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09. Juni 2012 14:58 Uhr

Stadtleben

Der Streit um das Feiern

In Freiburg fällt ein Fest nach dem anderen aus. Nicht mal das EM-Gucken im größten Park der Stadt ist nun erlaubt. Liegt das an zu strengen Auflagen des Ordnungsamts oder wachsen den Veranstaltern die Events über den Kopf?

  1. In diesem Jahr ist das Em-Gucken im größten Freiburger Park verboten. Foto: dapd

Eine alte chinesische Weisheit besagt, dass man die Feste feiern soll, wie sie fallen. In Freiburg fällt das zunehmend schwer, fielen dort die Feste zuletzt ja reihenweise aus. Auch wenn immer noch nicht klar ist, ob nun das dortige Ordnungsamt allzu strenge Auflagen macht oder ob manch Event den Veranstaltern über den Kopf wächst: Klar ist, die Kultur des Feierns hat sich vor allem in den Städten verändert – und kaum jemand ist mit ihr voll und ganz zufrieden. Den einen sind die Feste zu oft, zu laut, zu kommerziell, den anderen kann’s nie genug sein. Aufzulösen ist das nicht. Den Empfindsamen bleibt eigentlich nur, in ein stilles Schwarzwaldtal zu ziehen; und die Partylöwen müssen nach Berlin.

Höher-schneller-weiter-Gesellschaft

Früher war in den Augen der Empfindsamen alles besser. Da gab’s im Dorf das Weinfest, das Schützenfest und das Feuerwehrfest, und in der Stadt noch die Kirmes und ein paar mehr Hocks. Dann kam das Event und seither gibt’s oft kein Halten mehr. Seither bevölkern Tausende Teilzeitfußballfans Parks beim Public Viewing. Seither muss es für die Partylöwen die Mega-Abifeier zu Tausenden sein, wo früher Lambrusco am Lagerfeuer getrunken wurde.

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Das kann man ablehnen, das kann man geißeln, es passt zu unserer Höher-schneller-weiter-Gesellschaft. Einerseits. Andererseits zeigt die Begeisterung fürs Gemeinschaftserlebnis, dass wir Menschen, obwohl immer weniger verwurzelt in der Heimat, immer weniger verankert in der Großfamilie, noch nicht völlig degeneriert sind. Feste sind nichts anderes als Rituale, und die heißen neuerdings eben Halloween und nicht mehr Heuernte. Da gibt es rein gar nichts dagegen zu sagen.

Was die ganze Angelegenheit verkompliziert, ist, dass es dort, wo viele Leute auf einem Haufen leben, unterschiedliche Interessen gibt. Und je anonymer der Haufen ist, desto weniger sind die einen bereit, Rücksicht zu nehmen und desto schneller fühlen sich die anderen gestört. Dass kein Mensch nachts um vier Krakeeler vor dem Schlafzimmerfenster braucht, ist klar. Es mutet aber seltsam an, wenn Menschen im Zentrum eines Orts wohnen und sich darüber beschweren, dass ihnen da zu viel los ist.

Ordnungsamt hat Ermessungsspielraum

Vielleicht gibt es mancherorts immer mehr laute und lange Feste, gleichzeitig steigt aber in schnelllebigen, stressigen Zeiten auch die Reizbarkeit. Nicht immer ist dann ein Anruf bei der Polizei wegen Ruhestörung die Lösung. Die hat mit Ordnungsämtern schließlich primär die Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen. Und das ist nicht einfach, wie der Freiburger Feste-Streit zeigt. Ein Ordnungsamt hat einen Ermessensspielraum beim Auflagen-Ausdenken, und womöglich wurde der im ein oder anderen Freiburger Fall ausgereizt. Tatsächlich aber hat die Katastrophe der Duisburger Loveparade mit 21 Toten 2010 wie das aus dem Ruder gelaufene Freiburger "Sea of love"-Festival 2011 gezeigt, dass es im Zweifelsfall lieber eine Auflage mehr gibt, als einen Fluchtweg zu wenig.

Dass bei Festen der Trend zum kommerziellen Veranstalter geht, erhöht die Verantwortung der Ordnungshüter noch. Es ist legitim, dass eine Eventagentur wirtschaftlich rechnet. Und es ist logisch, wenn auch nicht immer zu akzeptieren, dass sie an manchen Dingen – strengen Sicherheitsauflagen? – gern sparen würde und bei anderen Dingen – Getränkepreisen? – gern aufschlagen.

Im Zweifelsfall eine Auflage mehr, als ein Fluchtweg zu wenig

Würden sich Veranstalter, Ordnungshüter, Besucher und Anwohner so respektieren und tolerieren, wie sie den Schnarcher im eigenen Bett dulden: Die Atmosphäre wäre ungewohnt entspannt. Veranstalter müssten dafür etwas mehr auf Anwohner zugehen und Ordnungshüter auf Veranstalter. Anwohner müssten etwas gelassener sein und Partygäste etwas ruhiger. Aber so funktioniert Stadtleben nicht. Dazu ist der Mensch zu egozentrisch. Leider.

