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28. Dezember 2009

Blind in die Selbstständigkeit

Der Hamburger Unternehmensberater Saliya Kahawatte hat seine erstaunliche Lebensgeschichte aufgeschrieben / Jeannette Villachica

  1. Saliya Kahawatte: Fast gänzlich erblindet, aber beruflich erfolgreich. Foto: eichborn

  2. Einige Farben, hell und dunkel und ungefähre Umrisse: Viel mehr als auf diesem Bild kann der Unternehmensberater Saliya Kahawatte auch tagsüber nicht erkennen. Foto: dpa

Die Tür zu Saliya Kahawattes Büro steht an diesem sonnigen Samstag offen. Der Hamburger Unternehmensberater, Coach und Trainer hat viel zu tun, meist arbeitet er auch am Wochenende. Im rosa T-Shirt mit Aufdruck, in Jeans und Turnschuhen redet er schnell und bestimmt, aber in freundschaftlichem Ton auf eine Mitarbeiterin ein. Zum Erscheinen seiner Autobiografie soll seine Website aktualisiert werden. Die schlichten Räume und der lockere Umgangston lassen ahnen, dass dies keine normale Unternehmensberatung ist. Und es wird schnell klar, dass Kahawattes Firma Minus-Visus allein über seine Persönlichkeit funktioniert.

Wer Saliya Kahawattes Geschichte kennt, vergisst dennoch leicht, dass der 39-Jährige mit dem kraftvollen Gang und dem festen Blick nur noch fünf Prozent seines Sehvermögens hat. Er fixiert sein Gegenüber und bewegt sich in vertrauter Umgebung, als ob er alles sehen könnte. "Wasser oder Bionade?", fragt er seinen Gast und schenkt ein ohne zu verschütten. Bevor der Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen sich 2006 selbstständig machte, hatte er sich vierzehn Jahre lang in Fünf-Sterne-Hotels vom Azubi zum Operations Manager hochgearbeitet. Damals wusste im beruflichen Umfeld kaum jemand, dass er fast blind war. Auch wenn er noch etwas mehr sehen konnte als heute – ohne eiserne Disziplin, permanentes Tricksen und Lügen und die Hilfe einiger weniger Eingeweihter hätte er den Alltag nicht bewältigt.

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Warum er nicht offen mit seiner Behinderung umging? "Immer wenn ich das getan habe, hieß es: "Das kannst du nicht. Sei realistisch, hör auf zu träumen. Meine Seine Mutter meinte, ich sei ein Dickschädel. Wenn ich meinen Augenfehler nicht verheimlicht hätte, hätte ich niemals die Chancen bekommen, die ich so hatte", erklärt er, immer noch Wut und leises Bedauern in der Stimme. "Menschen mit meinem Behinderungsprofil haben kaum Zugang zum ersten Arbeitsmarkt."

Die Krankheit trat auf, als er fünfzehn war. Während eines Referats verschwammen seine Aufzeichnungen plötzlich vor seinen Augen. "Die Diagnose war ein richtiger Tritt ins Gesicht: Netzhautablösung mit progressiver Minderung der Sehkraft bis hin zur Erblindung." Achtzig Prozent seines Augenlichts waren auf einen Schlag weg. "Eigentlich wollte ich Mediziner werden", sagt der gebürtige Freiberger, der als Kind mit Mutter und Schwester aus der DDR floh. Der Traum war also gestorben. Heute erkennt er noch einige Farben, hell und dunkel und ungefähre Umrisse. Wenn die Krankheit wie bisher voranschreitet, ist er in einigen Jahren blind.

Für andere wäre dies ein Grund zu verzweifeln. "Aber ich bin nun mal ein schlechter Verlierer", sagt Kahawatte, der extrem optimistisch, gut gelaunt und energiegeladen wirkt. Sein Ehrgeiz erwachte, als ihm Behindertenberater und Behördenvertreter, von denen keiner selbst behindert war, sagten, er könne nicht weiter unter Normalsehenden lernen. "Wenn ich auf sie gehört hätte, wäre ich in einer Behindertenwerkstatt gelandet oder zumindest in einem Beruf, der mir keinen Spaß macht."

