Der Star, der gern ein Hausschwein hätte

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Sa, 18. November 2017

Rock & Pop

Auf seinem zweiten Album "The Thrill Of It All" präsentiert der britische Singer-Songwriter Sam Smith schonungslos sensiblen Soul.

Die Wichtigkeit eines Künstlers für seine Plattenfirma lässt sich an der Anzahl der Menschen festmachen, die während eines Interviewtermins mit im Raum sind. Im Falle von Sam Smith, der im Londoner "Soho Hotel" mit Journalisten über sein zweites Album "The Thrill Of It All" spricht, sind dies: Drei Betreuer sowie eine dreiköpfige Filmcrew, das Gespräch wird mit zwei Kameras festgehalten, obschon es nun wahrlich nicht fürs Fernsehen gedacht ist. Wer sich noch fragte, ob Sam Smith schon in der Liga von Popstars wie Adele, Ed Sheeran oder Taylor Swift spielt, der weiß es spätestens angesichts dieses Gewimmels.

"Ich habe den Druck und die Erwartungshaltung gegenüber der neuen Platte gespürt", gibt Smith – ein sowieso sehr offener und ehrlicher Mensch – direkt zu. "Vor allem am Anfang, als ich noch keinen der neuen Songs geschrieben hatte und ein bisschen ausgebrannt war, fiel mir die Konzentration schwer. Ich dachte "Packe ich das nochmal? Ich habe einige Monate gebraucht, um nach der letzten Tour und dem ganzen Trubel wieder zu mir zu kommen."

Vom Barsänger zum Plattenstar

Es ist kein Wunder, dass der heute 25 Jahre alte Londoner vorübergehend den Boden unter den Füßen verlor. Was dem jungen Mann mit dem Allerweltsnamen und der weichen Soulstimme vor drei, vier Jahren widerfahren ist, das geschieht höchst selten. Vom Nachwuchstalent, das in Bars sang und vergeblich von einem Plattenvertrag träumte über die Rolle des Gastsängers bei Disclosure ("Latch") und Naughty Boy ("La La La") zum heißesten neuen Talent der britischen Musikszene, und das in wenigen Monaten? "Der unerwartet heftige Ruhm war eine Herausforderung für mich", so Smith. "Ich konnte mein Leben zwischendurch selbst nicht mehr richtig greifen."

Als Anfang 2014 sein Debütalbum "In The Lonely Hour" erscheint, wird es sofort zum Erfolg. Ganz besonders die Single "Stay With Me", eine traurige Hymne auf die unerwiderte Liebe, mauserte sich zum Welthit. Sam Smith gewann für seine Musik im Jahr darauf vier Grammys und zahllose weitere Auszeichnungen, Ende 2015 sang er "The Writing’s On The Wall", den James-Bond-Song für den Film "Spectre", für den er zusammen mit seinem Produzenten und Schreibpartner Jimmy Napes den Oscar erhielt.

Und dann? "Verliebte ich mich wieder einmal." Sam steht auf Männer, das ist kein Geheimnis. Und er hat in der Liebe ein eher unglückliches Händchen. "Ich kann diesem Mann nichts Böses hinterherwerfen, aber er wollte nach sechs Monaten halt nicht mehr mit mir zusammen sein. Diese Zeit war für mich nicht sehr gesund. Ich trank zu viel und kam aus dem Partymachen kaum noch heraus."

Andererseits: Die Gram gab ihm Inspiration für neue Songs. "Too Good At Goodbyes", die Single, ist eine Art Chronik der Trennung. "Ich schrieb den Song wenige Wochen, bevor Schluss war. Ich wollte mich damit wappnen gegen das Ende, mir ein dickes Fell zulegen. Hat nicht geklappt". Besonders intensiv und traurig ist "Burning" geraten, eine schonungslose Selbstabrechnung und der "persönlichste Song, den ich in meinem ganzen Leben bis jetzt geschrieben habe." Worum geht es? "Ich mochte mich zeitweise nicht mehr leiden und passte nicht mehr gut auf mich auf. Ich fing regelrecht an zu brennen." Die Frage, ob ein suboptimales Liebesleben ein angemessener Preis dafür ist, großartige Songs zu schreiben, stelle sich Sam Smith nicht. "Ich habe wohl keine andere Wahl. Diese Karten hat mir das Leben zugespielt."

Auf "The Thrill Of It All" erfindet sich Smith nicht grundlegend neu, sein Mix aus Pop, Soul und Gospel bleibt emotional und geht auch diesmal wieder ins Ohr. Ab und zu, in "Baby You Make Me Crazy" ganz besonders, nimmt er auch mal Fahrt auf, meist bewegt sich die Platte aber auf balladeskem Gebiet. "Pray", das Sam nach einem Besuch im irakischen Mossul schrieb (er war dort für die Wohltätigkeitsorganisation "War Child"), hat mit Timbaland ein echtes Schwergewicht produziert. "Ich habe Tim kontaktiert, weil ich seine Musik so liebe", sagt Sam Smith. "Ihm im Studio zuzuschauen, war ein großes Erlebnis für mich."

Wofür betet er selbst, außer für das Ende von Kriegen und ähnlichen Gräuel? "Dass ich mich in einen Mann verliebe, der ein Weingut hat. Von Wodka Martini bin ich nämlich voll auf Wein umgeschwenkt. Und ich hätte gerne ein großes, zahmes Hausschwein".

Sam Smith: The Thrill Of It All (Universal). Live: 9. Mai, Zürich, Hallenstadion, 20 Uhr.