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Autor: Martina Philipp


18 Kommentare

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Florian Engels

Registriert seit: 22.12.2009

Kommentare: 286

09. Juni 2012 - 15:11 Uhr

Keine Sorge, die Zeiten in denen der Altersdurschnitt 75 beträgt, und man die Bürgersteige um 20 Uhr hochklappt werden in Freiburg schon noch kommen.Vorher aber: Nix wie weg aus dieser Stadt !

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Roland Paetz

Registriert seit: 12.08.2009

Kommentare: 60

09. Juni 2012 - 15:20 Uhr

Ausgewogene und faire Berichterstattung.
Ein empfindsamer Partylöwe.
PgS

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Michael Wegmann

Registriert seit: 09.06.2012

Kommentare: 2

09. Juni 2012 - 15:21 Uhr

Ein wirklich sehr lesenswerter Leitartikel, der das Problem sehr anschaulich darstellt. Danke!

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Michael Wegmann

Registriert seit: 09.06.2012

Kommentare: 2

09. Juni 2012 - 15:29 Uhr

"Nix wie weg aus dieser Stadt !"

... und ab nach Duisburg oder Dessau, den Vorzeigeobjekten des demographischen Wandels...

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Johanna Weiß  

Johanna Weiß

Registriert seit: 05.03.2010

Kommentare: 35

09. Juni 2012 - 15:36 Uhr

Schöner Artikel!

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Michael Klug

Registriert seit: 10.11.2009

Kommentare: 440

09. Juni 2012 - 15:55 Uhr

Wie immer und überall sollte gegenseitiger Respekt, beiderseitige Rücksichtnahme im Vordergrund stehen und wenn man dann noch miteinander spricht klappts auch und es fallen keine "Events" mehr aus.
Und daran hat es offenkundig in der Vergangenheit gefehlt. Und illegale Partys wie an Fronleichnam fördern nicht unbedingt das Verständnis der Anwohner für legale Veranstaltungen.

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Peter Binder

Registriert seit: 20.05.2012

Kommentare: 73

09. Juni 2012 - 16:36 Uhr

Freiburg ist öde, alternativ und spießig zugleich.
Die jungen Leute (Studenten) können sich noch freuen, für diese Generation ist noch relativ viel geboten in dieser Stadt.
Ich bin bald 40 und ich habe mich noch in keiner Stadt so gelangweilt wie in Freiburg.

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Olaf Darnelle  

Olaf Darnelle

Registriert seit: 15.08.2011

Kommentare: 107

09. Juni 2012 - 16:48 Uhr

Ich bin schon 40 und langweile mich kein bisschen.

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Kai Fischer  

Kai Fischer

Registriert seit: 17.09.2009

Kommentare: 1186

09. Juni 2012 - 17:06 Uhr

Langeweile sagt viel aus über denjenigen, der sich langweilt.
Der jeweilige Aufenthaltsort ist dafür nicht verantwortlich.

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Martin Butzinger

Registriert seit: 26.05.2012

Kommentare: 10

09. Juni 2012 - 17:50 Uhr

Warum hat hier keiner den Mut und spricht den wahren Grund an?
Es geht doch nicht um Auflagen. Es ist doch das Verhalten des Herrn Rubsamen. Wie geht er mit seinen Mitarbeitern im Amt um ? Warum lassen sich so viele Leute versetzten? Warum hat unser Bürgermeister ihn zu einem sozial Seminar verdonnert ? Warum fördert er nicht Veranstaltung? Natürlich immer ausgewogen ! Alle Belange müssen hier berücksichtigt werden.
Ganz klar.
Aber seine Bastamentalität passt nicht zu Freiburg.Er schadet Freiburg. Leider

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Peter Binder

Registriert seit: 20.05.2012

Kommentare: 73

09. Juni 2012 - 20:30 Uhr

Ansprüche sind bekanntlich unterschiedlich.
Kulturell ist Freiburg für mich ein Dorf.

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Dr. Klaus Miehling

Registriert seit: 26.08.2010

Kommentare: 9

09. Juni 2012 - 22:46 Uhr

"Es mutet aber seltsam an, wenn Menschen im Zentrum eines Orts wohnen und sich darüber beschweren, dass ihnen da zu viel los ist."

Nein, das ist nicht seltsam; denn zum einen wohnen dort viele schon seit einer Zeit, als Anzahl und Lautstärke der Feste weit geringer war als heute. Zum anderen gilt die Polizeiverordnung überall, auch in der Innenstadt.

Es geht hier nicht um Kompromisse: Wer laut sein will, muss darauf achten, dass er niemanden stört. Die Wohnung ist laut Grundgesetz "unverletzlich". Leider ist dieses Prinzip dem AföO offenbar unbekannt. Es sind ja nur Sicherheitsauflagen, die zur Absage der Feste geführt haben.

