Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

31. Juli 2012 00:05 Uhr

Arbeitsmarkt

Deutliche Mehrheit der Deutschen hat regulären Job

Deutschland ist kein Land der rechtlosen Arbeitskräfte: Das zeigen aktuelle Zahlen über den Arbeitsmarkt. Zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland leben demnach in ziemlicher Sicherheit.

BERLIN. Deutschland – ein Land der ausgebeuteten Arbeitskräfte? Wächst die Zahl der Zeitarbeiter mehr und mehr, der schlecht bezahlten Minijobber, derjenigen, die sich von ihrer Arbeit kaum noch ernähren können? Oft entsteht der Eindruck, die soziale Frage stelle sich heutzutage wieder so krass, wie während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Bild ist allerdings schief.

Das zeigen Zahlen über den Arbeitsmarkt, die das Bundesamt für Statistik am Montag veröffentlichte. Zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland leben demnach in ziemlicher Sicherheit. 23,7 Millionen von 35,8 Millionen Erwerbstätigen haben einen Normalarbeitsplatz.

Irreguläre Beschäftigung nimmt weniger stark zu

Darunter verstehen die Experten Stellen, die unbefristet sind, mindestens 21 Stunden pro Woche beinhalten und der vollen Sozialversicherungspflicht unterliegen. Wer in einem solchen Arbeitsverhältnis steht, kommt finanziell in der Regel einigermaßen über die Runden und muss sich relativ wenige Sorgen über Krankheit, Arbeitslosigkeit und Altersversorgung machen. Zwei Drittel der Arbeitnehmer in Deutschland nehmen am Wohlstand teil – mal mehr, mal weniger. Die Mittelstandsgesellschaft ist das Mehrheitsmodell. Ihren Untergang zu prophezeien, ist zumindest gewagt.

Werbung


Die Statistik enthält eine weitere positive Nachricht. Die Zahl der Menschen, die in Normalarbeitsverhältnissen stehen, nahm zu – im Jahr 2011 im Vergleich zu 2010 um rund 610 000 Personen. Die Menge der atypischen Jobs (zum Beispiel geringfügige Beschäftigung, Teilzeit unter 21 Stunden, Zeitarbeit) stieg zwar auch um 80 000. Ihr Anteil an der gesamten Beschäftigung ging allerdings zurück.

Damit haben wir es seit 2006 mit einer Trendumkehr zu tun. Bis dahin wuchs der irreguläre Bereich auf Kosten der normalen Jobs. Seitdem aber hat sich die Lage stabilisiert. Ein Grund dürfte sein, dass Deutschland seine Löhne und Arbeitskosten seit der Jahrtausendwende kaum steigen ließ. Dadurch sind viele qualitativ gute Produkte auf den Weltmärkten heute sehr konkurrenzfähig. Deutsche Unternehmen stellen Leute ein, um die hohe Nachfrage zu befriedigen.

"Zudem wirkt die neue Arbeitsteilung der Globalisierung", sagt Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Unternehmen tendieren dazu, einfache Arbeitsplätze in Schwellen- und Entwicklungsländer auszulagern, Tätigkeiten mit hohem Qualifikationsniveau dagegen in die Industrieländer. Ein Beispiel: VW produziert Autos in China, lässt sie aber vornehmlich von Ingenieuren in Deutschland entwickeln. Solchen gut ausgebildeten Fachkräften bieten die Firmen auch gute Arbeitsbedingungen. Diese erfreuliche Entwicklung ändert nichts daran, dass das Normalarbeitsverhältnis seit der Wiedervereinigung unter Druck geraten ist. Die Zahl der regulären Stellen liegt heute weit unter dem Niveau von 1991. Damals betrug sie fast 27 Millionen Arbeitsplätze – über drei Millionen mehr als jetzt.

Unter anderem die Hartz-Gesetze der rot-grünen Bundesregierung haben dazu beigetragen, das Mehrheitsmodell auszuhöhlen und einen konkurrierenden Niedriglohnsektor zu schaffen. Millionen Beschäftigte arbeiten heute für Gehälter, die sie mitunter kaum ernähren. Wer mit Vollzeitarbeit nur 800 Euro monatlich nach Hause bringt, muss für seine Familie nicht selten einen Zuschuss bei der Arbeitsagentur beantragen. Die Befürworter bei Union, FDP und in der Wirtschaft sagen: Besser ein Job mit wenig Geld, als jahrelang Hartz IV. Die Gegner in Gewerkschaften, SPD und Linkspartei argumentieren, Minijobs, Zeitarbeit und Niedriglöhne gefährdeten die Menschenwürde und den sozialen Frieden.

