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28. Januar 2012
Erinnerung
Marcel Reich-Ranicki spricht im Bundestag über die Befreiung von Auschwitz
Holocaust-Gedenken in bewegten Zeiten: Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erinnert der Juden-Vernichtung im Warschauer Ghetto. Aber zunächst schweigt er, dieser vom Alter gezeichnete Mann.
BERLIN. Marcel Reich-Ranicki soll unter der gläsernen Kuppel des Bundestags das Unvorstellbare vorstellbar machen, soll vom Holocaust erzählen, der systematischen, industriell perfektionierten Vernichtung der Juden. Aber zunächst schweigt er, dieser vom Alter gezeichnete Mann, der klein aussieht auf seinem schlichten Stuhl inmitten des historischen Reichstagsgebäudes, in dem jene finstere Zeit einst politisch begründet wurde, von der Reich-Ranicki erzählen soll. Er mustert lange die Abgeordneten und Ehrengäste.
Bundespräsident Christian Wulff hat vor ihm Platz genommen, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, ebenfalls. Hinter ihm, auf der Regierungsbank, hat Kanzlerin Angela Merkel fast ihr komplettes Kabinett versammelt und Bundestagspräsident Norbert Lammert hat zu Beginn der Gedenkstunde einfühlsam an den Grund erinnert, weshalb man sich heute versammelt hat. Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Es ist das Datum, an dem seit 1996 in Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.Werbung
Reich-Ranicki lässt die Stille, die ihn umfängt, wirken. Er dreht sich um zur Kanzlerin, deutet mit gespieltem Erstaunen auf die eigene Brust, als wolle er sagen: "Was? Ich soll reden? Hier? Ist das wirklich wahr?" Es ist wahr. Und Reich-Ranicki beginnt langsam zu sprechen an jenem Ort, an dem nach zwei überwundenen Diktaturen seit 1999 ein demokratisch geläutertes Deutschland über seine Zukunft befindet.
Reich-Ranicki, dem einst ebenso furiosen wie gefürchteten Redner und Großkritiker der Literatur, fällt das Reden schwer. Er ist 91 Jahre alt. Nicht fähig, allein zu gehen, muss er von Lammert, Wulff und Voßkuhle auf seinen kurzen Wegen gestützt werden. Aber er hat sich diesen Moment von der Mühsal des Alters nicht entreißen lassen. Und bringt alle Kraft auf, in lakonischer Präzision das Grauen fühlbar zu machen. Es sind zunächst nur Bruchstücke, die haften bleiben, weil man Reich-Ranicki so schlecht versteht, Puzzlesteine, die man später erst anhand des ausgeteilten Manuskriptes zu einem vollständigen Bild zusammenfügen kann.
Für den Moment müssen die Zuhörer alle Sinne schärfen, um das Gesagte erahnen zu können. Selbst das Blättern der Seiten gerät lauter als das gesprochene Wort. Als spräche da einer auf einem Schiff, das langsam vom Ufer wegtreibt, zu seinen Zuhörern, die am Ufer zurückbleiben. Es sind dies bewegende Momente, die aus Versehen passieren und die selbst die klügste Regie nicht zu inszenieren im Stande wäre. Denn in diesen Minuten sitzt Reich-Ranicki dort sinnbildlich für die verbliebenen Überlebenden und Zeitzeugen, deren Stimme von Jahr zu Jahr leiser wird. Seine Rede wird zur Mahnung an die Nachgeborenen, die Geschichte weiterzuerzählen, auf dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Norbert Lammert hat vor Reich-Ranickis Rede daran erinnert, wie bitter nötig das ist. Er verwies auf eine in dieser Woche veröffentlichte Studie, derzufolge 20 Prozent der Deutschen antisemitische Ressentiments pflegen und fügte an: "Das sind für Deutschland genau 20 Prozent zu viel!"
Reich-Ranicki sagt, er trete nicht als Historiker auf, sondern als Zeitzeuge, als Überlebender. Er erzählt vom 22. Juli, jenem Tag, an dem im Warschauer Ghetto "über die größte jüdische Stadt Europas das Urteil gefällt worden war, das Todesurteil". Reich-Ranicki arbeitete damals für den Judenrat, der die Verwaltung des Ghettos organisierte. An diesem Tag zwangen SS-Männer den Judenrat zu einer Besprechung, in der sie den Befehl erteilt bekamen, die "Umsiedlung" der Juden zu organisieren. Juden sollten Abertausende Juden in den Tod schicken.
Reich-Ranicki diente der SS an diesem Tag als Protokollant. Er diktierte seiner Mitarbeiterin die Mitschrift dieser Sitzung: "Ihr also, Gustawa Karecka, diktierte ich am 22. Juli 1942 das Todesurteil, das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte". Er berichtet vom Selbstmord des Obmanns des Judenrates, der kein Mordwerkzeug der Deutschen sein wollte. Er nutzt die beklemmend schlichte, exakte Sprache des Chronisten und tritt so abermals auf in der Funktion, die ihm damals aufgezwungen worden war: als Protokollant einer massenmörderischen Bürokratie. Sein Auftritt endet, wie er begann. Still. Es dauert, bis der erste applaudiert. Reich-Ranicki hat erreicht, was er erreichen wollte. Und geht, langsam und gestützt.
Autor: Thomas Maron