Die Polizei hat nicht "primär die Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen", sondern die Aufgabe, für die Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen zu sorgen. Ob ein Mensch durch einen Faustschlag verletzt oder durch nächtlichen Lärm um Schlaf und Nerven gebracht wird (wodurch er, übermüdet, am nächsten Tag zu einem Sicherheitsproblem im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz werden kann), ist kein prinzipieller Unterschied.

Es wird höchste Zeit, dass der Freizeitlärm mindestens ebenso kritisch gesehen wird wie der Verkehrslärm. Immerhin ließe er sich weit einfacher vermeiden, und durch seine Informations- und Impulshaltigkeit ist sein Belästigungsgrad besonders hoch.

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Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2507

09. Juni 2012 - 22:56 Uhr

Besteht hier vielleicht auch ein Zusammenhang zur fortschreitenden Gentrifizierung in Freiburg?

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Florian Engels

Registriert seit: 22.12.2009

Kommentare: 286

09. Juni 2012 - 23:53 Uhr

Richtig erkannt, hier besteht nicht nur ein Zusammenhang mit der Gentrifizierung , sondern auch einer mit der Überalterung.Wohlhabende Rentner kaufen sich Wohnungen in der Stadt, obwohl ihnen klar sein dürfte, dass es dort lauter zugeht.Aber wie schon gesagt, eine Totenstadt wird Freiburg noch früh genug.

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Herbert Pommerenke  

Herbert Pommerenke

Registriert seit: 29.11.2010

Kommentare: 994

10. Juni 2012 - 13:39 Uhr

Frau Phillips letzter Satz sagt alles! Der Mensch ist viel zu egozentrisch!
Duisburg und andere Vorkommnisse die zur Massenpanik führten sind
Ergebnisse dafür! Es ist immer einer, oder eine Gruppe in einer beengten
Situation die glaubt mit Ellenbogen, unter dem Motto: Ich will da rein,oder raus zu diesen Panikattacken führt.
Was die Feste, oder Public Viewings anbelangt ist es genau so. Immer
sind es ein paar "coole Typen" die besoffen an Lautstärke zunehmen und
der Rest rennt, oder brüllt wie bei einer Rinderstampede mit.

Der Einzelskandal, aber Beweis der egozentrikeit ist immer bei schönem
Wetter am Draisamufer zu sehen! Vom Müll bis zu menschlichen Fäkalien
ist im Abstand von wenigen Metern alles vorhanden und das sogar von
unseren späteren Eliten die man Studenten nennt.

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Gregor Bähr

Registriert seit: 19.08.2011

Kommentare: 397

10. Juni 2012 - 17:31 Uhr

Ich brech mal eine Lanze FÜR Freiburg und seine Feste, genauer für sein Theater.

Der "Ring des Nibelungen" war eine Sensation, Sangesleistungen, Orchesterdarbietungen und Inszenierung auf höchstem Niveau.

Und das zu einem geradezu Witzeintrittspreis.

Menschen aus vielen Ländern kamen nach Freiburg, um diesen "Ring" erleben zu können. !ch hatte nur 5 Minuten mit dem Fahrrad.

Danke, danke, danke!!!!!

Ich bin übrigens altersmäßig deutlich unter 60.

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Bea Joeck  

Bea Joeck

Registriert seit: 03.07.2009

Kommentare: 98

11. Juni 2012 - 10:37 Uhr

"Ich bin bald 40 und ich habe mich noch in keiner Stadt so gelangweilt wie in Freiburg." Dann sorgen Sie doch besser für sich und schauen Sie sich um, was Sie noch so tun können, um Ihrer Langeweile zu entgehen. Es gibt sicher ehrenamtliche Tätigkeiten, die Sie machen und die Ihnen vielleicht sogar Freude machen können! Aber von anderen zu verlangen, Sie zu bespaßen - aus dem Alter sind mit fast 40 doch raus.
Ich finde, dass Freiburg viel zu bieten hat - sowohl Schönes, Interessantes und Aufregendes als auch Abstoßendes und Widerwärtiges - siehe Dreisamwiesen, betrunkene Männergruppen, die nichts besseres wissen, als ein Straßenschild aus der Verankerung zu reissen, weil sie das soo toll finden, und noch vieles andere mehr.
Die Aktion: Rücksicht und Respekt find ich persönlich total angebracht, denn daran mangelt es hier in der Stadt wirklich.

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

11. Juni 2012 - 10:57 Uhr

Gestern abend wurde im SWR-Fernsehen eine Talkrunde mit Markus Brock wiederholt, in der man sich sehr lang und ausführlich und vor allem auch kritisch mit Freiburg und Umgebung beschäftigt hat. Dabei ist auch das Schlagwort der Bequemlichkeitsfalle gefallen. Ein sehr treffender Begriff für diese Stadt!

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