Wie aber stehen die Chancen, dass die soziale Stabilität auf dem Arbeitsmarkt künftig mehrheitlich erhalten bleibt? Einerseits wächst der Dienstleistungssektor, und mit ihm die Zahl der Stellen, die schlecht bezahlt werden und weniger Sicherheit bieten. Dagegen wirkt ein anderer Mechanismus: der demografische Wandel. Weil weniger junge Beschäftigte nachwachsen, rechnen Experten für die kommenden Jahrzehnte mit niedriger Erwerbslosigkeit und Fachkräftemangel. Dies aber sind die besten Voraussetzungen dafür, dass die Firmen den Arbeitnehmern gute Angebote machen. Die soziale Sicherheit des Normalarbeitsverhältnisses steht ganz oben.

Autor: Hannes Koch


6 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Die veröffentlichten Kommentare geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2516

31. Juli 2012 - 09:25 Uhr

FYI: http://www.nachdenkseiten.de/?p=14017

Verstoß gegen Netiquette melden

Armin Wolff  

Armin Wolff

Registriert seit: 01.09.2009

Kommentare: 81

31. Juli 2012 - 10:09 Uhr

Vorsicht, Herr Lauck, die Statistik suggeriert das zwar (m.E. mit voller Absicht), aber es sind keineswegs zwei Drittel der Arbeitnehmer in Vollzeitarbeit!
Die Definition eines "Normalarbeitsplatzes" nach lex Destatis ist eine unbefristete, sozialversicherungspflichtige Stelle mit mindestens 21 Wochenstunden. 21 Wochenstunden sind z.B. in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, exakt eine Halbtagsstelle...

Und das selbst nach dieser schöngefärbten Wieselstatistik jeder DRITTE *trotz Arbeit* nicht am Wohlstand teilhaben kann ist in der Tat ein Skandal ersten Grades.

Was mich ausserdem erstaunt ist, wie wenig Mühe man sich inzwischen dabei gibt, uns zu ver*****en. Früher waren die Statistiken wenigsten GUT gefälscht... :-)

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Oliver Neumann

Registriert seit: 19.05.2010

Kommentare: 8

31. Juli 2012 - 18:05 Uhr

Auch nach 15 Monaten wieder in einer festen Anstellung habe ich nach jahrelanger Leiharbeit und dem misslungenem Versuch einer Selbstständigkeit immer wieder finanzielle Probleme. Die Folgen: Eine zurückgewiesene Telefonrechnung kostet statt 40 € plötlzlich 75 €, das Abo dieser Zeitung für drei Monate kostet statt 75 € dank Inkassoverfahren plötzlich 155 €. Fazit: Arm sein ist teuer und deswegen sind 1/3 in unregulären Jobs zu viel. Dazu gehören laut meiner Information auch einige Journalisten dieser Zeitung, die heutzutage nicht mehr fest angestellt sind, sondern auf provisionsbasis arbeiten.

Verstoß gegen Netiquette melden

Bodo Weis  

Bodo Weis

Registriert seit: 26.05.2009

Kommentare: 869

31. Juli 2012 - 19:17 Uhr

Herr Hannes Koch
Erklären sie mir doch plausibel wieso es trotz ihrer „Vollbeschäftigung“ es der Einzelhandel NICHT schafft aus dem Tal der Tränen zu kommen?
Bereinigt wieder ein MINUS (-0,1) in der Kasse.
http://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/07/PD12_265_45212.html;jsessionid=1E183CADEF4AE47C9E52C80ED5E741E8.cae1

