Pop

Der Weltverbesserer – David Byrnes Album "American Utopia"

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Fr, 09. März 2018 um 20:30 Uhr

Rock & Pop

Ende 2017 veröffentlichte Björk ihr "Utopia"-Werk, nun zieht David Byrne mit seiner Zukunftsvision nach, konkretisiert im CD-Titel aber gleich: "American Utopia". Was hat man davon zu halten?

Wenn es um die Realität schlecht bestellt ist, häufen sich in der Kunst die Utopien. Erst Björks "Utopia", jetzt David Byrnes "American Utopia". Seine Vorzeichen sind andere: Die Isländerin erschuf sich durch Trennungsschmerz und Gefühlstumult hindurch ein fantastisch-feministisches, aber letztlich weltfernes Elysium. Byrne hingegen will konkrete politische und gesellschaftliche Probleme aufzeigen und anpacken.

Er setzt damit fort, was er seit seiner Zeit bei den New-Wave-Pionieren Talking Heads gepflegt hat: Kritik einfallsreich, mit ironischem, doppelbödigem Biss in Worte und Klänge zu kleiden.

Die aktuelle CD, sein erstes richtiges Solowerk nach "Teamworks" und "Musicals" seit 2004, ist dafür nur eines von mehreren Mitteln. Denn der 65-Jährige hält derzeit Vorträge auf verschiedenen Erdteilen unter dem Titel "Reasons to be cheerful" (Gründe, gut gelaunt zu sein), in denen er lokale Projekte als Keimzellen zur globalen Weltverbesserung vorstellt – sei es eine Musikschule in einer Favela Rio de Janeiros, eine Frauenrechte-Initiative in Washington oder die Wandlung einer Müllverbrennungsanlage zu einer Bücherei in Bogotá.

Eine schöne Website gibt es flankierend dazu. Sie zeigt Visionen, die auf kleinerer Ebene tatsächlich realisierbar sind, doch wenig ausrichten können gegen die aktuelle Großwetterlage der Heimat Byrnes, die vor 200 Jahren mal als kühner Gegenentwurf zu Europa galt. "Heute scheint Amerika eine Dystopie zu sein, und ich dachte mir: Dann nenne ich das Album einfach nach dem unwahrscheinlichsten und unseriösesten Ort für eine Utopie", sagte er kürzlich bei seinem Vortrag in Berlin.

Protestsongs nach herkömmlichem Verständnis waren Byrnes Kompositionen nie, und so bleibt das auch auf dem neuen Werk. Ihre Genese tönt eher nach Kunsthochschule: Langzeitmitstreiter Brian Eno lieferte ihm das Knetmaterial für die Rhythmustracks; der Amerikaner Thomas Bartlett, Produzent der US-Sängerin St. Vincent sowie Vertreter der neuen Generation britischer Songwriter wie Jack Peñate und Sampha steuerten weitere Ideen bei.

All das baute er nach dem Mosaikprinzip zusammen. Das Resultat ist dennoch Popmusik, aber eine, die sich nur streckenweise gut verdauen lässt, denn sie ist meist weder ohrwurmig, noch findet sie Wege, die "Gründe für die gute Laune" in tatsächlich packende Poesie zu bündeln. Im Opener "I Dance Like This" konfrontiert er erratische Blöcke aus Pianoballade und Techno, dazu spiegelt er das postfaktische Zeitalter im Vers: "The truth don’t mean nothing / if you ain’t got the cash."

Altersbedingt wirkt das nicht mehr wie punkiger Manierismus, sondern wie Versuche des Vom-Blatt-Singens

Die Verblendung der US-Gesellschaft ist nochmals ausführlich Thema in "Dog’s Mind", und eine spröde Widmung an diejenigen, die das digitale Zeitalter abgehängt hat, steckt wohl hinter "Gasoline And Dirty Shirts". In "Every Day Is A Miracle" blitzt Byrnes Humor in einem Lobpreis auf die Vielfalt der Welt auf, denn er nimmt dafür den Blickwinkel von Hühnern, Eseln und Kakerlaken ein.

Als Vorreiter der Global Pop-Philosophie baut er auch etliche Afro- und Latin-Muster in die Arrangements, etwa mit dem cleveren Samba-Rock "Everybody’s Coming To My House". Doch bei aller Farbigkeit wirken diese Texturen manchmal wie angeklebt hinter den zu vordergründigen Gesang – und dessen Schwäche wird dadurch umso auffälliger.

Nun war das Mäandern um die richtige Tonhöhe ja immer Byrnes Markenzeichen. Nur: Altersbedingt wirkt das nicht mehr wie punkiger Manierismus, sondern wie Versuche des Vom-Blatt-Singens. Und die Utopie? Erst im Finalstück "Here" schaut sich David Byrne die Vernetzung der Regionen an, allerdings aus der Perspektive eines Staunenden, der nicht den Schlüssel zum Verständnis und zu notwendigen Aktionen zu besitzen scheint. Die dünne Conclusio: "And the world won’t end / it will just change it’s name." Predigt da einer Fatalismus aus dem warmen Nest? Sein ehrliches Engagement, das online verfolgt werden kann, widerlegt das. Doch als Tondichter geht dem Weltverbesserer leider die Puste aus.

David Byrne: American Utopia (Nonesuch/Warner).

Live:
Dienstag, 17. Juli, Zürich, Theater 11, 20 Uhr.

Website: reasonstobecheerful.world.