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12. Juli 2010
Der Preis des Wegsehens
Wer in Zossen die Bösen sind, ist klar: die Neonazis. Aber wer sind die Guten? Ein Besuch in einer Kleinstadt, die sich im Kampf für das Richtige verliert.
Irgendwann hat Jörg Wanke gemerkt, dass die Neonazis sein Leben verändert haben. Es war nicht der Morgen, an dem er die Todesdrohung an der Hauswand entdeckte: "Jörg Wanke stirbt bald. Zossen bleibt braun." Es war auch nicht die Nacht im Januar, in der das Feuer in Zossen das "Haus der Demokratie" von Zossen zerstörte. Es fraß die nagelneue Ausstellung über jüdisches Leben in der Stadt, es fraß das Laminat, das sie verlegen wollten, es fraß den letzten Rest von Sorglosigkeit. Da hatte sich das Leben längst verändert. Gerade hatte Wanke das Haus eröffnet, zusammen mit anderen Bürgern seiner Stadt – normale Leute, die seine Nachbarn waren, Leute, die ein bisschen Stadtpolitik machten, die einander kaum kannten. Was das Feuer nicht fressen konnte, war ihre Entschlossenheit. Die ist geblieben. Jetzt, ein halbes Jahr, später steht Wanke in einem ausgebeinten Altbau im Ortszentrum und schmiedet Umbaupläne für das neue Haus der Demokratie.
Michaela Schreiber ist Bürgermeisterin in Zossen. Wer einer Stadt vorsteht, in der Neonazis brandschatzen und mit Mord drohen, der kann eigentlich froh sein über eine Bürgerinitiative mit 60 Leuten, die nicht zurückweichen. Aber Michaela Schreiber fällt es schwer, ein gutes Wort über diese Leute zu finden. Sie muss sich erst einmal eine Weile überlegen, ob sie überhaupt über Rechtsextremismus in Zossen sprechen möchte. Sie hat schlechte Erfahrungen gemacht. "Von mir gibt es doch ein festes Bild. Ich bin die Bürgermeisterin, die nichts gegen die Nazis tut." Sie spricht dann doch, und man hört schöne Sätze über den Wert einer engagierten Zivilgesellschaft. Aber zwischendrin kommt dann auch ein Satz, der so klingt: "Zossen ist zu einer Bühne gemacht worden." Das, sagt Schreiber, schade ihrer Stadt. Ob die Neonazis ihr schaden, das sagt sie nicht.
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eigene Stadt beleben."
Jörg Wanke, Zossener Bürger
Die Berühmten haben zu einem Benefizabend geladen, extra für die kleine Stadt südlich von Berlin, über die Staeck sagt, er habe sie "vorher" nicht gekannt. Seit Januar aber kennt man Zossen – als Ort, in dem Neonazis ein Haus anzünden, das ihnen nicht passt. Als Ort, "der zeigt, wohin es treiben kann, wenn rechtsextreme Entwicklungen ignoriert oder negiert werden" – so sagt es Uwe-Karsten Heye, der mit seiner Initiative "Gesicht Zeigen" seit dem Jahr 2000 viele Orte kennengelernt hat, in denen einem Angst werden kann. Der Generalstaatsanwalt von Brandenburg, Erardo Rautenberg, bilanziert: "Zossen ist ein Symbol geworden."
Darauf zumindest können sich alle in dieser Geschichte einigen. Aber wofür? Stimmt das denn, dass hier etwas negiert wird? Wem geht es hier um welche Ziele? Und welche Rolle spielen die Medien? Jörg Wanke erzählt an diesem Abend die Geschichte seiner Stadt auch als Geschichte der eigenen Politisierung: "Früher", sagt er, "da war die Hauptversammlung der Sportvereins mein gesellschaftspolitischer Höhepunkt des Jahres." Und dann erzählt er von jenem Tag im Winter 2008, als eine Initiative vier Stolpersteine zum Gedenken an ermordete Zossener Juden verlegt hat – vor einem ehemaligen jüdischen Kaufhaus am Marktplatz. Neonazis hatten die Zeremonie gestört, es kam zu Handgreiflichkeiten. Die Provokation war gelungen. Wenig später, zum Holocaust-Gedenktag versammelten sich 150 Zossener an den Steinen. Gegenüber die Neonazis. "Lüge" schrien sie, sangen das Horst-Wessel-Lied. Die Polizei tat nichts. Das war der Moment, in dem Wanke dachte: "Die dürfen hier nicht als Sieger vom Platz gehen."
Die Initiative "Zossen zeigt Gesicht" gründet sich. Sie organisiert ein Familienfest, forscht über die Geschichte der Juden in ihrer Stadt, lädt Redner zu Vorträgen über Rechtsextremismus ein. Die Bürger machen, was sich Politiker wünschen: sie stellen sich friedlich auf ihre Straßen, leben demokratische Kultur. "Wir wollen unsere eigene Stadt beleben", sagt Wanke. Sie entwickeln die Idee für das Haus der Demokratie, einen Ort für Jugendprojekte, Erwachsenenbildung, Kultur.
Dies genau war der Zeitpunkt, an dem es zu einer Art Bruch kam – mit denen, die die politische Macht haben in der Gemeinde. Die Freie Wählervereinigung Plan B, deren Kandidatin die Bürgermeisterin ist, verließ die Bürgerinitiative, genau wie die CDU. Auch der Vertreter des Rathauses "wurde angewiesen, rauszugehen", wie Michaela Schreiber sagt. Wieso? Ein Haus der Demokratie, so Schreiber, das gebe es doch schon: das Rathaus. "Wir befinden uns in einer repräsentativen Demokratie. Das Volk hat uns gewählt, damit wir agieren."