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2516

31. Juli 2012 - 19:25 Uhr

Die Crux an der Geschichte lässt sich sehr schön anhand der amtlichen Kennzahl des "Arbeitsvolumen" erklären:

http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsvolumen

Es gibt in Summe also immer weniger Arbeit in Deutschland, bestenfalls ist diese Summe konstant. Seit 1960 liegt dieser Wert fast konsant um die 57 Mrd. Arbeitsstunden. In den Zeitungen lesen wir aber andauernd Jubelmeldungen darüber, dass in Deutschland immer neue "Beschäftigungsrekorde" aufgestellt werden. Die Anzahl der sozialpflichtigen Beschäftigungsverhältnisse steigt, auf gut Deutsch immer mehr Leute haben "Arbeit". Dies bedeutet aber auch, da in Summe ja nicht mehr Arbeit vorhanden ist, dass der gesamtdeutsche "Kuchen an zur Verfügung stehender Arbeitszeit" auf immer mehr Köpfe aufgeteilt werden muss. Statistisch betrachtet entfallen somit pro Arbeitnehmer immer weniger Arbeitsstunden, weniger Arbeitsstunden bedeuten im Endeffekt auch weniger Lohn oder Gehalt.

Die Politik und auch die Presse (für diese Zeitung seien hier insb. die Herren Bürckholdt und Walker genannt) wollen uns nun diese Entwicklung als positiv verkaufen, obwohl sie eigentlich eine negative Entwicklung darstellt. Der bundesdeutsche Durchschnittsbürger hat am Monatsende nämlich immer weniger in der Tasche.

Dieser Effekt wird dadurch noch verschärft, dass der Anteil der Spitzenverdiener überproportinal steigt. Das bedeutet statistisch betrachtet im Umkehrschluss, dass das Mehr des Spitzenverdieners dadurch kompensiert werden muss, dass mehrere Normalverdiener zu Niedriglöhner "degradiert" werden müssen. Das untere und mittlere Einkommensdrittel ist von dieser negativen Entwicklung am Arbeitsmarkt also besonders stark betroffen.

Vollbeschäftigung in Deutschland kann (nach aktuellen Maßstäben) übrigens nie ein politisches Ziel sein, das ist reine (Regierungs-)Propaganda. Ich zitiere dazu aus dem og. Wikipedia-Artikel:

"Gegenwärtig würden 31,8 Mio. Erwerbstätige in Vollzeit (40 Stunden /Woche) zur Bewältigung des Arbeitsvolumens ausreichen, so dass ca. 13 Mio. Menschen von offener Arbeitslosigkeit betroffen wären."

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2516

31. Juli 2012 - 20:51 Uhr

Richtig, Hr. Lauck.

Eine weitere (Propaganda-)Botschaft unserer Regierung ist ja, dass es uns heute viel besser geht als früher. Die Frage ist jetzt, wie sich dieses "besser" genau messen lässt? Ein üblicher Maßstab dafür ist z. B. die Kaufkraft. Und siehe da, uns geht es heute genau so gut wie vor 20 Jahren:

http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/westdeutschland-kaufkraft-seit-20-jahren-unveraendert/6916796.html

Diese ganzen sog. "Reformen", wie z.B. die sagenumwobene Agenda 2010, hat uns qualitativ also keine Verbesserung gebracht. Aus dem Munde von Fr. Merkel klingt das aber natürlich alles ganz anders. Den einzigen, den es heute nachweislich besser geht als früher, sind die Bezieher von leistungslosen Einkommen, dank massiver Steuererleichterungen. Es sei an dieser Stelle z.B. die Abgeltungssteuer genannt. Die Leittragenden sind auch hier die unteren und mittleren Einkommensschichten.

Verstoß gegen Netiquette melden



Weitere Artikel: Wirtschaft

  • IWF-Chefin entgeht vorerst formellen Ermittlungen

    Zwei Tage vor Gericht befragt: Christine Lagarde ist in der Affäre aus ihrer Zeit als Finanzministerin Frankreichs vorerst einem formellen Verfahren entgangen. In der Affäre geht es um staatliche Entschädigungen. Mehr

  • Preisgestaltung mit dem Hirnscanner

    Bei der Suche nach dem richtigen Preis ihrer Produkte greifen Unternehmen auf neurowissenschaftliche Techniken wie Hirnscans zurück. Ein Interview mit dem Hirnforscher und Psychologen Kai-Markus Müller. Mehr

  • Kaum Geld fürs alte Handy

    Der Verkauf gebrauchter Waren an Händler im Internet ist kinderleicht – aber man erhält vergleichsweise wenig dafür. Mehr