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23. September 2016

Reportage

Der Engel von Dachau – Pater Engelmar Unzeitig wird seliggesprochen

Pater Engelmar Unzeitig wird am 24. September in Würzburg seliggesprochen / Im KZ pflegte er Flecktyphuskranke und nahm eine Ansteckung in Kauf.

  1. Der junge Pater Engelmar Unzeitig Foto: Archiv Mariannhill Reimlingen/dpa

  2. Das Tor des ehemaligen KZ Dachau Foto: Peter Kneffel

  3. Foto: bz

Heute sind nur noch die nachgebauten Fundamente der einstigen Baracken mit ihren jeweiligen Nummern zu sehen. Das Areal, wo die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau wohnen mussten, gleicht jetzt einer großen grauen Wüste aus Kieselschotter. Ziemlich weit hinten auf der linken Seite standen die Baracken 26, 28 und 30. Es war der "Priesterblock", wie die SS-Wächter die Behausungen bezeichneten. Auf der anderen Seite der Lagerstraße, vielleicht 50 Meter entfernt, waren die Nummern 19 und 21 – die Krankenstation.

Ende 1944 bis März 1945 grassierte in Dachau eine Fleckfieberepidemie. Andrea Riedle, wissenschaftliche Leiterin der heutigen KZ-Gedenkstätte, listet die Zahlen auf: "Im Oktober 1944 gab es 403 Fleckfiebertote, im November schon 907." Einen Monat später waren es doppelt so viele, von Januar bis März 1945 lag die Zahl der Todesfälle bei 2903, 3991 und 3534. Die Krankheit, auch als Flecktyphus bezeichnet, wird unter schlechten hygienischen Bedingungen von Läusen, Milben und Flöhen übertragen. Infizierte bekommen hohes Fieber, das Bewusstsein wird trüb, auf der Haut breitet sich ein Ausschlag mit roten Flecken aus. Kurz vor dem Zusammenbruch der NS-Diktatur endete eine Fleckfieberinfektion im KZ Dachau in aller Regel mit dem Tod.

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Das wusste auch Engelmar Unzeitig. Der inhaftierte Geistliche, der dem Orden der Mariannhiller Missionare angehörte, lebte im Priesterblock. In den letzten Monaten bis zur Befreiung des Konzentrationslagers pflegte er freiwillig die Erkrankten in den Typhus-Baracken, wie diese genannt wurden. "Es waren unvorstellbar grausame Zustände", sagt Andrea Riedle. In dreistöckigen Betten waren die Kranken zusammengepfercht. Ihre Exkremente verteilten sich in den Zimmern, sie waren zu schwach, um aufzustehen. Die KZ-Baracken mit 100 Meter Länge und zehn Meter Breite waren eigentlich als Pferdeställe konzipiert worden.

Engelmar Unzeitig wird als "Engel von Dachau" bezeichnet. Über sich und seinen Werdegang schrieb er: "Ich fühlte mich gedrängt, in Christi Dienst zu treten zur Rettung der Menschenseelen." An diesem Samstag wird er in Würzburg im Kiliansdom seliggesprochen. Papst Franziskus hatte ihn bereits im Januar dieses Jahres zum Märtyrer erklärt.

Am 1. März 1911 wurde der Geistliche als Hubertus Unzeitig im sudetendeutschen Greifendorf geboren. Das Sudetenland gehörte damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 ging es an die Tschechoslowakei, heute ist es ein Teil Tschechiens. Der Vater starb früh im Ersten Weltkrieg – an Flecktyphus. Die Mutter musste Hubertus und seine fünf Schwestern auf dem kleinen Bauernhof durchbringen. Dort arbeitete er viel mit. Bei einem tschechischen Bauern war er Knecht.

Doch er wollte Priester werden – und vor allem Missionar. Sein Ziel sei es, so schrieb er, sein Leben "der Bekehrung der Heiden zu widmen". Unzeitig setzte sich gegen die Mutter durch, die ihn am Hof halten wollte. Als Spätberufener bei den Mariannhiller Missionaren attestierte ihm sein Seminarleiter 1928, er sei "etwas ängstlich". In Würzburg studierte er Theologie. Dort hat der Orden bis heute einen wichtigen Stützpunkt: das Pius-Seminar. Im August 1939 wurde er zum Priester geweiht, nur drei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wegen der politischen Lage konnte Unzeitig nicht Missionar in Afrika werden, der Orden schickte ihn in ein Missionszentrum bei Linz.

