Deutsch-deutscher Wotan

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 12. Januar 2019

Klassik

Zum Tod des Heldenbaritons Theo Adam.

Stimme ist Farbe. Je ausdrucksstärker, je charakteristischer diese, desto mehr wird sie sich ins Gedächtnis "hineinsingen". Dem noch jungen Opernfan ging es so, als er 1974 erstmals auf Carlos Kleibers legendärer Plattenaufnahme des "Freischütz" den Kaspar erlebte. Den von Theo Adam. Fortan war es "sein" Kaspar: Jenes "Schweig, schweig" – konnte man es dämonischer, düsterer singen? Besonders das leicht nasale Timbre im tiefen Resonanzraum berührte: Diese Stimme hatte ihre ganz charakteristische Farbe.

Am vergangenen Donnerstag ist sie verstummt – Theo Adam starb, 92-jährig, in einem Pflegeheim seiner Heimatstadt Dresden. Und mit ihm ein Stück deutsch-deutscher Operngeschichte, denn der Heldenbariton gehörte zu jenen Künstlern, die ihre Heimat bis zur Wende nicht verließen. Er musste es auch nicht. Schon 1952 trat er als junger, seinen 26. Geburtstag gerade vollendender Sänger erstmals bei den Bayreuther Festspielen auf. Sein Wotan und sein Hans Sachs sind ein Stück Geschichte Neu-Bayreuths. Den Vorwurf, seine Karriere sei begünstigt worden durch ein Vakuum in seinem Stimmfach, etwa durch das frühe Karriereende George Londons – man kann ihn zuweilen in der Fachliteratur lesen. Er ist ungerecht. Denn auch wenn Adams Stimme vielleicht nicht das ganz große Volumen hatte und in der Höhe leicht flach wurde – sie besaß höchste Vitalität. Hinzukam, dass Adam ein großer Singdarsteller war, der mit seiner kräftigen Erscheinung auf der Bühne auch mythischen Figuren wie Wagners Gott Wotan Leben einzuhauchen verstand. Adam war zusammen mit Peter Schreier der Vorzeige-Opernstar der DDR, hochdekoriert und mit den entsprechenden Privilegien wie Reisefreiheit ausgestattet. Seine Karriere führte ihn an die renommierten Opernpilgerstätten der Welt – von Salzburg bis New York. Als 1985 die Semper-Oper seiner Heimatstadt wiedereröffnet wurde, stand er auf der Bühne. Im "Freischütz" – allerdings nicht mehr als Kaspar, sondern als weiser – alter – Eremit. Auch das italienische Fach hatte er sich erobert, und natürlich war auch der Opernkosmos eines Richard Strauss der seine. Mit drei modernen Partien schrieb er Operngeschichte: als Paul Dessaus "Einstein", als Friedrich Cerhas "Baal" und als Luciano Berios "Un Re in ascolto": ein König des Opernbetriebs, der auch lauschen konnte. Fürwahr, das war Theo Adam.