Eine Stadt, die sich dran stört, wenn sich die Bürger engagieren? Jörg Wanke hat dazu seine eigene These: "In Zossen hat – wie an vielen Orten in Brandenburg – Zivilgesellschaft keine Tradition. Die Leute verstehen nicht, dass sich jemand einfach so engagiert, sie denken, es steckt ein eigenes Interesse dahinter." Die Bürgermeisterin ist genau davon überzeugt: "Das Thema Rechtsextremismus ist doch für die Bürgerinitiative nur ein Alibi. Die haben ganz andere politische Ziele", sagt Schreiber. "Jörg Wanke will hier nächstes Jahr Bürgermeister werden." Damit also sind die klimatischen Verhältnisse in Zossen klar: Man braucht die Rechten gar nicht, um die Atmosphäre zu vergiften. Unter diesen Bedingungen gedeihen sie aber hervorragend.
Schleichend eskaliert der Aktionismus: Sie schmieren und kleben Aufkleber, veranstalten Mahnwachen für die Opfer des Zweiten Weltkriegs, Solidaritätsaktionen für Horst Mahler, Demonstrationen, auch gegen das Haus der Demokratie. Sie fordern Zutritt. Irgendwann wird ein Fenster aufgebrochen, die Einrichtung mit einem Feuerlöscher verwüstet. Am 23. Januar 2010 brennt, praktisch unter den Augen der benachbarten Polizei und der Feuerwehr, das Haus. "Anfangs dachten wir, das ist ein technischer Defekt. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass die sich das trauen", sagt Wanke.
Was sich Neonazis hier trauen, das konnte man kürzlich im Imbiss am Bahnhof besichtigen, in dem zwei Rechtsextreme arbeiteten: Am Kühlschrank klebten wie Trophäen Fotos vom Hausbrand. Vergangene Woche hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Jugendliche erhoben – in seinem Geständnis sagt der eine, er habe den Rechten zum Sieg verhelfen wollen. Die Ermittler glauben an Mitläufer, die sich beweisen wollten – und versuchen, Beweise gegen Drahtzieher zu finden. Es wird gegen sechs weitere Personen ermittelt, darunter Führungsfiguren der Szene.
In der Stadt ist in der Zwischenzeit eine aberwitzige Schuldfrage aufgekommen: Führt der Widerstand der Bürgerinitiative mit dazu, dass die Stadt für Neonazis zum Anziehungspunkt wird? Hilft ein konkreter Feind der rechten Szene, wenn sie Profil zeigen will? Martina Schreiber neigt dieser These zu. Die Zahlen geben das her: Seit Gründung der Initiative stiegt die Zahl der rechten Straftaten. Aber ursächlich? "Die Bühne, die einen Anreiz schafft, hätte es doch sonst gar nicht gegeben." Es schade der Stadt, wenn Zossen als Schlachtfeld zwischen rechts und links gesehen werde. Links? Genau da verortet sie die Bürgerinitiative. Und die Nazis? "Wir haben hier vielleicht einen harten Kern von fünf Nazis, der Rest sind Mitläufer." Bei den Hardlinern mache sie sich keine Illusionen. Die anderen, Jugendliche, will sie unauffällig mit Jugendarbeit zurückgewinnen. Die Berichte über Zossen, glaubt sie, schaden nur. Medien suchten solche Orte geradezu – und folgten dann ihren Reflexen. "Sie schauen nicht genau hin. Wenn drei Nazis hier gegen den ,Volkstod Demokratie‘ demonstrieren und das Bild ins Internet stellen, dann fressen Medien das. "Dabei ist das eine Aktion Einzelner."
Nazis‘ ist gescheitert."
Erardo Rautenberg, Staatsanwalt
Gideon Botsch, Rechtsextremismusforscher am Potsdamer Moses-Mendelssohn-Institut, ist bei der Ursachenforschung zu einem anderen Schluss gekommen als Michaela Schreiber: Der politische Streit sei ein wichtiger Grund dafür, dass die Neonazis sich in Zossen ausbreiteten. "Die Stadt positioniert sich gegen die Bürgerinitiative. Die Anhänger des rechten Milieus registrieren, dass versäumt wird, Rechtsextremismus zurückzuweisen." Dieses Milieu sei "eins vom härtesten, was wir in der Region haben". Die Freien Kräfte seien gut vernetzt und könnten dynamisch agieren. "Wenn da an einer Hauswand steht: Du lebst nicht mehr lang – dann kann keiner sagen, dass das eine leere Drohung ist."
Jörg Wanke hat zwischenzeitlich überlegt, sich aus der Bürgerinitiative zurückzuziehen – damit sich die Bürgermeisterin nicht mehr an ihm als Person reiben kann. Er hat es verworfen. "Es geht ja auch um meine Stadt und mich." Nun versucht er, sich auf das neue Haus der Demokratie zu konzentrieren. Angst hat er nicht. Die Nazis haben sein Leben verändert, das schon. "Ich hab zum Beispiel gelernt, dass hier Leute leben, mit denen man was auf die Beine stellen kann". Und manchmal kommen Leute, die ihn bitten, die Stadt in Ruhe zu lassen. Dann denkt Wanke sich, dass Manche in Zossen etwas verwechseln.
Autor: Katja Bauer


