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08. Februar 2012

"Der will das einfach aussitzen"

Seit anderthalb Jahren trotzt Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland allen Rücktrittsforderungen. Am Sonntag fällt die Entscheidung über seine Abwahl.

  1. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland Foto: dpa

  2. Werbeplakat gegen Sauerland Foto: dapd

  3. Schemen an der Wand erinnern im Tunnel, in dem die Loveparade-Katastrophe geschah, an die Opfer. Foto: dpa (2)/dapd

"Dann isset so", sagt Adolf Sauerland im breiten Ruhrdialekt, verschränkt die Arme vor der Brust und lächelt verschmitzt. Er sitzt in der Kreisgeschäftsstelle der Duisburger CDU, es geht um seine mögliche Abwahl, er macht eine kurze Kunstpause und liefert dann die Pointe nach: "Aber ich tue alles, damit et nich so is." Wieder dieses Lächeln, das ein bisschen an Jürgen von der Lippe erinnert.

Adolf Sauerland, 56, ist Oberbürgermeister von Duisburg und will es bleiben. Auf Teufel komm raus. Er plaudert, macht Witzchen, ist offensichtlich guter Dinge, worüber man sich nur wundern kann. Denn am Sonntag, 12. Februar, entscheiden die 365 000 wahlberechtigten Duisburger, ob sie ihn behalten wollen oder nicht.

Grund für den Abwahlversuch ist Sauerlands erstaunliches Benehmen nach der Loveparade-Katastrophe im Sommer vor anderthalb Jahren, als 21 Menschen umgekommen waren. Sauerland, der den Millionenumzug persönlich nicht unbedingt mochte, wegen der positiven Publicity aber in seiner Stadt haben wollte, weigerte sich anschließend, die Verantwortung zu übernehmen. Er trat nicht zurück, er bat niemanden um Verzeihung, zeigte wenig Mitgefühl. Stattdessen nahm er sich einfach einen Medienberater und machte weiter. Seine verstörenden öffentlichen Auftritte, seine alles abwehrenden Sätze im Fernsehen, vor allem sein sonstiges Schweigen zum Unglück lösten Staunen und Entsetzen aus: Wieso geht der nicht? Was muss denn noch passieren? Wie kann ein Mensch so dickfellig sein?

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Jeden Donnerstag, Freitag und Samstag steht ein großes, weißes Zelt mitten in der Duisburger Innenstadt zwischen dem Büro der CDU und einer gewaltigen quietschbunten Brunnen-Vogelfigur, ein Werk der schrägen Künstlerin Niki de Saint Phalle. Am Zelt steht Gisela Dannehl, Rentnerin, lange Jahre bei der Stadt angestellt, und wirbt für die Abwahl Sauerlands. "Neuanfang für Duisburg" heißt die Bürgerinitiative, die den Abwahlversuch in Gang gesetzt und dafür mehr als 80 000 Unterschriften gesammelt hat. Zwölf Jahre hat Gisela Dannehl in der Stadtverwaltung gearbeitet. Sie ist eine nette ältere Dame, die in ihrer Freizeit Kindern vorliest. Sie hängt an ihrer Stadt, und ihr ist nicht egal, wie es weitergeht mit Duisburg. "Was nicht in Ordnung ist, ist nicht in Ordnung", sagt sie. "Der Oberbürgermeister lässt die Duisburger im Stich. So geht es nicht."

Gisela Dannehl wohnt direkt am Ort der Katastrophe in Duisburg-Mitte. Als am Nachmittag des 24. Juli 2010 bei Sommerhitze Hunderttausende die Karl-Lehr-Straße entlangzogen, konnte sie dem bunten, lärmenden Zug zusehen. Am späten Nachmittag hörte sie nur noch Sirenen. Sie schaltete den Fernseher ein. Die Loveparade war zur Katastrophe geworden. In den Unterführungen der Karl-Lehr-Straße stauten sich die Massen. Wer noch konnte, floh, hangelte sich über eine Treppe. "Mein Neffe war dabei", erzählt Gisela Dannehl.

Gruselige Szenen spielten sich ab: Menschen erstickten, wurden niedergetrampelt und zerquetscht – und ein paar Hundert Meter entfernt ging die Party weiter, weil man im Fetenlärm dort nichts mitbekam. Ein Fest war vollkommen außer Kontrolle geraten, Menschen starben, Menschen feierten. "Ich habe all diese verstörten jungen Leute gesehen", erzählt Frau Dannehl. "Ich höre noch, wie sie schreien: Wir wollten doch nur feiern!"

