz der eigenen Erfolge das andere. Zwischen diesen Polen oszillieren die Figuren und vor allem Medea als Reizfigur des aufrechten Gangs – eine, die sich nicht brechen lassen will, eine Heilerin oder Seherin, wie sie Wolf auch in der Adaption des Kassandra-Mythos bemüht hat. Keine Frage, dass da am Ende eine eigne Version des Medea-Mythos steht. In dieser werden auch die Kindermorde zur Unterstellung, zur üblen Nachrede, um Medea zu diskreditieren. So findet diese inszenierte Lesung, die zum Teil fast installativen Charakter hat, nicht zuletzt Anschluss an die Debatten, die unter dem Schlagwort Fake News dieser Tage durch die Öffentlichkeit spuken: ein wirklich gelungener Start dieser Wintergäste-Saison.

Weitere Veranstaltungen: Nikolai Gogol, "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", Sonntag, 20. Januar, 11 Uhr (Werkraum Schöpflin, Lörrach) und 16.30 Uhr (Haus der Vereine, Riehen)