Oberschopfheim

Vor fünf Jahren wurde Thomas G. erschossen – der Täter läuft noch immer frei herum

Hubert Röderer

Von Hubert Röderer

Do, 04. Januar 2018 um 15:19 Uhr

Ortenaukreis

Vor gut fünf Jahren wurde in Oberschopfheim ein Hells-Angels-Mitglied erschossen. Thomas G. wurde 49 Jahre alt. Über 600 Spuren ist die Polizei inzwischen nachgegangen. Doch der Täter ist noch immer auf freiem Fuß.

Vor ziemlich genau fünf Jahren, Ende 2012, wurde bei der kleinen Kapelle westlich von Oberschopfheim, der Leutkirche, der 49-jährige, einheimische Thomas G. erschossen. Weit über 600 Spuren ist die Polizei nachgegangen. Doch der Täter ist noch immer nicht ermittelt. Aktiv betrieben, sagt die Polizei, wird das Ermittlungsverfahren seit geraumer Zeit nicht mehr. Was sich aber sofort ändern würde, sollten sich neue Erkenntnisse ergeben.

Dienstag, 27. November 2012. Katharina B. macht mit ihrem Hund einen morgendlichen Spaziergang, der sie auch zur Leutkirche führt, die seit dem Abriss der Bahnbrücke im April 2011 etwas abseits liegt: Die junge Frau macht eine schreckliche Entdeckung: Auf dem Boden liegt Thomas "Thomy" G., waschechter Oberschopfheimer. Die Spaziergängerin alarmiert die Polizei. Doch für den damals 49-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Der Notarzt kann nur noch seinen Tod feststellen. Die Polizei findet rasch heraus, dass er am Fundort getötet wurde, und zwar in der Nacht zum 27. November. Ob vor oder nach Mitternacht, bleibt offen. Zeugen wollen Schüsse gehört haben.

"Hoffnung auf Klärung des Falls besteht immer"

24 Beamte machen sich am selben Tag auf Spurensuche, Kollegen der Bereitschaftspolizei Lahr leisten der Kripo Amtshilfe. Vier Taucher der deutsch-französischen Wasserschutzpolizeistation Kehl weiten die Suche auf kleinere Bachläufe in der Umgebung aus. Nichts Verwertbares. Zigarettenkippen nimmt die Polizei zum Anlass, Hundehalter zur Abgabe von Speichelproben ins örtliche Rathaus zu bitten. Eine heiße Spur ergibt sich nicht. Die Sonderkommission "Feld", rund 40 Beamtinnen und Beamten, findet rasch heraus, dass der Getötete Clubmitglied bei den Lahrer Hells Angels war und in erheblichem Umfang Drogengeschäfte betrieben hat.

Die "Soko" stößt Anfang Dezember 2012 auch auf eine Gartenhütte, die abseits des Gemeindeverbindungsweges von Oberschopfheim nach Friesenheim liegt, unweit der B 3 und hinter Sträuchern gut versteckt. Sie war von Unbekannten aufgebrochen worden. Im Gegensatz zu diesen macht die Polizei einen überraschenden Fund: In Hohlräumen der Hüttenwand liegen vier Schusswaffen samt Munition, außerdem mehrere Kilo Marihuana, Haschisch und Kokain. Zudem entdecken die Kriminaltechniker Teile einer "Indoor-Anlage" zur Aufzucht von Cannabis-Pflanzen.

Hells Angels setzen ausnahmsweise auf die Polizei

In der Pfarrkirche von Rust findet die Trauerfeier für Thomas G. statt, der neben Verwandten und Bekannten auch zahlreiche Hells Angels beiwohnen. Diese reisen in einem Trauerzug an: Zwei langen weißen Limousinen folgen rund 40 Motorradfahrer und 200 Autos mit Clubmitgliedern. "Ich hoffe, dass wir ausnahmsweise einmal gemeinsam mit der Polizei diesen Fall aufklären", sagt der Präsident der Lahrer Hells Angels am Ende der Trauerfeier. Dem ist nicht so: Auch nach gut fünf Jahren ist der Täter nicht gefasst. Im März 2013 wird die Soko von einer bloß noch achtköpfigen Ermittlungsgruppe abgelöst. Bald kümmern sich nur noch zwei Mann um die Bluttat, später explizit niemand mehr. "Aktiv wird das Verfahren derzeit nicht bearbeitet", teilt Polizeisprecher Patrick Bergmann auf Anfrage mit, "sollten sich aber auch nur kleinste Hinweise oder Spuren ergeben, werden die Ermittlungen unverzüglich wieder aufgenommen."

Bis heute hält sich das Gerücht, die Polizei wisse, wer der Täter ist, einzig die Beweise fehlten. "Es existieren natürlich Ideen, welche Person für die Tat verantwortlich sein könnte", so Bergmann, das sei Grundlage eines jeden kriminalpolizeilichen Handelns: Eine polizeiliche Täterhypothese halte aber nicht immer einer juristischen Nagelprobe stand. Wüsste die Polizei ganz konkret, wer der Täter ist, "würde derjenige auch angezeigt". Das Verfahren käme wieder ins Rollen: "Es ist also sichergestellt, dass Personen, die aus polizeilicher Sicht als Täter in Betracht kommen, aktenkundig sind und nicht nur gerüchteweise existieren." Ohnehin: "Mord verjährt nie. Auch nicht in Gedanken der damals sachbearbeitenden Kollegen. Folglich sind die vor Jahren gewonnenen Erkenntnisse immer dann präsent, wenn neue polizeiliche Sachverhalte bekannt werden, die in das gerade ruhende Gesamtmosaik passen könnten."

Hoffnung besteht immer

Hoffnung, dass der Fall doch noch aufgeklärt wird, "besteht natürlich immer", so Patrick Bergmann, "einerseits schreiten die Möglichkeiten der Kriminaltechnik und der Molekularbiologie ständig voran": Asservate, die bei der Tat gesichert wurden, würden ausgefeilteren Untersuchungsmethoden zugeführt.

Andererseits gebe es Menschen, die damals große Schuld auf sich geladen haben: "Sie haben den Tod eines Menschen auf dem Gewissen. Hiermit müssen sie zeitlebens umgehen." Die Erfahrung zeige, "dass Beteiligte oder Zeugen dieser Belastung nicht immer standhalten und ihr Schweigen noch Jahre später brechen, um reinen Tisch zu machen".

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