Der Urknall zum Jahreswechsel

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 02. Januar 2018

Klassik

Das Freiburger Barockorchester mit Haydns "Schöpfung".

Es ist einer dieser raren Momente, in denen selbst dem hoffnungslosesten Pessimisten ein warmer Schauer der Hoffnung und Zuversicht über den Rücken läuft: Joseph Haydn vertont die Verse aus dem Buch Genesis "Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht." Wenn der Komponist in seinem Oratorium "Die Schöpfung" das Orchester nach der düsteren c-Moll-Stimmung des "Chaos" einen strahlenden, majestätischen C-Dur-Akkord jubilieren lässt – dann ist das, als legte man einen Schalter um, und die Welt erstrahlte für einen Moment in unschuldiger, unverbrauchter – neuer – Schönheit.

Zumal an Silvester. René Jacobs, das Freiburger Barockorchester und der Rias-Kammerchor zünden zum Jahresende im ausverkauften Freiburger Konzerthaus diesen Urknall – und tatsächlich verlässt man den Raum nach gut zweieinhalb Stunden in der Überzeugung: Alles kann gut werden. Oder wie es in Gottfried van Swietens idealisierendem Text heißt: "Mit Staunen sieht das Wunderwerk / Der Himmelsbürger frohe Schar."

René Jacobs’ Interpretation ist gleichwohl keine verklärende. Das Erhabene der Musik, es hat natürlich seinen gebührenden Platz in dieser Aufführung. Aber wie so oft – und so künstlerisch fruchtbar – geht der flämische Dirigent so mancher eher verborgenen Spur in der Musik nach. Bei Haydn heißt das stets: auf den Subtext der Musik achten. Nur ein winziges Beispiel: In Uriels Rezitativ "Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde. Nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn" scheint der Komponist durch seine harmonischen Wendungen Zweifel anzumelden. Das ist nicht affirmativ auskomponiert, und genau solche Momente werden in der Aufführung zur besonderen Delikatesse. Sebastian Wienand hat mit seinen kongenialen Improvisationen am Hammerklavier großen Anteil an dieser fruchtbaren Spurensuche. Im letzten Rezitativ "O glücklich Paar" etwa greift er in der Einleitung den Sechzehntel-Jubel des großen Duetts von Adam und Eva auf und führt ihn mit zarter Ironie weiter – Haydn hätte applaudiert!

Das gilt für die gesamte Interpretation. Das Freiburger Barockorchester ist ein beredter Botschafter seiner Musik, es durchkämmt mit einer Leidenschaft und Energie die Partitur, als gelte es fortwährend Neues zu entdecken. Was auch immer wieder gelingt, sei es durch fantastische Solostellen, durch überraschend neuen Klangausdruck oder einfach durch jenes hinreißende, konzentrierte Miteinander in Phrasierung, Dynamik und Artikulation, das das Orchester nun schon seit 30 Jahren zu seinem Weltklasse-Markenkern gemacht hat. Da wirken sogar die winzigen rhythmischen Unstimmigkeiten in der Einleitung, der "Vorstellung des Chaos", eher wie Programm...

Referenzklasse hat der Abend erst recht in vokaler Hinsicht: Sebastian Kohlhepps Tenor ist von ausgeprägter lyrischer Schönheit und Leuchtkraft; Robin Johannsen versteht es mit ihrem präzise kontrollierten, herrlich zarten Sopran auch die virtuoseste Koloratur transparent zu machen; und Michael Nagys Ausnahmebariton überrascht von neuem mit unendlichem Gestaltungspotenzial und klanglicher Vollendung. Was der Rias-Kammerchor, den Frank Markowitsch exzellent einstudiert hat, an Homogenität, Ausgewogenheit und klanglicher Reife zu bieten hat, ist überwältigend. Der Wechsel von Tutti und Soli im Schlusschor ist in seiner Simultaneität einfach faszinierend. Mit Staunen hört das Wunderwerk... Hoffentlich auch der Rundfunk-Intendanten frohe Schar: So sind die Gebühren gut angelegt. Prosit Neujahr!