Seiner Erfahrung nach halten die meisten Leute Dinge, die sie nicht kennen, für unmöglich und beschränken sich und andere dadurch. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das ist für Saliya Kahawatte vielleicht das Wichtigste überhaupt. Er weiß, dass nur wenige Menschen mit seinem Behinderungsgrad so autonom leben können. Unter anderem kann nicht jeder das Pensum bewältigen, das Kahawatte sich auferlegt hat. Schon als Teenager, später dann im Hannoveraner Hotel und in seinem eigenen Restaurant, das er ein paar Jahre nebenbei betrieb, schuftete er wie besessen.

"Natürlich hatte ich überall, wo ich gearbeitet habe, immer ein, zwei Verbündete", sagt Saliya Kahawatte. "Ohne sie wäre es nicht gegangen." Zum Beispiel ohne den Mit-Azubi, der während der praktischen Prüfung unauffällig hilft, beim Eindecken das Besteck richtig auszurichten. "Dadurch habe ich Teamarbeit gelernt", sagt Kahawatte. Er wollte zeigen, dass er es beruflich schafft, vielleicht vor allem seinem Vater, der ihn bei Ausbruch der Krankheit "fallen ließ wie eine heiße Kartoffel".

Über seinen Vater, das, was dieser ihm noch zusätzlich aufgebürdet hat, und über vieles mehr schreibt Saliya Kahawatte in seiner Autobiografie "Mein Blind Date mit dem Leben". So temperamentvoll wie er spricht, erzählt er darin von großen und kleinen Erfolgen genauso wie von Zweifeln und "psychischen Schräglagen", von einem Leben zwischen Deutschland und Sri Lanka, der Welt der Sehenden und seiner Parallelwelt.

Als er nach dem Abitur keine Lehrstelle als Hotelfachmann bekam, verheimlichte er seine Sehschwäche. Von da an basierte sein Leben auf einer großen Lüge. "Beinahe blind bahnte ich mir mühselig den Weg durch den Alltag. Oft suchte ich fragend nach dem Lebenssinn", sagt er heute. Gefunden hat er ihn erst später. Damals lagen – aus Angst im Hotel aufzufliegen– seine Nerven permanent blank. Entspannung suchte er im Alkohol, in Drogen und Medikamenten.

Mit dreiunddreißig wurde der Druck zu groß, er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Später studierte der praktizierende Buddhist Hotelbetriebswirtschaft und bekämpfte die Widerstände diesmal offen. Nach dem Abschluss mit 1,9 bekam er wieder keine Stelle, beantragte Hartz-IV, begann mit seiner Autobiografie und machte sich 2006 selbstständig. Aus heutiger Sicht das Beste, was er tun konnte. "Ein weniger herausfordernder Job –das hätte einfach nicht zu mir gepasst", sagt
Saliya Kahawatte. Er fand seinen Weg, indem er sich spezialisiert hat. "Ich weiß, dass meine Stärken in den weichen Faktoren liegen", sagt der Betriebswirt. "Ich kann gut mit Menschen arbeiten, coachen, Potenziale erkennen und zusammenfügen."

Jetzt arbeitet er nicht mehr gegen, sondern mit seiner Sehschwäche. Die Kunden seines Consultingunternehmens "Minus-Visus" kommen zu ihm, weil er kein Problem damit hat, eigene Niederlagen einzugestehen. An seiner Persönlichkeit und Lebensgeschichte sehen sie, dass es durchaus möglich ist, eine Krise für eine positive Kehrtwende zu nutzen. Und sie vertrauen sich ihm an, weil er ihre Person und ihr Anliegen mit anderen Sinnen erfasst, einmal Gehörtes abgespeichert und früh gelernt hat, Probleme strategisch und rational zu betrachten.

Um seinen anstrengenden Alltag zu bewältigen , hat sich Saliya Kahawatte in den letzten Jahren einen strikten Tagesablauf auferlegt: Täglich Fitness, ayurvedische Ernährung und Meditations- und Entspannungsphasen morgens und abends. Montags bis freitags weicht der nur in wenigen Ausnahmefällen davon ab. Am Wochenende ist er flexibler. Gleich möchte er noch mit einem Freund spazieren gehen. "Hamburg soll ja eine schöne Stadt sein, habe ich gehört", sagt er und lacht mal wieder sein mitreißendes Lachen.

– Saliya Kahawatte, "Mein Blind Date mit dem Leben" , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 206 Seiten, 17,95 Euro.

Autor: Jeannette Villachica