Das Unglück ist geschehen, eineinhalb Jahre liegt es zurück. Die Justiz versucht, das Puzzle der Katastrophe zusammenzufügen. Sie ermittelt gegen elf Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die mit der Genehmigung zu tun hatten – aber nicht gegen den Oberbürgermeister. Vor Anfang 2013, so die Staatsanwaltschaft, werde es mit Sicherheit keine Ergebnisse geben. Aber einiges wissen die Ermittler heute schon: Die Loveparade hätte niemals genehmigt werden dürfen. Dafür hat sich Sauerland vor einem Jahr sogar entschuldigt, eigene Fehler wollte er aber nicht sehen.

Es gab im Rathaus Mitarbeiter, die schwere Sicherheitsbedenken hatten, und Sauerland soll davon gewusst haben. Ein Jahr zuvor, als Duisburg darüber nachdachte, ob es die Loveparade haben wollte, waren Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr strikt gegen die Massenveranstaltung auf dem durch Bahngleise und Autobahn abgeschnürten Gelände des alten Güterbahnhofs. Duisburg habe keinen passenden Platz für derart viele Menschen, hieß es. Aber die Bedenken wurden nach und nach weggewischt. Am Ende waren im Stadtrat alle dafür.

Seit der Katastrophe geht ein Riss durch Duisburg, die einstige Stahl- und Arbeiterstadt. Auf der einen Seite Oberbürgermeister Sauerland, seine CDU und deren Anhänger, auf der anderen empörte Bürger und ein Abwahlbündnis, in dem sich SPD, Linke, Kirchenvertreter, Grüne, Gewerkschafter, Liberale zusammengetan haben. Mindestens 91 478 Duisburger, also ein Viertel aller Wahlberechtigten, müssen sich am 12. Februar gegen ihren Oberbürgermeister aussprechen, dann wäre Sauerland aus dem Amt gejagt – fast 20 000 mehr als bei seiner Wahl 2009.

Kurz nach der Katastrophe war Sauerland unerwünscht in der eigenen Stadt. Angeblich soll er sogar eine Morddrohung erhalten haben. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, Feiertermine fielen für ihn aus. Die Website der Stadt teilt seitdem nicht mehr mit, wo der Rathauschef auftritt. Wenn er irgendwo auftauchte, hagelte es Buhrufe und Pfiffe. An der großen Gedenkfeier im Fußballstadion im Jahr nach der Katastrophe nahm er nicht teil. Auch weil die Angehörigen der Toten ihn dort auf keinen Fall haben wollten. Nordrhein-westfälische Politprominenz machte einen weiten Bogen um ihn. Aber das ist lange vorbei. Die Stimmung hat sich ein wenig gedreht. Niemand kann heute sagen, ob die Abwahl gelingt. Viele Leute wollen nichts mehr von der Katastrophe hören.

Sauerland mischt wieder einigermaßen munter mit im Stadtleben. Kürzlich, erzählt Rentnerin Dannehl, sei der Oberbürgermeister bei einem Karnevalsverein gewesen und habe ihm einen unfallfreien Umzug gewünscht. "Diese Wortwahl hat wieder eine Menge Leute aufgeregt." An der Karl-Lehr-Straße hinter den Unterführungen ist ein kleiner Gedenkort entstanden. Natürlich aus dickem rostigen Stahl, von Thyssen-Lehrlingen gefertigt: eine mächtige Platte, davor 21 Stelen, die zur Seite kippen.

Jürgen Hagemann aus Duisburg-Rheinhausen hat mitentschieden, dass das Mahnmal dort so hinkommt. Er ist 48, arbeitet in einem Unternehmen für Industriedichtungen. Seit dem Sommer 2010 ist er Gründer und Vorsitzender eines Vereins für Traumaopfer. An jenem Tag war auch seine 16-jährige Tochter Virginia unter den Hunderttausenden. Sie war mit ihrer Freundin unterwegs, deren Eltern begleiteten sie. Irgendwann steckten alle in dem Menschenknäuel an der kleinen Treppe bei den Unterführungen fest. Virginia Hagemann fiel, geriet unter die Menge, erlitt schwere Quetschungen, verlor mehrfach das Bewusstsein.

Aber, erzählt ihr Vater, sie hatte noch Glück, wurde herausgezogen. Eine Woche Krankenhaus, danach Tage im Rollstuhl. "Sie hat sich halbwegs berappelt", sagt er. Dann sei das Trauma aufgetreten. "Das war viel schlimmer." Mehrere Wochen in stationärer Behandlung. "Ausgeheilt ist das bis heute nicht." Sein Verein vertritt 90 Opfer oder Angehörige von Toten. Man hat sich Gerhart Baum, den früheren FDP-Innenminister, als Anwalt genommen. Es geht um Schmerzensgeld, um Versicherungsleistungen, um Leute, die nicht mehr arbeiten können und Hilfe brauchen.

