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10. November 2008 18:14 Uhr

Achse schon bei Anfahrt geborsten

ICE entging nur knapp einer Katastrophe

Die Fahrgäste des ICE 518 entgingen im Juli wohl nur knapp einer Katastrophe: Die Achse des Kölner Unglücks-ICE ist während der Anfahrt des Zuges aus Frankfurt geborsten.

  1. Wie sicher ist der ICE? Foto: ddp

Das geht aus dem Zwischenbericht der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) hervor, der bereits seit September vorliegt, aber erst jetzt bekannt wurde.

Spätestens bei der letzten Beschleunigung sei der Wellenbruch erfolgt, stellen die Gutachter fest. Eine genaue Ursache für den Schaden können die Experten noch nicht nennen. Die Fahrgäste des am 9. Juli entgleisten ICE hatten Glück. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln beschleunigt der Schnellzug auf 300 Kilometer. Ein Unglück bei diesem Tempo wäre kaum ohne viele Todesopfer geblieben.

Bereits Ende September stellte die BAM einem kleinen Kreis die ersten Ergebnisse der Analyse vor. Dazu gehörten neben der Bahn das Eisenbahnbundesamt (EBA) und die Staatsanwaltschaft Köln, die bei der Spurensuche die Fäden in der Hand hält. Unter Verweis auf die Zuständigkeit wollen sich weder der Konzern noch die Kontrollbehörde äußern.

Die Kölner Ermittler warten auf den Endbericht, für den noch weitere Untersuchungen erfolgen sollen. Die Materialprüfer vermuten einen Ermüdungsbruch. Ein kleiner Riss, der nicht entdeckt wurde, führte danach letztlich zum "Restgewaltbruch", wie es im Zwischenbericht heißt. Unter anderem könnten Materialfehler dazu geführt haben. Entdeckt wurde der vorzeitige Verschleiß nicht einmal bei der letzten Sichtprüfung der Achsen zwei Tage vor dem Unfall.

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Mittlerweile sind zwei weitere Achsen mit Rissen gefunden worden. Der ICE-Verkehr bleibt noch einige Zeit beeinträchtigt, weil die Untersuchungsintervalle deutlich reduziert wurden. "Sicherheit ist das oberste Gebot", betont Bahnchef Hartmut Mehdorn. So müssen die Hochgeschwindigkeitszüge alle 30 000 Kilometer zum Check in die Werkstatt, zehnmal so häufig wie vor dem Unglück. Deshalb fehlen täglich rechnerisch 40 ICE auf der Strecke. Die bereits bekannten Fakten lassen bei manchen Kritikern einen schweren Verdacht aufkommen. Der Konzern habe von den fachlichen Diskussionen um die Haltbarkeit des Materials gewusst und trotzdem die Prüfintervalle ausgeweitet, wirft der Grüne Verkehrsexperte Winfried Hermann dem Vorstand vor. "Die Bahn hat angesichts des Börsengangs das Maximale herausgeholt", vermutet der Bundestagsabgeordnete. In der Bahnzentrale wird dieser Vorwurf scharf zurückgewiesen. Derweil treibt Mehdorn das Projekt Teilprivatisierung erneut voran. Nach der Absage des Börsengangs will er Kanzlerin Merkel einen außerbörslichen Anteilsverkauf schmackhaft machen.

Autor: Wolfgang Mulke