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25. März 2009

Die stillen Pflegekräfte

Die Mitarbeiter in den Pflegeberufen bleiben in der Debatte ums Gesundheitssystem sehr ruhig – dabei sind sie gefragter denn je

Es ist Superwahljahr. Während die Ärzteschaft dies nutzt und auf die Barrikaden geht, um ihren Ärger über die Honorarreform in alle Welt zu tragen, verhalten sich andere Gruppen im Gesundheitswesen mit ihren Interessen zurückhaltend. Die Mitarbeiter in den Pflegeberufen etwa. Seit 1995 wurden 50 000 Stellen allein in der Krankenhauspflege gestrichen. Die Arbeitsbelastung nimmt zu. Gleichzeitig organisieren im ganzen Land zum Beispiel Kliniken die Aufgaben zwischen Ärzten und Pflegepersonal neu.

All das sind eigentlich genug Gründe, Forderungen zu stellen. "Die 1,2 Millionen Pflegenden sind die Ruhigsten im Gesundheitssystem", sagte Peter Bechtel, Pflegedirektor des Herz-Zentrums in Bad Krozingen kürzlich auf einer Tagung des Freiburger Zentrums für Angewandte Pflegeforschung, Pflegeökonomik und -wirtschaftslehre. Das Motto des Treffens: "Pflege positioniert sich (neu)."

Pflegereform, Pflegegipfel, Pflegemissstand: Eigentlich ist Pflege doch ein Dauerthema. Einen derartigen politischen Aufwind für die Pflege habe es noch nie gegeben, bestätigte auch Bechtel. Und er ruft auf, dies zu nutzen: Wenn es den Pflegeberufen jetzt nicht gelinge, sich im Gesundheitswesen besser zu positionieren, dann werde der Zug bald abgefahren sein. Dabei warten auf die Pflegekräfte viele Chancen. In zahlreichen ländlichen Gebieten Deutschlands werden die Ärzte knapp. Gleichzeitig wird die Gesellschaft älter, die Zahl der chronisch kranken Menschen nimmt zu.

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Das ist eine neue medizinische Herausforderung. Das klassische Bild, dass Krankenschwestern nur Patienten waschen und Essen verteilen, gehört längst der Vergangenheit an. Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte sollen in Zukunft mehr Aufgaben im Gesundheitswesen übernehmen. Doch der Streit darüber, wie weit die Eigenständigkeit der Pflegekräfte gehen darf, ist längst entbrannt.

Andere Länder, mehr Möglichkeiten
In Ländern wie Großbritannien, den USA oder in Skandinavien dürfen Pflegekräfte längst deutlich mehr als in Deutschland. Doch mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz ändert sich auch in Deutschland viel. In Modellprojekten wird das Pflegepersonal nicht mehr nur unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt, sondern kann auch in bestimmten Bereichen eigenständig handeln. Das Ziel: Die Mediziner sollen entlastet werden, mehr Zeit haben für Gespräche, Untersuchungen und Therapie. Es wird diskutiert, Pflegern die Möglichkeit zu geben, Pflegehilfsmittel und Verbandsmittel zu verordnen und auch selbst zu entscheiden, wie die häusliche Krankenpflege gestaltet werden soll.

"Das ist für uns Ärzte eindeutig ein Paradigmenwechsel", sagte Ulrike Wahl, die Präsidentin der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung warnen vor einer "Substitution ärztlicher Leistungen": Solch eine Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten in den Verantwortungsbereich anderer Fachberufe lehnen sie klar ab.

Schon warnen manche Ärzte vor einer "Medizin light". Man gefährde die Sicherheit der Patienten, wenn man ursprüngliche ärztliche Tätigkeiten den Pflegern überlasse, heißt es immer wieder in der Ärzteschaft. Das Delegieren von Aufgaben sei in Ordnung, aber die Gesamtverantwortung der Ärzte müsse unteilbar bleiben – es geht letztlich auch um die Haftungsfrage. Doch auch Ulrike Wahl weiß, dass in manchen Regionen der Facharztmangel vieles möglich machen wird. Wahl: "Der Beton ist nicht ganz so fest, wie er aussieht."

Auf Seiten der Pflegeberufe wird gerne gewettert über die "reine Besitzstandswahrung auf Seiten der Ärzte". Doch Konfrontation ist nicht der richtige Weg, um in der Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Pflegekräften weiterzukommen. Ehrlichkeit könnte allerdings nicht schaden, hieß es bei der Tagung: "In Wahrheit geht es um die Themen Macht und Geld", sagte Peter Bechtel.

Die Pflegenden müssten sich entscheiden, ob sie bei der Neuausrichtung im Gesundheitswesen tatsächlich mehr Verantwortung übernehmen wollten – und somit auch mehr Macht und Geld fordern. Schon heute zeigt schließlich die tägliche Praxis, dass die Kooperation zwischen Arzt und Pfleger gut funktionieren kann.

Ratlosigkeit statt konkreter Schritte
Wie könnten die Pflegekräfte ihre Positionen und Wünsche mehr in die Öffentlichkeit tragen? Auf der Freiburger Tagung herrschte dazu vor allem Ratlosigkeit. Es fehle eine Galionsfigur, die Druck auf die anderen Akteure ausübe und "tagesschautauglich" sei. Oder eine Art Pflegekammer, die für alle spreche. Bisher gibt es für die Pflegeberufe eine Vielzahl von Verbänden. Nur wenige Pfleger engagierten sich politisch. Man müsse auch versuchen, die Patienten für die eigenen Anliegen zu gewinnen. Bechtel: "Der Pflege fehlt ein gesundes Selbstvertrauen, um ihre Wünsche zu artikulieren."

Autor: Michael Neubauer