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10. Februar 2012
Gerhard Mayer-Vorfelder
"Hallodri mit Goldkette und Spaß am Leben"
BUCH IN DER DISKUSSION: Kämpfer, Kicker, Konservativer: Gerhard Mayer-Vorfelder hat seine Erinnerungen aufgeschrieben.
Einmal Klassenbester, immer Klassenbester. Da versteht dieser Mann – sonst durchaus humorfähig – keinen Spaß. "Der frühere Einserjurist", so hatte ihn eine Journalistin porträtiert. Worauf MV, wie ihn alle nennen, sich nicht zu fein war, am Rednerpult im Landtag, schräg zur Pressetribüne gewandt, Rechtsbelehrungen zu erteilen. "Einserjurist, das war man nicht, das bleibt man."
Heute, in seinen Memoiren, behauptet er, er habe das Prädikat "nie nach außen getragen", es sei ihm eben von außen verpasst worden – typisch Mayer-Vorfelder. Mangel an Selbstbewusstsein ist das Letzte, das man ihm nachsagen kann. Falls doch Reste von Selbstzweifeln an ihm genagt haben sollten, hat er sie perfekt getarnt – mit der bekannten Art, seine Auftritte zu inszenieren: Raumgreifend sein Gang, feierlich sein Händeschütteln, der breite Schlipsknoten gelockert, die Haare für einen bürgerlichen Politiker eine Spur zu lang, das Lächeln verschwörerisch, manche finden auch: raubtierartig.
Nicht so zu sein wie die anderen, das – gibt er offen zu – war früh der Ehrgeiz dieses Karrierebeamten und christdemokratischen Landespolitikers. Nicht zuletzt deshalb hat er sich auch die andere Rolle noch zugelegt, mit der mancher seiner Kollegen fremdelte – die eines Fußballfunktionärs. Dem Landesminister gab sie den gewünschten Schuss proletarisch geprägten Raubein-Sports, der Clubpräsident wiederum profitierte von der politischen Seriosität eines Regierungsmitglieds. So war Mayer-Vorfelder mehr als dreißig Jahre lang Wanderer zwischen den Welten. Und das gern.
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Mayer-Vorfelder ist 1933 in Mannheim geboren, aufgewachsen in Waldshut, später studierte er Jura in Freiburg, ist mithin ein waschechter Badener und auch stolz darauf. Paradoxerweise wurde er dennoch von vielen, zumal in Südbaden, als Inkarnation Schwabens behandelt – Repräsentant der Zentralregierung in Stuttgart. Und wenn er mit seinem VfB Stuttgart im Freiburger Dreisamstadion gastierte, klang das Badenerlied der heimischen Fans noch eine Spur militanter als sonst, gefolgt von Sprechchören: "Mayer-Vorstopper raus!"
Wer ihn näher kennenlernte, spürte auch Harmoniebedürfnis und Verletzlichkeit. Das ließ sich MV aber ungern anmerken. "Viel Feind’, viel Ehr", hatte er offiziell lieber als Motto. "Man hat mir gerne das Etikett des rauflustigen Politikers angeheftet. Ich habe das immer eher als Auszeichnung betrachtet."
Vielsagend ist die Liste derer, die der bald 79-Jährige in seinem leicht konsumierbaren, nicht unbedingt tiefschürfenden oder stilverliebten Buch als Freunde und Gönner vorstellt: Neben Lehrmeister Filbinger, dessen persönlicher Referent Mayer-Vorfelder in den 1970er Jahren bis zum Sturz 1978 war, werden Strauß und Kohl erwähnt, Manfred Rommel und Günther Oettinger, aber auch Sozialdemokraten wie Gerhard Schröder und Dieter Spöri. Mit Letzterem verbindet den Schreiber seit der großen Koalition, als Spöri Wirtschafts- und er selbst Finanzminister war, eine veritable Männerfreundschaft, "obwohl er in der falschen Partei ist" – nicht zuletzt wegen Spöris glühender VfB-Leidenschaft.
Dagegen kommt ein anderer wichtiger Weggefährte derart schlecht weg, dass man schon von Teufellästerung sprechen muss: sein langjähriger Kabinettschef Erwin Teufel. Was der Autor über diesen Parteifreund an kleinen Bosheiten und Schmähungen in wenigen dichtgedrängten Zeilen unterbringt, trägt schon Züge einer Abrechnung. Seine Analyse der wechselseitigen Antipathie: "Für ihn war ich ein Hallodri mit Goldkette und -uhr, mit offener Krawatte und Spaß am Leben. Dinge, die sich aus einer Sicht für einen wahren Konservativen nicht gehören."
Denn dass er das ist, ein Konservativer, darauf legt Mayer-Vorfelder gesteigerten Wert. Einer, der sich lustvoll mit linken Lehrern anlegte und sie anwies, in der Schule alle drei Strophen des Deutschlandliedes zu behandeln. Und einer, der schon 20 Jahre vor "Berliner Gesprächskreisen" rechte Zirkel in der Union hofierte. Muss so einer nicht verzweifeln, wenn sein Bundesland von einem Grünen regiert wird? Die Antwort mag überraschen: Das Land, liest man, hatte in "knapp 60 Jahren das Glück, stets den richtigen Mann zur richtigen Zeit an seiner Spitze zu wissen".
Wer immer noch zweifelt, ob der Autor den Amtsinhaber darin einschließt, der liest über Kretschmann: "Er ist ein grundsolider Politiker und ein Mensch mit wertkonservativen Wurzeln", zudem "eine ehrliche Haut und zutiefst anständig."
Autor: Stefan Hupka
