Heftige Kritik an der Ditib

Norbert Wallet und KNA

Von Norbert Wallet & KNA

Mi, 09. Januar 2019

Deutschland

Grünen-Politiker Özdemir sieht klare Zeichen, dass Ankara den Einfluss auf Muslime in Europa ausbaut.

BERLIN. Deutsche Politiker und Vertreter der türkischen Gemeinde in Deutschland haben mit scharfer Kritik auf den Versuch Ankaras reagiert, Muslime in Deutschland stärker unter türkische Kontrolle zu bringen. Stein des Anstoßes ist eine Konferenz des türkischen Religionsamtes Diyanet und seines deutschen Ablegers Ditib in Köln vergangene Woche.

In der Abschlusserklärung der Konferenz, an der auch die vom Verfassungsschutz beobachtete Muslim-Bruderschaft teilgenommen hatte, wurde die Universalität des Islams betont und einem deutschen Islam eine Absage erteilt. Zudem wurde die Gründung eine Sekretariates in Ankara beschlossen, das die Zusammenarbeit der Muslime in Europa koordiniert.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir sagte der BZ, mit den Kölner Beschlüssen strecke "Erdogan seinen langen Arm immer weiter nach Europa aus". Mit seiner Mär von der erzwungenen Assimilation "schürt Erdogan Ängste". Moscheen seien Orte des Gebets und der Begegnung – "Hetze und Spitzeleien haben dort rein gar nichts zu suchen", sagte der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete. In Berlin und Brüssel müssten nun "Alarmglocken schrillen, wenn eine ausländische Regierung derart Gotteshäuser in Europa missbraucht."

Markus Grübel, der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, sagte, er lehne "die politische Einflussnahme aus dem Ausland auf in Deutschland lebende Muslime klar ab". Der Islam, den die hier lebenden Muslime praktizierten, müsse "die deutschen Werte achten". Die Verantwortlichen der Konferenz hätten gut daran getan, "die deutschen Ansprechpartner zu beteiligen, die Öffentlichkeit zu informieren und sich klar von radikalen Gruppen abzugrenzen". Grübel verwies darauf, dass Befragungen von Muslimen deutlich machten, dass sich die Mehrheit an europäischen Werten orientiere.

Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster forderte Islamverbände wie die Ditib und liberale Muslime dazu auf, "deutliche Signale Richtung Ankara" zu senden. Es gehe um "ein klares Bekenntnis zu den Zielen der deutschen Islamkonferenz, für mehr finanzielle Autonomie der Moscheegemeinden und für eine klare Distanzierung von islamistischen Gruppierungen". Schuster sagte der BZ weiter: "Einen aus der Türkei gesteuerten fundamentalistischen Islam werden wir in Deutschland nicht akzeptieren." Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, ging auf Distanz. "Wir sehen die Einflussnahme aus Ankara kritisch. Wir brauchen mehr Dialog zwischen Muslimen und staatlichen Institutionen in Deutschland und nicht weniger."

Vor dem Hintergrund der Konferenz ist auch die Wahl eines neuen Vorstands zu sehen, den die Ditib zu Wochenbeginn bekanntgab. Sie beteuert zwar, man wolle damit "die seit nahezu drei Jahren andauernden Debatten entschärfen und einen Neuanfang starten". Eine echte Wahl war das aber nicht: Denn der Vorsitzende des Ditib-Bundesverbands ist qua Amt der türkische Botschaftsrat für Religionsangelegenheiten. Zudem soll der im Amt bestätigte Vizevorsitzende Ahmet Dilek nach dem Putschversuch 2016 als früherer Religionsattaché Informationen über Erdogan-Gegner Ankara gemeldet haben.

"Wenn sich die Reformkräfte innerhalb von Ditib nicht durchsetzen werden, wird es da über kurz oder lang zu Abspaltungen kommen", sagte Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp (FDP). Die Landesregierung setze darauf, die Reformkräfte zu stärken.