Auf Fotos wirkt Unzeitig wie ein sehr ernster junger Mann. Er trägt eine runde Brille, den Priestertalar, das Haar ist streng gescheitelt. In Österreich stellte er sich gegen den Antisemitismus der Nazis – als Prediger auf der Kanzel und als Religionslehrer. Wegen "tückischer Äußerungen und Verteidigung der Juden" wurde er am 21. April 1941 von der Gestapo verhaftet. Am 3. Juni kam er in Dachau an. Für die KZ-Tyrannen war er nur noch Nummer 26147. Da war Unzeitig 30 Jahre alt. Es begann seine größte Mission.

Neue Gefangene wurden in Dachau von den sogenannten Blockältesten in Empfang genommen. Andreas Rohring, ein heutiger Mönch des Mariannhill-Ordens, zitiert die Begrüßungsworte eines Blockältesten so: "Das Leben ist ein Dreck, die Strafen sind barbarisch. Wer Brot stiehlt, wird erschlagen. Setzt euch ja keine Flausen ins Hirn, als ob ihr bald wieder entlassen würdet. Der normale Weg in die Freiheit geht durch den Kamin." SS-Hauptscharführer Franz Xaver Trenkle, Vizekommandant von Dachau, sagte: "Der Einzige, der hier lacht, ist der Teufel. Und der Teufel – der bin ich."

Die Gedenkstätten-Mitarbeiterin Andrea Riedle beschreibt die Stationen von Engelmar Unzeitig: "Priester wie er waren für die Essensausgabe zuständig. Sie mussten die bis zu 75 Kilo schweren Essenskübel schleppen." Viele von ihnen waren so geschwächt, dass sie selbst kaum mehr als 50 Kilogramm wogen. Die Autoren Adalbert Balling und Reinhard Abeln schildern in einem Buch über Unzeitig detailliert die Zustände in Dachau und im "Priesterblock".
Unzeitig teilte sein Essen mit anderen Gefangenen
Im April 1942 kam der Geistliche in den Arbeitsdienst auf die Plantage, in das Gewächshaus Nr. 6. "Das war ein ganz hartes Arbeitskommando", sagt Andrea Riedle. Bei jedem Wetter mussten die Gefangenen Erde schleppen, Pflanzen züchten, die Ernte einfahren. Es ging um ein "Prestigeprojekt von Heinrich Himmler", so Riedle. Dieser wollte, dass Deutschland Gewürze selbst herstellt, um auf diesem Gebiet autark zu sein. So war auch geplant, einen "deutschen Pfeffer" zu entwickeln. Ein Jahr später arbeitete Unzeitig bei der Besoldungsstelle der Waffen-SS. Von dort konnte man Briefe aus dem KZ schmuggeln. Dann musste er in den "Messerschmidt-Baracken" schuften. Dort wurden Rüstungsgüter produziert.

Engelmar Unzeitig wird als aufopferungsvoller, hilfsbereiter und gläubiger Mensch beschrieben. Er gab vor allem den russischen Gefangenen, denen es noch weit schlechter ging als ihm, seine kargen Essensrationen ab. Mit seinem Glauben versuchte er, anderen Hoffnung zu geben. In der Baracke 26 durften die geistlichen Häftlinge eine kleine Kapelle einrichten. Täglich feierten sie dort Gottesdienste. Unzeitig lernte Russisch, um sich mit den Gefangenen besser unterhalten zu können. Er erstellte einen Katechismus – ein Buch über die Grundfragen des christlichen Glaubens – auf Russisch. Wäre das aufgeflogen, wäre er vermutlich ermordet worden. Sterbenden spendete er die Sakramente.

Aus Unzeitigs Briefen geht hervor, dass das Leben im KZ ihm den Glauben nicht zu nehmen vermochte. Dieser wurde sogar noch stärker. Er gab ihm Halt, bewahrte ihn vor Verzweiflung. Nicht Afrika, sondern Dachau wurde seine Mission. Immer wieder schreibt er von seinen Gebeten, von Gottvertrauen, von der wunderbaren Weisheit Gottes, von der Stärkung durch Gott. In Dachau gab es insgesamt 200 000 Häftlinge, 42000 von ihnen sind dort gestorben. Von den 2700 internierten Geistlichen kamen rund 1000 ums Leben.