Als das kleine Denkmal an der Karl-Lehr-Straße eingeweiht wurde, war Oberbürgermeister Sauerland nicht erschienen. Er war auf einem anderen Termin. "Bis heute hat er kein Wort mit uns geredet," sagt Hagemann. "Kein Kontakt, nichts." Sein Opferverein hält sich aus dem Streit um die Abwahl heraus. "Das ist nicht unser Thema", sagt Hagemann. Aber seine "persönliche Meinung" will er nicht verschweigen: "Ich hoffe, dass er abgewählt wird. Er hat sich extrem schäbig verhalten und Duisburg im Stich gelassen."

Theo Steegmann, 55, ist in Duisburg bekannt wie ein bunter Hund. Eine Stahlarbeiter-Legende, gesunde Ansichten, kräftiger Mann, kräftige Stimme. Er wurde in den Achtzigern bekannt, als das Krupp-Werk in Rheinhausen geschlossen wurde und er den Protest dagegen mit auf die Beine stellte. Jetzt führt er den Protest gegen Sauerland an, rennt in der Innenstadt herum, verteilt Flugblätter. "Ganz schön mutig", sagt er über den Oberbürgermeister. "Wie der das einfach aussitzen will." Er kenne Sauerland schon lange. "Ein Fassbieranstecher" sei der Lehrer aus Duisburg-Wehofen. Ein Kommunalpolitiker alten Typs, der nach 56 Jahren SPD-Herrschaft und Verkrustung 2004 auf seinem Moped durch die Stadt fuhr, in allen Vereinen mit den Leuten in Bierchen trank, allen kumpelig auf die Schulter klopfte, lockere Sprüche drauf hatte und dann das kleine Wunder, die CDU-Herrschaft im Rathaus, schaffte. "Ich hatte nichts gegen den Mann", sagt Theo Steegmann. "Aber wie der sich seit der Loveparade benimmt, das geht einfach nicht.

Die Duisburger CDU steht treu zu ihrem Sauerland. Das Ganze sei mittlerweile eine Kampagne unter dem Dach der SPD, die das Rathaus zurückerobern wolle, heißt es. Die empörten Bürger spielten gar keine Rolle mehr. Vor einigen Wochen empfahl man den Duisburgern, an "der Farce" nicht teilzunehmen.

Ein Wahlkampf, der
nicht so heißen darf.

Inzwischen hat die Union ihren eigenen Wahlkampf organisiert, nennt ihn aber nicht so. "Es geht doch nicht mehr um die Loveparade. Die SPD hat sich über die Maßen eingeklinkt", schimpft CDU-Chef Thomas Mahlberg. Die SPD, der alte Feind. Eine Katastrophe wird in eine lokale Schlammschlacht verwandelt. Oberbürgermeister Sauerland sitzt neben ihm in der CDU-Kreisgeschäftsstelle und will eigentlich nichts dazu sagen. Er will sich nicht entschuldigen, allenfalls für sein "unglückliches Agieren" in den ersten Tagen nach der Katastrophe, als auch er schockiert und in den Grundfesten erschüttert war. So steht es in einem CDU-Flyer, der jetzt verteilt wird und die Erfolge der Sauerland-Jahre aufzählt: die neue Feuerwache, das neue Hallenbad, die neuen Kreisverkehre.

7000 Flyer gibt es mit der Überschrift: "100 % CDU. Unser schönes Duisburg". Wahlkampf soll das nicht sein, es sein nur "ein paar Hinweise" an die Duisburger. Sauerland ist ein Phänomen. Er kämpft verbissen und simuliert gleichzeitig Normalität und Alltag in einer Stadt, die noch lange nicht mit sich und ihrer Führung im Reinen ist. Im Rathaus heißt es hinter vorgehaltener Hand, Sauerland sei ein überforderter Trickser und lebe längst in einer Parallelwelt. Sehr gut möglich, dass er den Abwahlversuch übersteht. "Ich werde mit meiner Frau und den beiden älteren Söhnen abstimmen gehen", sagt Sauerland, lehnt sich zurück, faltet die Hände vorm Bäuchlein, legt eine kurze Pause ein und reicht dann lächelnd die kleine Pointe nach: "Und gehen Sie ruhig mal davon aus, dass es bei uns ein homogenes Ergebnis geben wird."

Autor: Bernhard Honnigfort