Als der Flecktyphus Anfang 1945 am schlimmsten grassierte und die SS-Wächter sowie das KZ-Pflegepersonal längst nicht mehr die Krankenbaracken betreten wollten, wurden die Priester angefragt. Mit 19 anderen meldete sich Pater Unzeitig, um die Todkranken zu pflegen. Ihm muss klar gewesen sein, dass auch er sich infizieren könnte und die Krankheit nicht überleben würde. So kam es. Am 2. März 1945 starb Engelmar Unzeitig – einen Tag nach seinem 34. Geburtstag und knapp zwei Monate vor der Befreiung von Dachau durch die US-Armee am 29. April 1945. Von den 20 Priestern starben 18.

Unzeitigs Leichnam wurde gesondert verbrannt, seine Urne konnte aus dem KZ geschmuggelt und nach Würzburg zu den Mariannhiller Missionaren gebracht werden. Bei ihnen liegt sie in der Herz-Jesu-Kirche des Ordens.

Erklär's mir: Wie wird man selig?

In allen Religionen gibt es Menschen, die besonders verehrt werden. Weil sie zum Beispiel herausragende Taten vollbracht oder vielen Menschen geholfen haben. In der katholischen Kirche gibt es eine besondere Form, um solche Menschen zu verehren – die Seligsprechung. Damit ein Verstorbener seliggesprochen werden kann, muss er bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Er muss entweder ein Martyrium erduldet oder auf heldenhafte Art etwas Tugendhaftes geleistet haben. Märtyrer sind Menschen, die für ihren Glauben leiden mussten oder dafür sogar getötet wurden. Wer kein Märtyrer ist, muss für eine Seligsprechung auch ein Wunder vollbracht haben. Das ist ein Ereignis, das mit menschlicher Vernunft oder den Naturgesetzen nicht erklärt werden kann. Ob jemand seliggesprochen werden kann, entscheidet nach einem Prüfungsverfahren der Papst. Im Unterschied zur Heiligsprechung darf der Seliggesprochene nur durch die Ortskirche verehrt werden.  

Autor: kai

HINTERGRUND: Info

Die Missionare von Mariannhill

Ihren Ursprung hat die Gemeinschaft, der Engelmar Unzeitig, der Wohltäter von Dachau angehörte, im Trappistenkloster, das von Prior Franz Pfanner 1882 in Südafrika gegründet wurde. 1885 war Prior Franz der erste Abt von Mariannhill. Die Spannungen zwischen den Idealen des kontemplativen Mönchtums und der praktischen Mission führten 1909 zur Trennung vom Trappistenorden. Damit war der Weg frei für die Umwandlung in eine unabhängige missionarische Gemeinschaft: die Kongregation der Missionare von Mariannhill (CMM). Der Prozess dauerte bis 1936. Mariannhill in Südafrika ist bis heute das Zentrum und die Heimat der Kongregation. Und Abt Franz gilt als Leitperson. In Deutschland gibt es sieben Gemeinschaften, darunter in Würzburg, Köln, Bad Wörrishofen und Reimlingen.

"Wir sind Ordensleute, die in Gemeinschaft leben, gemäß den Evangelischen Räten. Wir folgen dem Beispiel Christi und unseres geistigen Vaters und gehen in Freundschaft, Liebe und Freude zu den Menschen, zu denen wir gesandt sind", heißt es in der Selbstdarstellung.
Franz Pfanners Leitspruch stammt aus den Tagen, als er den Ruf bekam, nach Afrika zu gehen. "Wenn niemand geht, gehe ich." Die Missionare sehen darin bis heute einen Auftrag. Und für Franz war die Idee nicht geografisch gedacht. "Unser Missionsgebiet ist ein Teil vom Reich Christi, und das hat keine Grenzen." Sein Beispiel ist die völlige Selbsthingabe – was auch immer sie erfordert.
Am 2. Februar findet jährlich das Hauptfest der Kongregation statt. An diesem Tag weihte Abt Franz seine Gründung (Mary-Anne-Hill) Maria und ihrer Mutter Anna. Davon ist der Name die Missionare von Mariannhill abgeleitet.  

Autor: fs

Autor: Patrick Guyton